Idyllische Paradiese im Niemandsland

Polen Die Nationalparks im Nordosten des europäischen Landes sind wahre Kleinode der Natur. Die Wildnis bietet eine Heimat für viele Tiere und Pflanzen – und einige bemerkenswerte Menschen.
  • 282211b3-8911-4330-910b-f6ccbfe37e90.jpg
    Foto: Polnisches Fremdenverkehrsamt
Nach Litauen sind es 20 Kilometer, nach Weißrussland 25, und die russische Exklave Kaliningrad liegt um die Ecke. Hier im äußersten Nordosten von Polen endet die EU und manche behaupten sogar, die Welt. Stimmt aber nicht.

Riesige Artenvielfalt

Lebendiger als hier im kaum besiedelten Grenzland, wo sie sich ungestört entwickeln darf, ist die Natur kaum sonst wo. Wölfe, Biber, Dachse, dazu seltene Orchideen und jede Menge Vögel leben auf rund 150 Quadratkilometern im Nationalpark Wigry. Für Rohrweihe, Schreiadler, Singschwan und 203 weitere Vogelarten ist das von Seen und Flüssen durchzogene Waldgebiet ein perfektes Zuhause. An den Ufern der vielen Eiszeitseen nisten, brüten und leben sie unbehelligt.

Nur den größten, tiefsten und schönsten See müssen sie sich mit Zweibeinern teilen, denn die sind völlig verzückt vom Wigry-See. Umrahmt von waldig-grünen Hügeln, mit verträumten Buchten und zauberhaften Inselchen liegt er da, behütet vom prächtigen Kloster.

Bäume aus aller Welt

Ein Kleinod ganz anderer Art schuf Andrzej Strumillo am Rande des Nationalparks. Vor vielen Jahren kaufte der heute 90-jährige Kunstprofessor das Anwesen bei Mackowa Ruda. „Der Hof war eine Bruchbude, der Garten eine Wildnis“, erzählt er. Doch der Künstler spürte den Zauber des Ortes und erweckte ihn zum Leben: In seinem Garten, in den er auch Fremde großzügig einlädt, gruppieren sich steinerne Findlinge unter prächtigen Ginkgobäumen und zauseligen Lärchen. Aus der ganzen Welt hat er dort Bäume versammelt. Vorbei an einem Steinkreis geht es zum Flüsschen, das die Grenze zum Park markiert. Dass der Hausherr hervorragend Deutsch spricht, liegt daran, dass er im Zweiten Weltkrieg zwangsweise für die Deutschen schuftete. Auch sein betagter Hund Athena, der genauso guckt wie sein Herrchen, hat deutsche Wurzeln. Tochter Anna, Künstlerin wie ihr Vater, lebt eigentlich in San Francisco. Inzwischen verbringt sie aber rund sieben Monate im Jahr beim Vater. Auch ihr Bruder, Bildhauer von Beruf, wohnt und arbeitet zeitweise in Mackowa Ruda. Von ihm stammt die kunstvoll gezimmerte Holztür mit handgeschmiedeten Nägeln, die ins Atelier führt. Drinnen bilden die Schmiedekunst des Sohnes, die Stoffdrucke der Tochter und die Zeichnungen des Vaters ein Gesamtkunstwerk.

Idylle mit intakter Natur

„Achtung Elche“, verkündet ein Verkehrsschild an der schmalen Straße, die zum Biebrza-Park führt. Polens größter Nationalpark folgt dem Flusstal der Biebrza, und weil das Gebiet tief im Osten lange Zeit Niemandsland war, ist die Natur dort nahezu intakt.

In seinen Wäldern fühlen sich nicht nur Otter und Wölfe wohl, sondern auch eine 700 Tiere starke Elch-Population. In den Torfmooren und Sümpfen leben Schwarzstörche, Doppelschnepfen und Seggenrohrsänger, insgesamt 270 teilweise vom Aussterben bedrohte Vogelarten. Zahlreiche Zugvögel legen hier ihren Zwischenstopp ein.

Kein Wunder, dass zu Agnieszka Piotrowskas Gästen viele Vogelkundler und Naturfotografen zählen.

Mitten im Nirgendwo bin ich richtig.

Agnieszka Piotrowska,
Hotelbetreiberin

Lebenstraum in der Wildnis

Die Journalistin aus Warschau erfüllt sich hier einen Lebenstraum. „In dieser Wildnis, mitten im Nirgendwo, bin ich richtig“, erkannte Agnieszka Piotrowska bei einer ihrer Fluchten aus der lauten, quirligen Hauptstadt. Und so griff sie beherzt zu, als ein Hotelbetreiber für den Park gesucht wurde. Jetzt führt sie ein rustikales Landgut mit 25 Zimmern, beherbergt Yogagruppen, Radtouristen, Wissenschaftler und Familien.

Die nächste Straße ist 18 Kilometer entfernt, dafür ziehen sich 460 Kilometer Wanderpfade und 200 Kilometer Kajakstrecke durch den Park. Manchmal trifft man sogar einen Indianer. Der Lebenskünstler wohnt am Rande des Nationalparks und lebt von Kunst und Gästen.

Der „polnische Amazonas“

Vorbei an hellgrünen Tabakfeldern und holzverkleideten Kirchen geht es zum Narew-Nationalpark. Seinen Titel „polnischer Amazonas“ verdankt er der wild mäandernden Narew und seine Existenz mutigen Bürgern. Die protestierten einst so heftig gegen die Trockenlegung zum Zwecke sozialistischer Planwirtschaft, dass die Regierenden die Pläne in die Schublade steckten. Und dort blieben sie.

Im Park leben dafür seltene Amphibien, Reptilien, Säugetiere und Vögel. Besucher erfreuen sich an Moorfrosch, Waldeidechse und Rohrdommel. Weiter gen Süden wartet schon der nächste Nationalpark, Bialowieza, direkt an der Grenze zu Weißrussland. Der letzte Flachland-Urwald Europas setzt sich auf der anderen Seite der Grenze fort und genießt seit 1979 den Schutzstaus als Unesco-Welterbe. Seine Stars sind die Wisente. Das sind bis zu einer Tonne schwere und pflanzenfressende Landsäugetiere.

Pferde als Attraktion

In das Dreiländereck Polen/Weißrussland/Ukraine schmiegt sich der Polesie-Nationalpark mit Europas letzten Sumpfschildkröten. Sie werden hier im eigenen Schutzzentrum gepäppelt.

Durch den Park führt ein Pferde-Wanderweg. Pferde sind auch die Attraktion des Roztocze-Parks. Hier leben Koniks, Nachfahren der Tarpan-Wildpferde. Klar, dass man die Urpferde zu Fuß, zu Rad und per Pferdekutsche besuchen kann.

zurück
© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:10
Ist dieser Artikel lesenswert?
1038 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.