Skurriles Unesco-Erbe aus viel Beton

Frankreich Wohnblocks, die zum Weltkulturerbe gehören und der Geburtsort des Impressionismus: Le Havre ist eine bunte und vielfältige Stadt, die dieses Jahr ihren 500. Geburtstag feiert.
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    Foto: Susanne Hamann
Mit einem forschen Schritt steuert Claudia Hautôt in Richtung Mole an der Hafeneinfahrt. Es regnet in Strömen. Das hält die Kunstpädagogin nicht davon ab, am Boulevard de Clemenceau stehen zu bleiben. Besonders einladend wirkt der Ort nicht. Auf nüchterne 50er-Jahre-Betonbauten fällt der fragende Blick. „Das sind besondere Häuser“, erklärt die Stadtführerin unbeirrt lächelnd.

Mit diesen Häusern habe der Architekt Auguste Perret in Le Havre, das nach dem Zweiten Weltkrieg komplett zerstört war, dringend benötigten Wohnraum geschaffen. Die optimal durchdachten Wohnungen seien heute noch genauso gefragt wie damals. „Nicht nur wegen des günstigen Mietpreises“, betont Claudia Hautôt. Das Unesco-Komitee hat die zweckmäßig gestalteten Wohneinheiten 2011 für ihr gutes Beispiel in nachhaltig geplantem Wohnungsbau zum Weltkulturerbe erklärt.

Geburt einer Kunstrichtung

Aber wo ist das malerische Motiv, das Claude Monet einst hierher lockte? Genau hier soll der Maler 1872 seine Staffelei aufgestellt und einen Sonnenaufgang im Dunst der Morgenstunde auf seine Leinwand gebannt haben. Mit dem Werk hatte er der Malerei eine neue Richtung gewiesen, nämlich den Impressionismus.

Knapp 100 Jahre später baute der französische Staat seinen anfangs noch belächelten Naturmalern ein eigenes und damit das erste große Museum der Nachkriegszeit in Le Havre. Nachhaltig angelegtes Geld, denn jährlich steuern Heerscharen von Besuchern den Kunsttempel an. Von Paris aus zogen die Maler an der Seine entlang bis nach Le Havre. Hier im Herzen der Normandie hielten die Künstler ihre Eindrücke in sanften Farben fest.

Der Zweite Weltkrieg gab Le Havre fast den Todesstoß. Doch nach der Stunde null entwickelte sich die Stadt wie ein Phönix aus der Asche: Straßenzüge wurden neu geplant, endlose Häuserzeilen aus Beton gebaut.

Meisterwerk einer Kirche

Mittendrin erhebt sich der 110 Meter hohe Turm der Kirche St. Joseph wie ein Leuchtturm. Schlicht und nüchtern reiht sich der monumentale Betonbau ein, der den Kriegsopfern gewidmet ist. So profan das Gotteshaus von außen erscheint, im Innern verbreiten Abertausend transzendierende Glassteine eine sakrale Stimmung. Ein Meisterwerk von Auguste Perret. Der Schöpfer des neuen Le Havre hat die Fertigstellung seines gesamten Ensembles nicht mehr selbst erlebt.

Der Regen hat aufgehört und zwischen den Wolken dringen ein paar Sonnenstrahlen durch. „Bei uns wechseln die Stimmungen schnell“, sagt Hautôt. Die Impressionisten hätten immer mit schnellem Strich gemalt, um das unheimlich rasche Wechselspiel einzufangen.

Nicht nur die Stimmungen, auch die Perspektiven haben sich geändert, nachdem die Architekten um Perret der Hafenstadt zwischen mondänen Badeorten wie Cabourg, Deauville, Honfleur oder Etretât und Fécamp ein zukunftweisendes Stadtbild verordnet haben. Nur wenige Gebäude wurden an ihrem angestammten Platz wieder aufgebaut – die Markthalle etwa, an die sich das einstige Fischerviertel Quartier du Perrey anschließt. Auch die Kathedrale Notre Dame steht wie ein Monument aus der Gründungszeit im 16. Jahrhundert auf ihrem historischen Fundament. Der ehemalige Justizpalast, in dem heute das Naturmuseum untergebracht ist, könnte ebenfalls als Reminiszenz an die 500 Jahre währende Geschichte der Stadt gesehen werden.

Wie vorausschauend schon im späten 18. Jahrhundert gebaut wurde, zeigt sich am „Haus des Reeders“ mit seinem oktogonal angelegten Luftschacht. Ähnlich spektakulär erhebt sich das 1982 eröffnete und von Oscar Niemeyer als Vulkan stilisierte Kulturzentrum am Ende des Bassin du Commerce.

Hafenstadt mit grüner Lunge

Inzwischen hat sich die Sonne durchgesetzt und die Tristesse ist quirligem Leben und buntem Treiben auf dem Rathausplatz gewichen. Dem Rathaus hat Auguste Perret einen 72 Meter hohen Turm zur Seite gestellt, um das Bürgeramt nicht gar zu unauffällig vor der Größe des Platzes dastehen zu lassen.

Fast unverhofft tut sich nach all dem vielen Beton nach einem kurzen Spaziergang ein üppiges Grün auf. Die grüne Lunge der Stadt breitet sich als englischer, französischer und japanischer Garten aus. Hier entfalten sich die Kulissen der einstigen und bekannten Impressionisten. Mit ihren Picknickkörben sind sie hier hinaus in die Natur gezogen und haben unzählige Momente in dem unvergleichlichen Licht Le Havres in ihren Gemälden für die Nachwelt verewigt.

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© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:10
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