Mal gruselig, mal faszinierend schön

Kanaren Der Karneval von Teneriffa ist einer der glanzvollsten der Welt. Jedes Jahr zieht das bunte Treiben Zehntausende Touristen an, denn die Gassen sind gefüllt mit allerlei Kostümträgern.
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    Foto: Franz Lerchenmüller

Ägyptens Gräber haben sich geöffnet und eine Schar goldschimmernder Pharaonen ausgespuckt, alle eher gesetzteren Alters, und kleine Bäuchlein haben sie auch. Ihnen auf dem Fuß folgen Clowns mit sechs Köpfen, zwei rosa geblümte Lampenschirme und bunte, menschliche Torten mit dreistöckigem Aufbau – zum wiederholten Mal fragt man sich, wie die Träger ihre gewagten Kreationen wohl technisch realisiert haben. Mondäne 20er-Jahre-Schönheiten mit Federboa und Perlenketten werden hofiert von kugelförmigen Kannibalen, während ein paar Jungs, sehr große Jungs, sich laut plärrend in ihrem Laufstall durch die Straße schieben. Grinsende Schrumpfköpfe, kreischende Fischweiber, Rokoko-Kokotten mit Schönheitsfleck – es ist, als hätten sich die Protagonisten fröhlicher Comics und uralter Märchen zu einem Bilderbogen menschlicher Sehnsüchte und Ängste formiert.

Die Parade am Freitagabend eröffnet traditionell den Karneval von Santa Cruz und gibt einen Vorgeschmack auf die kommende Woche. 220.000 Einwohner hat die Hauptstadt von Teneriffa. Mindestens ein Drittel davon, meint man, müssten heute abends unterwegs sein.

Der Karneval auf der Insel geht bis ins 18. Jahrhundert zurück, die Umzüge finden seit 1900 statt. Seine Hochzeit waren die 1930er Jahre, als viele ausgewanderte Tinerfeños, wie die Bewohner korrekt heißen, aus Südamerika zurückkehrten, mit Feuer im Blut und Temperament in den Beinen.

Diktator Franco verbot alle derartigen Festivitäten, aber unter dem Namen „Winterfest“ wurde ab den 1960er Jahren wieder munter gefeiert. Heute ist der Karneval von Teneriffa einer der größten und glanzvollsten der Welt und zieht jedes Jahr Zehntausende von Touristen an. Am Sonntag ist Familientag. Wieder bevölkern ganze Heerscharen die Straßen und Gässchen. Purpurne Seesterne, weißblaue Husaren und eine ganze Abordnung schnorchelnder Darth Vaders posieren für Fotos. Zwischen 100 und 200 Euro geben die Eltern für ein schönes Kostüm aus. Aus allen Richtungen bimmelt und wummert es, irgendwo tritt immer eine der 25 Murgas auf.

Die Amateurgruppen haben oft eine lange Geschichte und greifen in ihren Liedern Themen wie Korruption beim Straßenbau oder Schlendrian in der Verwaltung auf. Oder sie spotten über Zeitloses, wie die Inkompatibilität von Mann und Frau. Ihre Kollegen und Kolleginnen von den Rondallas dagegen zeigen sich eher gesetzt in klassischen Kostümen und schmettern auch schon mal Arien aus „Tosca“.

Die große Stunde der Comparsas wiederum, der Tanzgruppen, schlägt erst am Dienstagnachmittag, beim Coso, dem großen Umzug über die Uferstraße. Alles wippt, alles tänzelt, alles wirbelt, alles schwingt. Tausende von Pfauen, Straußen und Fasanen mussten Federn lassen für die glitzernden Kostüme, die knappen Tangas und die strassbesetzten BHs. It’s Showtime now – ein Jahr disziplinierter Arbeit liegt hinter den Salsa- und Sambaamateuren. Und jetzt scheint alles so leicht und gekonnt.

Der Rhythmus der Trommeln wird untermalt vom Dröhnen der Pauken. Schon rückt der Zug wieder vor und bietet neue Bilder: Asiatische Tempeltänzerinnen, gelb gehörnte Widder in rosa Plüschröckchen, Meeresgetier mit schillernden Schuppen. Auch die Hexe auf Rollerblades ist wieder unterwegs. Und immer wieder entdeckt einer der Teilnehmer einen Bekannten in der Menge, schert aus, schüttelt Hände und verabredet sich für später – feste Abläufe und anarchische Fröhlichkeit gehen prima zusammen.

Stunden später zerstreuen sich Zuschauer und Teilnehmer, füllen die Bars und diskutieren Flops und Highlights. Ein bisschen bange ist den meisten. Vier Tage dauert der Karneval noch. Dann kommt die Fastenzeit. 51 Wochen, ein ganzes, langes Jahr, ehe sie wieder beginnt, diese eine tolle Woche.

Spezialitäten vor Ort probieren

Übernachten
Iberostar Grand Hotel Mencey: Das Haus ist im Kolonialstil gehalten und verfügt über alle Annehmlichkeiten eines 5-Sterne-Hauses: Schönes Spa, stilvoll eingerichtete Zimmer, exzellentes Frühstück. Auch die Lage besticht: Einmal durch den Park und man ist im Karnevalgeschehen, www.iberostar.com (DZ 150 Euro). Hotel Colon: Nicht weit zum Hafen, wo die Umzüge stattfinden. Gepflegt, angenehm, preiswert, www.hotel-colonrambla.com (DZ 80 Euro).

Essen und Trinken
Spezialitäten sind geräucherter Ziegenkäse, Pujero, ein ländlicher Eintopf, und Almogrote, Käsepaste mit Chili.

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© Gmünder Tagespost 17.02.2017 16:42
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