Der Alltag frisst das Urlaubs-Feeling

Psychologie Wer frisch aus dem Ferien zurück ist, fasst gute Vorsätze: alles ganz ruhig angehen lassen. Doch auf dem Weg in die eigenen vier Wände, kann die Erholung schnall dahin sein.
  • d1f0260d-29a8-44e6-b149-562dc0c9f6b4.jpg
    Fotos: Torbz/Fotolia und Rainer Sturm/pixelio
Es soll ja Zeitgenossen geben, die sich darauf freuen, wieder nach Hause zu kommen. Beneidenswerte Kreaturen, die darauf brennen, in den Alltag einzutauchen wie gestern noch in den blubbernden Whirlpool des Wellnesshotels. Doch solche Menschen sind selten. Die meisten haben ein mulmiges Gefühl, wenn es um das Heimkommen geht.

Stress kurz vor Schluss

Das Urlaubsende beginnt bereits etwa zwei Tage vor der Rückreise. Plötzlich fallen einem Leute ein, die ein Mitbringsel brauchen. Oder eine schöne nostalgische Postkarte. Oder eine glaubhafte Schilderung der Architekturdetails der örtlichen Kathedrale. Unruhe kommt auf.

Manche verlieren die Nerven derart schnell, dass sie schon Tage vorher am Packen sind. Andere zelebrieren das letzte Bad im Meer wie einen rituellen Akt. Duschen danach nicht mehr, damit das Salz auf der Haut bleibt. Schauen in den Sonnenuntergang, bis die Pupillen schmerzen.

Und fassen gute Vorsätze fast wie an Silvester: Nur nicht verrückt machen lassen. Jeden Tag entspannt beginnen. Und nach der Arbeit mindestens eine halbe Stunde lang gar nichts tun. Dann wird es ernst. Die Abreise beginnt.

Der Check-out ist der endgültige Verweis aus dem Paradies. Ohne Zimmerkärtchen ist man kein Urlauber mehr. Vielleicht muss man sogar den anderen Gästen beim Ferienmachen zusehen, weil das eigene Domizil spätestens Schlag Mittag geräumt sein muss, der Rückflug aber erst für den Abend vorgesehen ist. Schlimmer noch geht es denen, die ein Ferienhaus ohne Endreinigung gebucht haben.

Sie spülen, waschen, wischen und versuchen vergebens so etwas wie adrette Sauberkeit zu fingieren. Oder die Camper, die die nasse Ausrüstung in den Kofferraum stopfen und später daheim den Zelthausrat auf dem Balkon zu trocknen versuchen. Sie haben das härteste Los.

Der nächste Akt ist die Streckenbewältigung. Auch hier lauern überall Erholungskiller. Der verspätete Rückflug ist ein Klassiker, bei dem scheinbar zivilisierte Menschen vor dem Counter zu tobsüchtigen Wilden mutieren können. Der andere Klassiker ist der Rückreisestau. Sein harmloserer Verwandter ist der „zäh fließende Verkehr mit zeitweiligem Stillstand“. Zusammen mit quengelnden Kindern führen derlei Zumutungen schnell zum festen Vorsatz der Ehescheidung.

Auf der Zielgeraden

Die letzten 100 Kilometer sind am gefährlichsten. Man will sie nur noch runterspulen, aber genau dann kommen die Probleme: Unfälle, Gafferstaus, Platzregen, Reifenpannen, Wanderbaustellen oder Wintergewitter. Alles ist möglich, irgendetwas davon passiert garantiert. Aber irgendwann hat die Qual ein Ende. Der Blinker tickt zur Ausfahrt.

Die letzten Kilometer bis zur Wohnung zählen schon nicht mehr. Dann wird der Motor endlich abgeschaltet und der Kofferraum geöffnet. Alles rennt treppauf, treppab, schleppt Gepäck. Endlich die Wohnung aufschließen. Den leicht muffigen Verlassenheitsgeruch der Räume einatmen. Aber die Nachbarin hat liebevoll die Pflanzen gepflegt. Der Hibiskus auf dem Balkon blüht wie nie zuvor. Da wird man später den Urlaub verlängern, denkt man naiv und hastet weiter.

Ein Blick auf den Poststapel lässt weder Liebesbriefe noch Hauptgewinne, sondern nur Nerviges ahnen. Wer tapfer war und in den Ferien keine E-Mails gelesen hat, wird nun geflutet. Spätestens wenn der Rechner hochfährt, ist der Kampf um die Implementierung einer dauerhaften Entspannung verloren.

Auch für Waschmaschine und Trockner, die nach zwei Wochen Pause plötzlich Hochleistung bringen müssen. Die Spülmaschine hat Schonzeit bis morgen. Nur die Sprösslinge sind glücklich. Man hört sie leise in der Legokiste wühlen. Kleine Kinder verstehen sowieso noch nicht, dass Urlaub nur eine zeitweilige Abwesenheit bedeutet. Sie glauben sich in den Ferien deportiert und sind selig, wenn sie ihr Reich endlich wiedersehen. Vielleicht sollte man sich einfach dazusetzen und die Spielzeugkisten umgraben.

Letzter Akt auf dem Balkon

Der Familienvater will unbedingt noch das Auto volltanken und durch die Waschanlage fahren, damit er morgen mit spiegelblanker Karosse vor dem Büro einparken kann. So als sei nie Abenteuer gewesen. Soll er nur. Auf der Rückfahrt kann er gleich Pizza mitbringen. Vielleicht lässt sich ja noch ein Fastferienabend auf dem Hibiskusbalkon inszenieren.

zurück
© Gmünder Tagespost 17.02.2017 16:42
Ist dieser Artikel lesenswert?
451 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.