Leserbeiträge

95 Jahre Normannia-Hockey

VON LESER HANSJÜRGEN JABLONSKI
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    Der "jüngste Sproß" der Normannia-Familie feiert Geburtstag.
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    Helden von Einst. Die Hockeyabteilung im Jubiläumsjahr 1954.

Fußball ist nicht alles im Schwerzer. Das „jüngste Kind“ im Mannschaftssport der Normannia feiert Geburtstag: vor 95 Jahren, am 7. Dezember 1921, wurden die Hockeyspieler des 1. FC Normannia Gmünd den Fußballern gleichgestellt und als eigenständige Abteilung in den Schwerzerclub aufgenommen.

Über die frühen Jahre des Gmünder Hockeys ist dabei kaum etwas bekannt, aber bereits vor der Aufnahme beim 1. FC Normannia wurde dem Hockeysport gefrönt. Die Vereinschroniken der Jahre 1986 und 2004 berichten zumindest davon, dass zahlreiche SV'ler den Normannen beitraten und Hockey in den Verein brachten. Wer sich hinter diesem SV Gmünd verbirgt, ist allerdings unklar. Sollte mit dem SV Gmünd jedoch der später in der Normannia aufgegangene 1. Sportverein 1895 Gmünd gemeint sein, so wurde dort jedoch in erster Linie Schwerathletik betrieben. Der andere SV Gmünd wäre der Schwimmverein gewesen, ein weiterer SV taucht im Gmünder Adreßbuch des Jahres 1920 nicht (mehr) auf.

Willi Hildner, der Chronist zum 30-jährigem Jubiläum, erwähnte einen nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Mehrspartenverein namens VfL Gmünd als Keimzelle des Normannia-Hockeys. Als Gründerväter nannte er die Gebrüder Glatthaar, das Brüderpaar Frtiz und Gustav Knödler sowie Eugen Trah, allesamt aus dem Kaufmannstum oder der Gmünder Goldschmiedeindustrie stammend.
Nach einem ersten Freundschaftsspiel gegen den 1. Göppinger SV sei der komplette Verein der Normannia beigetreten.

Ein weites und spannendes Aufgabenfeld für die lokale Sportforschung, denn zum größten Bedauern der Hockeyabteilung sind von der Zeit von 1921 bis 1945 nur Fragmente ihrer Geschichte erhalten. Fest steht, dass der Hockeysport sehr schnell auf festen Boden in der Normannia-Familie stand. Bei wichtigen "Propagandaspielen" der Fußballer beispielsweise waren oft genug die Hockeyer mit von der Partie und leisteten an diesen heißen Wettkampftagen ihren Anteil an der Förderung des Sports.
Der bereits erwähnte Eugen Trah sowie Josef Nuding und Helmut Voß wurden mehrfach in die württembergische Auswahlmannschaft berufen.

1924 fand in Gmünd das erste größere Hockeyturnier statt. Mannschaften wie Schwaben Augsburg, Stuttgarter Kickers, Villingen und 1. FC Pforzheim gaben bei diesem Turnier ihre Visitenkarte ab, und auch die Damenmannschaft absolvierte hierbei ihr erstes offizielles Spiel. Der Hockey brachte also wohl auch die "Frauenpower" in den Verein.

Unter den ganzen Kieselsteinen der Hockeygeschichte ist noch ein Name erwähnenswert, der jüngst wieder im Zusammenhang mit der jüdischen Gedenkstätte am Kroatensteg im Gespräch war. Hugo Kahn, der in Lämmles Werk „Die Gmünder Juden“ explizit als Sportler erwähnt wird, wirbelte nämlich im Hockeydress der Normannia über die Spielfelder.

Mit dem Nationalsozialismus kamen auch im Gmünder Hockey die Änderungen zum greifen, die auch sonst den Sport veränderten, wie die Einheitssatzung mit dem „Führerprinzip“ oder dem Ausschluss für jüdische Sportler wie Kahn, der 1937 nach Südkalifornieren emigrierte.

Während die Normannia-Fußballer noch bis 1945 Ligaspiele ausführten, kam bei der Hockeyabteilung mit dem Zweiten Weltkrieg bereits 1939 der Spielbetrieb zum erliegen.

Dass das Normannen-Hockey auch heute noch exisitiert, ist nicht zuletzt Paul König und Willi Hildner zu verdanken, die 1946 aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrten. Mit sechs weiteren Hockeyveteranen wurde das Training aufgenommen, mühsam Keller und Dachböden nach verbliebenen Spielgeräten durchsucht und mit handwerklichem Geschick neue Tore zusammengezimmert. Im Frühjahr 1947 war es dann endlich soweit: Normannia konnte nach fast 8 Jahren in Ludwigsburg wieder ein Hockeyspiel austragen. Kurze Zeit später konnte gar eine 2. Mannschaft in den Spielbetrieb gemeldet werden, und auch die Tradition der Damenmannschaft wurde ab 1950 fortgeführt.

Erwähnenswert ist sicher auch die Tatsache, dass die Gmünder Normannia 1948 im Stadtgarten das erste Hallenhockeyturnier in Württemberg durchführte.

Die 1950er Jahre waren ein Wechselbad zwischen Blütezeit und Krise. Einerseits verteidigte die Hockeyabteilung ihre Nische in der Zuschauergunst gegen "König Fußball", andererseits nahm die Spielstärke bedrohlich ab, da einige Leistungsträger nach Übersee auswanderten: Fredy Pauler oder Paul König sagten "Valet", und auch Albert Rieg suchte 1954 sein neues Glück an den Gestaden der Südafrikanischen Union. Auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht brachten den Verantwortlichen Sorgenfalten.

1960 bis 1962 trat der Inder Amrit Singh Datt im Normanniadreß an, eine Zeit, in der sich die Hockeyer den oftmals durchweichten Hartplatz noch mit den zahlreichen Fußballmannschaften oder gar den Radballern teilen mußten. Die längst fällige Erneuerung machte einen Umzug nötig, und so suchte und fand die Hockeyabteilung ihr Exil beim SV Rehnenhof und den Sportfreunden Gmünd, ehe man am 17. November 1963 wieder im Schwerzer den Ball jagen durfte.

Während in der Halle die Normannia durchaus zu gefallen und gewinnen wußte, blieben auf dem Feld häufig nur Mittelfeldplätze im Ranking übrig. 1975, der Altersdurchschnitt der 1. Mannschaft erreichte fast das Schwabenalter (39 Jahre), mußte ein Generationswechsel stattfinden und hierfür erstmal Jugendmannschaften herangezogen werden.

Wichtiger denn je ist auch heute, in den Zeiten eines demographischen Wandels, eine gezielte Jugendarbeit für die Hockeyer, die sich ihren guten Ruf auch durch ihre vorbildliche Jugendförderung erworben haben.

Heute spielt Normannia in der 2. Verbandsliga vor oftmals sehr bescheidenen Zuschauerrahmen. Dabei hat dieser Sport wahrlich mehr Fans in Gmünd verdient, und dazu muss man nicht erst auf den 100. Geburtstag im Jahr 2021 warten. Gelegenheit dazu bietet sich am 30. April, wenn die Normannen auf den HC Heidelberg treffen. Abteilungsleiter Marcellinus Schäffauer und das gesamte Hockeyteam freuen sich über jeden Gast am Spielfeldrand.

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© Hansjürgen Jablonski 03.12.2016 11:28
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