Dichtern und Denkern auf der Spur

Literaturreisen Was bringt es für die Lektüre, wenn man den Schauplatz eines Romans oder das Geburtshaus eines bekannten Schriftstellers aufsucht? Auf jeden Fall viel sinnliche Anschauung.
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    Foto: H. D. Volz/pixelio
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    Goethes Gartenhaus in Weimar ist ein schönes Ausflugsziel – nicht nur für die Leser seiner Werke. Foto: Martin Schutt/dpa
Die britische Schauspielerin Judi Dench sagt über das Städtchen Stratford-upon-Avon, die Geburtsstadt Shakespeares, dies sei ein magischer Ort. Wer sich darunter einen außergewöhnlichen, einen zauberhaften, gar besonders schönen Ort vorstellt, der wird enttäuscht werden, spätestens dann, wenn er das Fachwerkhaus mit den niedrigen Decken und derben Eichenbalken betritt. Die Magie, von der Judi Dench spricht, hat demnach wenig mit dem äußeren Eindruck zu tun, den ein Ort macht. Die Magie entsteht offensichtlich im Auge des Betrachtes, vielleicht sogar ausschließlich im Auge des verehrenden Betrachters.

Orte mit besonderer Magie

Denn nur, wer Shakespeare kennt, sein Werk liebt, wird etwas von der Magie des Ortes spüren, wird das Haus, obwohl es vielleicht gar nicht so viel zu sehen gibt, gar nicht mehr verlassen wollen. Für alle anderen Touristen ist Stratford eine Gedenkstätte, die man sich halt ansieht, wenn man schon mal in der Gegend ist. Mehr nicht.

Der Literaturtourismus ist eine der merkwürdigsten Formen des Reisens – und eine der vielfältigsten: Er umfasst Reisen zu den (historisch nicht immer gesicherten) Geburts- und Sterbehäusern der Dichter ebenso wie zu Grabstätten, aber auch zu Schauplätzen - sowohl realen, als auch von Dichtern erfundene Landschaften.

Führung zum „Turm“

Dresden zum Beispiel bietet Touren durch die Stadt auf den Spuren von Uwe Tellkamps „Der Turm“ an: Diese Führungen sind auch Jahre nach Erscheinen des Wälzers immer noch sehr beliebt. Oder auch Küssnacht in der Schweiz: Hier werden Wanderungen durch die berühmte „hohle Gasse“ von Schillers „Wilhelm Tell“ angeboten. Armbrustschießen inklusive. Historisch ist weder die Gasse noch Tells Aufenthalt an diesem Ort zu belegen, was der Beliebtheit des Angebots allerdings absolut keinen Abbruch tut - im Gegenteil.

Was suchen Literaturtouristen denn eigentlich an den realen wie den imaginierten Orten? Zunächst einmal ist es vermutlich schlicht der Wunsch nach Anschauung. Was sind das für Ortschaften, die Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschreibt? Wie sieht das Nordfriesland Theodor Storms eigentlich aus? Versteht man den „Schimmelreiter“ eventuell besser, hat man bei Regen und Sturm im Watt mal die Orientierung verloren? Und reden die Leute dort oben wirklich so seltsam wie in der Novelle?

Mit den Augen des Literaten

Das sind Anliegen, die kann man naiv finden, man kann dieses Bedürfnis nach Lokalisierung aber auch als Versuch deuten, dem Fremden, was Literatur ja ein Stück weit immer ist, eine sinnlich-konkrete Anschauung zu verleihen. Die Reise quasi als Erfahrung, die einen nicht zu unterschätzenden Erkenntnisgewinn mit sich bringen kann.

Eine besondere Aura entsteht, wenn Schauplatz und biografischer Ort in eins fallen. Der Leser sieht mit den Augen des Dichters. Lübeck und Thomas Mann wären so ein Fall. Wer über das knarzende Parkett im Buddenbrook-Haus läuft, nimmt den Roman noch mal ganz anders in Besitz. Es kann sogar eine Art Initiation stattfinden, die durch die Lektüre im heimischen Sessel bisher nicht so recht glücken wollte. Mit dem Reprint der Erstausgabe in der Hand kann man in die Szenen des Romans eintauchen, dem Familienalltag der Kaufmannsfamilie nachgehen. Der Text wird zum Raum.

Den Geist der Epoche spüren

Der Literaturtourist wird aber nicht allein seine ästhetischen Erfahrungen bestätigt bekommen, sondern auch etwas erfahren von den Produktionsbedingungen des Autors, vom Geist der Epoche.

Walter Benjamin beispielsweise war entsetzt über die Enge des Goethehauses in Weimar. Ebenso Franz Kafka, der aber gleichzeitig – oder auch deswegen – so ergriffen war von dem Ort, dass er in einer Art sakralem Rausch die Hand an die Wand des Gebäudes auflegte.

Schauplätze geben Inspiration

Dichter gehören im Übrigen genauso zu den Literaturtouristen wie gewöhnliche Leser. Adalbert Stifter fand in Goethes Gartenhaus gar ein Vorbild für sein berühmtes „Rosenhaus“ aus dem Roman „Der Nachsommer“.

Begonnen haben die literarischen Wallfahrten im Zeitalter der Romantik. Zwar wurden schon früher die Gräber von Dichtern und Denkern besucht, aber so richtig los ging es dann erst, als Autorschaft auch eine Existenzform wurde. Lord Byron war vermutlich einer der ersten Dichter, der unzählige Leser dazu gebracht hat, auf seinen Spuren zu wandeln: womöglich bis nach Griechenland. Oder Rousseau: Schon Goethe ist an den Genfer See gereist, um sich den Schauplatz der „Neuen Heloise“ anzusehen.

Selbstverständlich kann eine literarische Reise auch scheitern. Das Fremde bleibt fremd, der Austausch zwischen Fiktion und Realität funktioniert nicht, die ersehnte Annäherung verläuft banal. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Das London von Charles Dickens nicht gefunden? Auch nicht das Paris von Marcel Proust? So wird man zurückgeworfen auf das Eigenrecht der Literatur. Und hat die Erkenntnis erlangt, dass die realen Orte die unwirklichen und die entscheidenden im Kopf des Lesers anzutreffen sind.

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© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:08
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