Schwimmend durch den Ärmelkanal

Inselurlaub Ein paar Quadratmeter Großbritannien mit Südsee-Flair: Das ist die Inselgruppe der Scillies, im Südwesten Großbritanniens. Manches Eiland lässt sich auch im Wasser umrunden.
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    Foto: Martin Tschepe

Wer beim Schwimmen vor den Scilly-Inseln auf Nummer sicher gehen will, der sollte sich mit Nick Lishman in Hugh Town verabreden. Nick lebt seit fast 20 Jahren in der größten Siedlung auf St. Mary’s, er kennt die kleinen Inseln draußen im Atlantik und das Meer wie seine sprichwörtliche Westentasche.

„Nobody did that before“, sagt Nick und grinst. Soweit er wisse, „hat das noch keiner vor euch gemacht“ – einmal um St. Mary’s herum schwimmen. St. Mary’s ist die größte der rund 140 Inselchen und Felsformationen etwa 45 Kilometer vor Land’s End in Cornwall, Großbritannien.

Der Tag ist wie gemacht für dieses individuell organisierte Langstreckenschwimmen, das Nick mit einem Schlauchboot begleiten wird. Der graue Himmel ist aufgerissen. Das Wasser schimmert azurblau. Die Wellen sind klein. Rund zwölf Kilometer stehen auf dem Tagesprogramm, schätzt Nick. Es sollen ein paar mehr werden. Egal.

Nick betreibt zusammen mit seiner Frau Bryony auf St. Mary’s ein Bed-and-Breakfast-Hotel, das Mincarlo. Seit drei Jahren organisiert Nick auch Urlaube speziell für Schwimmer und andere (Wasser-)Sportler. Er ist Mitveranstalter der Scilly-Swim-Challenge. Wer von Insel zu Insel kraulen will, ist bei Nick in guten Händen. Und wenn ein paar Sportler auf die verrückte Idee kommen, St. Mary’s zu umrunden, dann sagt Nick: „Super Idee, bin dabei.“ Wer weiß, vielleicht wird ja mehr daraus, ein Wettbewerb wie das Kanalschwimmen zum Beispiel. Oder ein Angebot für Gruppen, die in mehreren Etappen von einer Bucht in die nächste schwimmen wollen, mit Pausen zum Einkehren oder Ausruhen am Strand.

Wasser bis zum Horizont

Der Start ist in Hugh Town. Mit von der Partie ist Steve Gibson. Er hat Sportwissenschaften studiert, lange in London gearbeitet. Irgendwann hatte er genug vom Stau, von den Menschenmassen. Er und seine Frau, die von den Scillies stammt, haben beschlossen: „Wir siedeln um.“ Auch sie betreiben hier ein Bed- and-Breakfast, wie gefühlt jeder zweite Scillonier. Und Steve hat spontan Zeit für das einzigartige Inselschwimmen.

Die Kleingruppe krault aus dem Hafenbecken hinaus. Und dann immer im Uhrzeigersinn um die Insel im glasklaren Wasser. Bei jedem Atemzug nach rechts: Palmen am Strand wie in der Südsee und Ausflügler auf dem Ufer-Wanderweg. Beim Linksatmen sieht der Schwimmer entweder eine Nachbarinsel – etwa St. Martin’s –oder bis zum Horizont fast nichts außer Wasser und Himmel. Grandios. Dann ruft Nick: „Wir sind am nördlichsten Punkt“ – und schon knapp ein Viertel um die Insel rum.

Robben, Seehunde – Delfine?

Mit ein bisschen Glück sehen Schwimmer vor den Scilly-Inseln Robben. Und wenn sie viel Dusel haben, vielleicht sogar Delfine. Ein paar Hundert Armzüge weiter, vor Watermill Cove, lugt tatsächlich ein neugieriger Seehund aus dem Wasser. Das Wasser hat im Hochsommer wohl gut 15 Grad. Für lange Strecken ist deshalb ein Neoprenanzug zu empfehlen. Nach gut drei Stunden Schwimmzeit erreicht die Gruppe Penninis Head, wenig später Porthcressa Beach. Die letzten Kilometer ziehen sich arg in die Länge. Nach vier Stunden: endlich Ankunft im Hafen von Hugh Town.

Die Scillies haben freilich weit mehr zu bieten als tolle Tage für Schwimmer. Wanderer können St. Mary’s an einem Tag gemütlich an Land umrunden – immer am Ufer entlang, vorbei an malerischen Buchten, an den Resten alter Siedlungen. Sie können nachts einen grandiosen Sternenhimmel bestaunen und tagsüber Wildvögel beobachten.

Auf St. Mary’s kommen die Wanderer bei der Inselumrundung unter anderem an einem Café vorbei, das auch lokales Bier serviert, und am Holyvale-Weingut. Auf der Insel gibt es einen Golfplatz. Man kann segeln, surfen, Kanu fahren. Urlauber können sich ein Mountainbike leihen und im Nu fast jede Ecke des Eilands erreichen. Auf so einer kleinen Tour kommt der Radler zum Beispiel bei Christopher Perry vorbei, einem ergrauten Maler.

Die Besucher der kleinen Galerie in der Old Town Lane können dem Meister bei der Arbeit über die Schulter schauen. Perry legt dann schon mal seinen Pinsel zur Seite und erzählt - von den alten und von den ruhigeren Zeiten auf St. Mary’s im Winter, wenn die Fähre den Betrieb einstellt. Wer ein bisschen ausruhen möchte, kann sich ein Elektroauto mieten und zu einem der Strände kutschieren und abschalten. Die Scillies sind zwar kaum 50 Kilometer vom Festland entfernt, Urlaub auf den Inseln fühlt sich dennoch an wie weit weg von Europa. Südsee-Feeling eben.

Urlaub auf den Scilly-Inseln

Anreise
Von Stuttgart fliegt man am besten nach London, Easyjet, British Airways und Germanwings bieten Direktflüge ab etwa 100 Euro an. Von London mit dem Mietwagen nach Cornwall oder per Zug nach Newquay. Auf die Scilly-Inseln kommt man von Newquay, Exeter und Land’s End mit dem Flugzeug nach St. Mary’s, Preis ab 140 Euro. Die Fähre ab Penzance kostet 100 Euro.

Die Inseln
Zu dem Scillies gehören außer St. Mary’s die Inseln Breyer, Tresco, St. Martin’s und St. Agnes. Bootsverbindungen: www.scillyboating.co.uk

Wassersport
Nick Lishman organisiert Schwimm- und Sportaktionen. Ein Tag im Wasser mit Bootsbegleitung kostet pro Person rund 100 Euro, ein viertägiger Luxus-Schwimmurlaub rund 900 Euro. www.adventurescilly.co.uk

Tun oder lassen?
Was Sie tun und lassen sollten: Unbedingt länger als einen Tag bleiben und auf keinen Fall bei Regen verzagen. Bei schlechtem Wetter bietet sich das Scilly Museum in Hugh Town auf St. Mary’s an oder das Polreath Café auf St Martin’s. Schwimmen kann man immer, denn das Meer wird wegen des Golfstroms nie eiskalt.

Unterkunft
Bed-and-Breakfast-Hotel Mincarlo, www.mincarlo.info Beachfield Guest House, www.beachfieldguesthouse.co.uk, DZ/F ab 100 Euro pro Nacht.

Allgemeine Infos
www.visitislesofscilly.com

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© Gmünder Tagespost 17.02.2017 17:39
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