Schönheit vor der Küste Afrikas

Sansibar 30 Grad im Winter und eine denkmalgeschützte Altstadt, die an Havanna erinnert: Die Insel vor der Küste Ostafrikas ist schwer im Kommen und viel mehr als die Summe von Palmen und Strand.
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    Foto: Link Reuben/Busara
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Obama kniet sich vor die Gäste: „Bei uns kaufen meist die Männer ein, die Frauen bereiten dann die Speisen zu“, verrät der Chef im Tea House Restaurant Verblüffendes. Gebannt lauscht ihm ein bunter Kreis von Touristen. Sie sitzen auf orientalischen Kissen auf der spektakulären Dachterrasse des Hotels Emerson on Hurumzi.

Der Blick fällt über bröckelnde Altstadtfassaden aufs silbern schimmernde Meer, in dem wie bestellt gerade die Sonne versinkt. Obama kündigt Köstliches an: Huhn mit Kardamom, süßsaure Garnelen. Da unterbricht ihn ein indischer Tempel mit minutenlangem Glockengeläut.

Mehr als ein Mekka für Taucher

Wenige Orte in der Welt entfalten Mystik allein durch ihren Namen und so mancher entpuppt sich als Fata Morgana, wenn wir auf unserem Fantasie-Teppich angeflogen kommen. Sansibar aber, Weltkulturerbe, Gewürzinsel und Tauchparadies, hält stand. Aus Holzkohleöfen des Forodhani-Nachtmarkts steigt Rauch in den sternenklaren Himmel. Promenierende Schönheiten verwirren die Sinne mit Jasmin- und Sandelholzparfüms. Ohne Sansibar-Stadt, die gänzlich aus Korallenstein gebaute Hauptstadt, wäre Sansibar nur ein weiteres Inselparadies im Indischen Ozean – so ist es eine Insel mit Eigenleben, Afrika zum Anfassen.

Noch nicht überlaufen

Halb so groß wie Mallorca und 40 Kilometer vor der Küste Tansanias gelegen, ist die kosmopolitische Insel schwer im Kommen, aber noch nicht überlaufen. 30.000 Deutsche machten hier 2016 Urlaub. Wie Marrakesch auf Sylt wirkt das afrikanische Eiland – mit einer guten Prise Kuba. Denn wie Havanna wurde die Altstadt, ein Juwel mit arabischen Palästen, indischen Handelshäusern, verzierten Balkonen und wertvollen Holztüren, vergesellschaftet, als die Insel 1964 mit Tanganjika zum sozialistischen Tansania vereinigt wurde und wie in Fidel Castros Reich ging die Rechnung nicht auf: Die Perle zerfiel.

Aufbruchstimmung

Doch nun herrscht Aufbruchstimmung: Sansibar ist der Nachwuchsstar unter den Inseln im Indischen Ozean. Das Hämmern der Zimmerleute, die aus dünnen Holzstangen abenteuerliche Gerüste vor baufällige Bauten setzen, ist überall zu hören. Plötzlich wie ein Schleier legt sich – sechs Grad südlich des Äquators – allabendlich die Dunkelheit über Stadt und Strand, verschluckt die Silhouetten der Dhow-Holzsegler, die jahrhundertelang als Handelsboote zwischen Afrika, Arabien und Indien kreuzten. Sie brachten den bunten Bevölkerungsmix nach Sansibar und schaukeln heute Urlaubercliquen zum Tauchen.

Späte Abkehr von Sklaverei

200 Jahre lang gehörte der Archipel mit zwei Haupt- und 40 meist unbewohnten Nebeninseln zum Sultansreich Oman, wurde reich durch den Handel mit Sklaven, Elfenbein, Gewürznelken. Seit Sansibar mit dem großen Aufräumen begonnen hat, kommen auch dunkle Kapitel seiner bewegten Geschichte wieder zum Vorschein. Urlauber aus aller Welt strömen durch die Räume der gut gemachten, ersten Sklavenhandel-Ausstellung in der anglikanischen „Church of Christ“.

Aluminium-Schautafeln verkünden bittere Wahrheiten: Sansibar schuf als einer der letzten Staaten der Welt erst 1907 die Sklaverei ab. Kuratorin Marija Kovacevic musste für ihr Projekt viel Diplomatie aufbringen: „Es gab große Empfindlichkeiten auf allen Seiten.“ Neues Leben vor alter Kulisse: Auf klapprigen Straßenkarren verkaufen fliegende Händler DVD-Raubkopien. Privatinvestoren machen aus alten Palästen schicke Boutiquehotels. In Krämerläden schneidern lokale Designer wie Waiz Shelukindo trendige Afro-Mode. Vor verwitterten Plattenbauten am Stadtrand, einst von DDR-Chef Walter Ulbricht für die sozialistische Bruderinsel gespendet, leuchten plötzlich solarbetriebene Straßenlaternen.

Hauptattraktion geschlossen

Drohungen der Vereinten Nationen, dem schönen Sansibar wegen Nachlässigkeit den 2000 verliehenen Status als Weltkulturerbe zu entziehen, scheinen gefruchtet zu haben. Aber der Fortschritt ist noch nicht überall sichtbar: Ausgerechnet das majestätische Haus der Wunder, die Hauptsehenswürdigkeit an der Uferpromenade, ist geschlossen – wegen akuter Einsturzgefahr. Dabei galt der frühere Sultanspalast als Symbol des Fortschritts, es war das erste Haus mit Elektrizität südlich der Sahara.

Wo der Pfeffer wächst

Die Traumstrände liegen an der Nord- und Ostküste. Auf kürzlich verbesserten Landstraßen geht’s an sattgrünen Mangobäumen und Lehmhütten vorbei zu den Urlaubshochburgen. Im Jozani Forest, dem letzten erhaltenen Urwald, sieht man mit Glück seltene Äffchen von Ast zu Ast hüpfen, auf Gewürzplantagen im Landesinnern erfahren Besucher, wo und wie der Pfeffer wächst.

Literatur und Jazz live erleben

Anreise
Mit Turkish Airlines direkt aus 13 deutschen Städten über Istanbul nach Sansibar, www.turkishairlines.de.

Unterkunft
Blue Oyster Hotel, strohgedeckte Oase bei Jambiani, DZ ab 90 Euro, www.blueoysterhotel.com.
Baumhäuser und urige Bungalows, Robinson’s Place, DZ ab 60 Euro, www.robinsonsplace.net. Hiliki House, ruhiges Kolonialstil-Hotel in grüner Lage, DZ ab 65 Euro, www.hilikihouse-zanzibar.com.

Termine
Größtes Musikfestival Afrikas, Sauti za Busara, www.busaramusic.org.
Literatur- und Jazzfestival im August/September, www.jahazifestival.com.

Deutsche haben im vergangenen Jahr ihren Urlaub auf Sansibar verbracht.

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© Gmünder Tagespost 17.02.2017 16:49
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