Leserbeiträge

Nur unter Fritz Millinger gab es einen Normannia-Heimsieg gegen Hall

VON LESER HANSJÜRGEN JABLONSKI
  • 1491560392_php2fhnIJ.jpg
    Auswärts durfte Normannia bereits zweimal einen Sieg über Schwäbisch Hall bejubeln. Im Schwerzer wartet man seit 45 Jahren auf ähnliche Jubelposen.
  • 1491560392_phpNhwiNg.jpg
    Als passiver Normanne erfolgreicher denn als aktiver: selbst Heinz Eyrainer war als Spieler sieglos gegen Hall. Als FCN-Fußballbereichsleiter gab es wenigstens zwei Auswärtserfolge.
  • 1491560393_php1Qm6KO.jpg
    Ein Blick in die Gmünder Tagespost vom 20. Dezember 1971, als Dieter Renner und Horst Raubold noch das Normannia-Trikot trugen. Auch interessant: der VfR Aalen spielte noch in der 2. Amateurliga.

Wenn am Samstag der 23. Verbandsligaspieltag angepfiffen wird, dann sind seit dem letzten Normannia-Heimsieg über die Sportfreunde Schwäbisch Hall exakt 45 Jahre und 111 Tage vergangen. Von den heutigen Akteuren auf dem Rasen war an jenem 18. Dezember 1971 noch niemand geboren, und auch der Verfasser dieser Zeilen lag noch in den Windeln. Zum Vergleich: Normannias ältester Spieler Guiseppe Catizone wird am Samstag „bescheidene“ 39 Jahre und 200 Tage alt sein.

Selbst der scheidende Fußballbereichsleiter Heinz Eyrainer konnte in seiner aktiven Zeit im Normanniadress keinen Sieg gegen Hall bejubeln. Zwar ging zum damaligen Zeitpunkt seine sensationelle Verpflichtung für die Schwerzerelf durch die Sportseiten der Region, doch erhielt der FCN seine Freigabe erst für die im Februar 1972 beginnende Rückrunde. Eyrainer streifte noch die blau-gelben Farben des FV Biberach über, der an jenem Wochenende in der Schwarzwald-Bodensee-Liga den SC Schwenningen mit 4:2 nach Hause schickte. Als Normannia-Passiver hatte er hingegen mehr Glück: Am 11. April 2015 war er Augenzeuge, als die Normannia im Haller Schenkenseestadion zum ersten Auswärtserfolg über Schwäbisch Hall kam, 2016 legte die Schwerzerelf im Optima-Sportpark nach.

Die Heimbilanz gegen die Gäste aus der Salzsiederstadt sieht in den Ligaspielen hingegen sehr ernüchternd aus. Achtmal traf man sich im Schwerzer zu Spielen der 1. Amateurliga bzw. Verbandsliga Württemberg, einmal blieb Normannia Sieger, eine Partie endete Unentschieden, bei den restlichen sechs Partien nahm sich Schwäbisch Hall den Siegerlorbeer mit nach Hause, liegt die Schwerzerelf mit 6:14 Toren in der historischen Statistik zurück.

Unter Fritz Millinger war es der Normannia vergönnt, ihren ersten und bislang einzigen Heimsieg – bis 2015 gar der einzige Sieg überhaupt – gegen die Sportfreunde feiern zu können. Die Ausgangslage war dabei gar nicht so rosig, und Millinger ließ in der Spielersitzung ein ordentliches Donnerwetter vom Stapel. In der Vorwoche gab es ein Debakel beim SC Geislingen, was unter anderem zur Entlassung von Benno Steigerwald führte, der in der 1. Amateurliga immerhin neun Tore für die Normannia erzielt hatte. Im Gegenzug schenkte man dem gerade erst 18-jährigen Linus Wollschläger das Vertrauen, gab dem A-Jugendlichen die Feuertaufe in der 1. Mannschaft. „Ein solch junger Spieler braucht den Rückhalt von den Rängen!“ forderte die Gmünder Tagespost ihre Leser in der Spielvorschau auf. Die Vorschußlorbeeren für den Amateurliga-Novizen waren berechtigt, der als Linksaußen sofort zum Publikumsliebling avancierte.

