Romantik mit kulturellem Flair

Sardinien Vom höchstgelegenen Punkt des Ortes Castelsardo hat man nicht nur einen tollen Ausblick. Im Innern der Festung kann man mehr über die alte Traditionen des Korbflechtens erfahren.
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    Foto: Maren Recken

Wir bitten die Touristen gerne in unser Wohnzimmer. Das machen hier alle so, weil wir die Gastfreundschaft im Herzen haben“, erklärt Pasqualino Piga bei einem Glas selbst gekelterten Wein, während seine Frau Ignazia in der Küche den Espresso aufsetzt. Gastfreundschaft auf sardisch. Kurz zuvor sind die Besucher noch allein durch den historischen Ortskern von Oliena spaziert. Jetzt sitzen sie mit den Dorfbewohnern am Tisch und erleben deren Heimatdorf, anstatt es einfach nur zu besichtigen.

Oliena ist eines von sieben Dörfern auf Sardinien, die am Programm „Borghi di Eccellenza“ teilnehmen. Einem Programm, das unter anderem kulturerhaltende städtebauliche Maßnahmen in Dörfern finanziell unterstützt. Und das eben diese „schönsten Dörfer“ Sardiniens als Ziel für all diejenigen bewirbt, die gerne abseits von Massentouristenpfaden reisen, nachhaltigen Tourismus schätzen und dabei die lokalen und kulturellen Besonderheiten der besuchten Dörfer kennenlernen möchten.

Wunderbare Innenhöfe

Eine Besonderheit Olienas sind die Cortes. Das sind Innenhöfe, um die herum einst die Wohnhäuser erbaut wurden. Über Jahrhunderte waren diese Innenhöfe Lebens- und Arbeitsort und gleichzeitig sozialer Treffpunkt. Rund 300 solcher Cortes verstecken sich im historischen Stadtkern von Oliena in verwinkelten Gassen hinter Holz- und Metalltüren. Manche bröckeln dem Verfall entgegen und sollen nun im Rahmen der „Borghi di Eccellenza“ wieder restauriert werden.

In der Via Monte Grappa 5 ist es ausdrücklich erwünscht, dass die Touristen in den Innenhof eintreten und von dort aus die steilen Steinstufen in einem der an den Hof angrenzenden Häuser hinaufsteigen.

Dort ist ein kleines Privatmuseum eingerichtet, das Einblicke in das Alltagsleben von einst gibt. Einige Gassen weiter fertigt Franco Corrias Geldbeutel, Gürtel und Schuhe mit Materialien und Techniken, wie sie bereits seine Vorfahren anwendeten. Berühmtester Träger der handgemachten Schuhe aus Oliena, die in diesem Fall ausnahmsweise aus weißem Leder gefertigt wurden, ist Papst Franziskus.

Das Korbflechtmuseum zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten auf ganz Sardinien.

Manuela Tugulu

Jahrhunderte alte Tradition

Aggius ist ein kleiner, properer Ort in der durch die typischen Granitfelsen geprägten Region Gallura. Hier ist das Teppichweben zu Hause. Eine Tradition, die seit Jahrhunderten von Mutter zu Tochter weitergegeben wird. Im ethnografischen Museum von Aggius werden in Workshops Fertigkeiten im Teppichweben oder im Einfärben der Wolle mittels Pflanzenfarbe vermittelt.

Das Banditenmuseum erzählt nicht nur von den kriminellen und mordenden unter den Banditen, sondern auch von den Banditen, die von der Bevölkerung geschützt und respektiert wurden. Denn diese, oft als Helden verehrten, Banditen stellten die traditionellen Moralvorstellungen über die repressiven Gesetze und die Ausbeutung durch die spanische Fremdherrschaft oder des Königreichs Sardinien-Piemont infrage. Probleme mit der „Fremdherrschaft“ haben übrigens auch im modernen Sardinien noch einige. Die sardischen Separatisten würden am liebsten der italienischen Regierung in Rom den Rücken kehren und ein eigenständiges Sardinien proklamieren.

Eines der schönsten Städtchen Nordsardiniens ist Castelsardo, findet zumindest Fremdenführerin Manuela Tugulu, die den Besucher zum höchstgelegenen Punkt des Ortes führt, dem Castello. Eine Verteidigungsanlage, die um 1250 entstanden ist. Noch heute beeindruckt das Castello mit imposanten Mauern, die direkt aus dem Felsen zu wachsen scheinen. Uneinnehmbar thront sie auf dem Felsen, während auf dem Meer weit unten die Schiffe ameisenklein wirken. Im Inneren der Festung ist ein Korbflechtmuseum untergebracht. „Es zählt zu den meistbesuchten Museen auf ganz Sardinien“, erzählt Manuela Tugulu – in Deutschland aufgewachsen – in perfektem Deutsch und erläutert, dass das Korbflechten früher jede Frau beherrschen musste. Damals waren die Körbe innen aus Seegras und außen aus Palmblättern. Diese Materialien, in Verbindung mit einer speziellen Flechttechnik, machten die Körbe wasserdicht und damit alltagstauglich. Noch heute werden in Castelsardo Körbe geflochten. Wer einen davon als Souvenir erstehen möchte, sollte am besten direkt bei einer Korbflechterin im Ort kaufen, rät die Fremdenführerin. „Torrai bocce“ verabschiedet Pasqualino Piga seine Gäste auf Sardisch, möget ihr wiederkommen. Eine Aufforderung, der gerne nachkommt, wer die „schönsten Dörfer“ Sardiniens bereist hat.

Urlaub auf der Insel

Anreise
Flug ab Stuttgart, etwa mit Eurowings ab April. Flug ab München, zum Beispiel mit Airberlin nach Olbia.

Unterkunft
Hotel Italia: zentral gelegenes 3-Sterne-Haus mit guter Flughafenanbindung, DZ inklusive Frühstück ab 80 Euro, www.hotelitaliacagliari.com.
Hotel Sandalia: drei Sterne, in Zentrumsnähe, DZ inklusive Frühstück ab 90 Euro, www.hotelsandalia.com. Hotel Panorama in Olbia, 4-Sterne- Hotel mit Dachterrasse im historischen Zentrum gelegen, DZ inklusive Frühstück ab etwa 130 Euro.

Allgemeine Infos
2017 wurde zum Jahr der Borghi erklärt. Dadurch soll nachhaltiger Tourismus in den ursprünglichen Dörfern des Hinterlands gefördert werden. Dafür soll ein nationales Forum Richtlinien und einen Atlas der Borghi erstellen. Basis dafür soll der Reichtum an Geschichte, Kultur und Tradition der Borghi sein, die die Touristen auf authentische Weise kennenlernen sollen. Mehr unter www.borghipiubelliditalia.it/en.

Tun oder lassen?
Auf jeden Fall sollten Sie den typischen Grappa „Fillu ‘e ferru“, zu Deutsch Eisendraht, probieren. Der Name geht darauf zurück, dass der illegal gebrannte Schnaps mit einem Eisendraht versehen wurde, bevor er im Garten vergraben wurde. Auf keinen Fall sollten Sie einen waschechten Sarden als Italiener bezeichnen. Was den Nationalstolz angeht, sind die Sarden empfindlich.

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© Gmünder Tagespost 17.02.2017 17:01
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