Per Drahtesel eine Megacity erkunden

Japan Eine Fahrradtour durch Tokio ist weit weniger gefährlich, als man denkt. In der asiatischen Weltstadt gibt es spezielle Fahrrad-Guides und Erholung bieten die ruhigen Tempelgärten.
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    Foto: Martin Wein
Durch den Großraum Tokio wuseln 35 Millionen Menschen. Mittendrin eine Gruppe Deutscher auf ihren Fahrrädern. Das kann etwas werden. Eine Radtour durch Japans Megametropole ist auf den ersten Blick die verrückteste Idee, sich der Stadt anzunähern. Doch Neil Guscadden dreht die vierstündige Runde seit vier Jahren. Damals erkannte der Englischlehrer aus Ohio seine Marktnische und machte sich als Fahrrad-Guide selbstständig.

Radtour durch die Megacity

Vor der geräumigen Garage seines Hauses im Südwesten der Stadt herrscht am Morgen kontemplative Ruhe. Gelegentlich rollt ein Auto durch die einspurigen Straßen des Wohngebiets. Gemächlich geht es los, vorbei an einigen Botschaften. Eine Frau mit westlichem Aussehen bugsiert die Hinterlassenschaft ihres Mopses in ein Plastiktütchen. Sauberkeit ist oberste Bürgerpflicht in Japan. Vor einer Hochzeitskapelle wartet ein Rolls-Royce auf Kundschaft.

In einem Werbe-Aquarium in der Fassade eines Restaurants schwimmen Kugelfische – eine Spezialität mit Adrenalinkick. Wird bei der Zubereitung die Galle angeschnitten, endet der Verzehr tödlich. „Ihnen bleibt dann nicht mal Zeit für einen Facebook-Post.“ Neil grinst und fragt, ob er gleich einen Tisch reservieren soll.

Wenig später nähern sich die Radler der Innenstadt. Vor dem Bahnhof Shibuya steht das Bronzedenkmal für Hachiko, den treuen Achita-Hund, der in den 1920er Jahren an dieser Stelle sechs Jahre auf seinen verstorbenen Besitzer wartete. Drumherum brodelt der Verkehr.

Japaner sind Radler gewöhnt

Bis zu 15.000 Menschen sollen sich abends in einem Rutsch über die von Neonreklame erhellte Kreuzung schieben, die man bei Grün in alle Richtungen überqueren kann. Am Vormittag geht das selbst mit dem Rad noch gut. Und bitte allenfalls ein „Friendly Ring“ mit der Klingel, schärft Neil ein. Japaner sind inzwischen Radler gewöhnt, aber beileibe keine Rowdys. Im letzten Moment weichen beide Seiten aus. Gerempelt wird auch in größter Eile nicht.

Weiter führt der Weg durch Straßen voller verschwiegener „Love-Hotels“. Etwa 200 soll es allein in Shibuya geben. Sie bieten Gelegenheit, der Enge im Familienapartment für eine gewisse Zeit zu entfliehen. Die Durchschnittswohnung misst schließlich gerade einmal 21 Quadratmeter und kostet 900 Euro im Monat. Jetzt am Morgen sind aber alle Kunden im Büro. Richtig voll wird es deshalb dann erst einige Minuten später vor dem Bahnhof Harajuku.

Schriller Jugendkult

In der gleichnamigen Gasse sind Tausende Teenager unterwegs – mit Crêpes, die mit Eis, Pudding oder Obst gefüllt sind und schrillen Mode-Konfektionen. Einige der Mädchen und Jungen haben sich gleich als Pokémon oder Manga-Superheld verkleidet. In der überalterten Gesellschaft dürfen die Jugendlichen fast alles, bevor sie im Berufsleben zu grauen Mäusen werden.

Ein anderes Bild vom Land bekommt man draußen im Grünen, in den vielen Parks und Gärten bei Schreinen und Tempeln, die Mensch und Natur, Ahnen und Geister miteinander in Einklang bringen sollen. In den Gärten wurde nichts dem Zufall überlassen. Selbst fallende Blätter werden von zahllosen Gärtnern einzeln auf Wegen, Steinen und Bachläufen drapiert.

Meterhoher Bronze-Buddha

Mittendrin thront hinter gruseligen Wächterfiguren mit schaurigen Grimassen seit 1300 Jahren der größte Bronze-Buddha der Welt, 35 Meter hoch. Dass der Erleuchtete bei mehreren Bränden seinen Kopf verlor, hat seiner imponierenden Aura nicht geschadet. Vor seinem Tempel verbeugen sich Rehe. Und am Rande des Geschehens leiten wohl 3000 moosbedeckte Laternen an einer Allee den Weg durch dichten Wald hinauf zum Kasuga-Taisha-Schrein. Hier mischen sich Selfie-Hysterie und abergläubische Volksfrömmigkeit. Die Industrienation hat ihren Weg gefunden, Tradition und Moderne zu verbinden.

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© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:08
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