Normannia ging mit einer schnellen und sicheren Spielweise in die Partie, derweil die abstiegsgefährdeten Haller sich in der Abwehr verriegelten und auf Konter spekulierten. Schon im Vorfeld ließ Halls Trainer Frühauf verkünden: „Wir wissen ganz genau, dass wir nicht die Klasse der Gmünder haben. Nach einem glänzenden Start in der 1. Amateurliga nagen die vielen Spiele jetzt an unserer Substanz. Vielen meiner Spieler fehlt die nötige Erfahrung und Cleverness. Trotzdem wollen wir hier achtbar abschneiden keinen Anti-Fußball spielen“. Bereits im Hinspiel konnte der Aufsteiger der Normannia mit einem 1:0 beide Punkte abknöpfen, die zweite Gmünder Saisonniederlage überhaupt.

Als großer Rückhalt der Gäste zeigte sich dabei ihr Schlußmann Schwerin, der mit seinen Paraden den Normanniasturm mit den späteren Profis Horst Raubold und Dieter Renner mehrmals zur Verzweiflung brachte. Dann aber kam die 41. Minute und mit ihr ein Bombenschuß von Schwarzer, den Schwerin nicht festhalten konnte, und „Laufbold“ Raubold war schnell genug da, um den Ball über die Torlinie zu befördern. Auch in der zweiten Spielhälfte konnte das Haller Bollwerk im Tor zunächst nicht überwunden werden, ehe in der 85. Minute eine Flanke von Gerstenlauer durch ein Kopfballtor von Treder vollendet wurde – 2:0. Zwei Minuten später gelang Gunter für die Gäste das Ehrentor, und mit diesem 2:1-Sieg im Gepäck ging Normannia für zwei Wochen Gran Canaria in die Winterpause.

Zum Saisonende reichte es für die Normannen nur zum zweiten Platz, der sie aber immerhin bis ins Halbfinale der Deutschen Amateurmeisterschaft brachte – dann auch unter der tatkräftigen Mithilfe von Heinz Eyrainer. Neuling Schwäbisch Hall hingegen hielt die Spielklasse nur durch die Tordifferenz. Leidtragender war der Mitaufsteiger SV Rehnenhof, der stattdessen wieder in die 2. Amateurliga verschwand.

„Am verdienten Sieg von Gmünd gibt es nichts zu deuteln“ – solche Worte eines Haller Trainers würde man im Normannia-Stadion nach 45 Jahren gerne wieder hören. Da Fußballfans zum Aberglauben neigen, müssten die Chancen am Samstag sogar gut stehen. Spielte die Millinger-Elf vor der Partie gegen Hall einen unansehnlichen Fußball (Millinger: „Die Geislinger haben verdient gewonnen, denn sie haben mehr gekämpft. Von meiner Mannschaft bin ich enttäuscht.“), so steht die Mannschaft um Beniamino Molinari nach ihren Vorstellungen in Freiberg und zuletzt im Pokalderby in Dorfmerkingen keinen Deut besser da. Und, auch das hat Molinari mit seinem historischen Vorgänger gemeinsam: „Kein Spieler der ersten Mannschaft hat auf seinem Posten eine Hausmacht“. Wie man gegen Schwäbisch Hall gewinnt, hat Molinari bereits zweimal vorgemacht, zuletzt im Hinspiel. Er könnte jedoch in der bald 113 Jahre andauernden Vereinshistorie der erste Trainer werden, der seine Mannschaft sowohl Auswärts als auch im Schwerzer zum Sieg führte.

Eine Kleinigkeit hingegen werden die Fans am Samstag vermissen: im Gegensatz zu 1971 verlost die Normannia diesmal keine Preise an die Zuschauer. Damals durfte man sich immerhin über einen Fernseher, ein Faß Bier oder eine Dauerkarte für die Saison 1972/73 freuen.

18. Dezember 1971:
1. FC Normannia Gmünd – Sportfreunde Schwäbisch Hall 2:1 (1:0)
Normannia: Ayerle – Schindler, Gerstenlauer, Abele, Bauer, Swillus, Raubold, Renner, Schwarzer, Treder, Wollschläger – Trainer: Fritz Millinger.
Sportfreunde: Schwerin – Steringer, Diehl, Labriga, Welm, Kern, Breckel (68. Erdmann), Weiß, Runde, Gunter, Winter (76. Damen) – Trainer: Horst Frühauf.
SR: Pritsch (Sindelfingen)
Z.: 1.800
T.: 1:0 Raubold (41.); 2:0 Treder (85.); 2:1 Gunter (87.)

zurück
© Hansjürgen Jablonski 07.04.2017 12:19
Ist dieser Artikel lesenswert?
2976 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.