Rundgang durch die Stadt der Madonnen

Unterfranken Würzburg ist ein quirliges Freilichtmuseum der Prunk-Architektur. Bei einem Spaziergang begegnen wir lebenslustigen Genussmenschen und erfahren viel über den Frankenwein.
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    Foto: Pixabay
Eine feine Sache, dieser Brückenschoppen: Mit einem Gläschen „Escherndorfer Lump“ oder „Würzburger Kirchberg“ aus den angrenzenden Bistros und Weinschenken steht oder schlendert man auf der Alten Mainbrücke herum, plaudert und tratscht über dies und das.

Brücke als lässiger Laufsteg

Hunderte Würzburger tun das, bei schönem Wetter von mittags bis kurz vor Mitternacht. „Eine schöne Tradition, die es erst seit ein paar Jahren gibt“, sagt Stadtführerin Christina Walther. „Wir wundern uns, warum wir nicht früher darauf gekommen sind, unsere zentrale Brücke zu einem lässigen Jedermann-Laufsteg zu machen.“ Zwölf Kaiser- und Bischofsstatuen stehen darauf versteinert Spalier, darunter Mittelalter-Promis wie Karl der Große und sein Vater Pippin – im Schatten der wuchtigen Festung Marienberg auf der anderen Seite des Mains.

Zu dieser Szenerie passen Geschichten, die Gäste hier von Einheimischen erzählt bekommen. Etwa, dass Würzburgs Staatsdiener ihren Sold früher zum Teil flüssig ausgezahlt bekamen: bis zu acht Liter Wein – täglich! Deliriumsgefahr bestand wohl nicht unmittelbar, denn es war eher niedrigprozentiger Traubenmost, der aus drei eigens angeschafften „Beamtenweinfässern“ strömte. Diese meterhohen, bauchigen Holzbottiche stehen heute noch im gut 4500 Quadratmeter großen Weinkeller unter der Residenz.

Versailles in der Altstadt

Ein senfgelbes Bonsai-Versailles mit drei Gärten – italienisch, englisch und französisch angelegt, in die enge Altstadt geklotzt von Barock-Stararchitekt Balthasar Neumann – im Auftrag seines Bauherrn, Johann Philipp Franz von Schönborn, seines Zeichens Fürstbischof. Dieser seit 1168 dank Friedrich Barbarossa in Würzburg gebräuchliche Titel sagt’s schon: Schönborn verkörperte sowohl die weltliche als auch die kirchliche Macht in der Residenzstadt. Und hielt sie wohl für den Mittelpunkt der Welt, ließ sich daher mittig ins weltgrößte zusammenhängende Decken-Fresko pinseln – umrahmt von Szenen aus den vier damals bekannten Erdteilen: Indianer in Nordamerika, afrikanische Straußenvögel und asiatische Elefanten gibt’s auf dem 19 mal 32 Meter großen Gemälde über dem prachtvollen Treppenaufgang mit Galerie drumherum zu entdecken.

Um das Meisterwerk des Italieners Tiepolo (auch er bekam acht Kannen Wein pro Tag!) einigermaßen zu erfassen, ist eine mindestens halbstündige Wimmelbild-Andacht fällig – mit anschließender Nackenstarre-Garantie. Die wird man am besten los mit 180-Grad-Kopfdrehungen. Beste Möglichkeit dazu: in den Weinbergen auf einer Anhöhe namens Stein.

Toller Blick über die Stadt

Darunter liegt die Stadt wie in einer Suppenteller-Senke, ist auf dem Tellerrand umzingelt von Weinreben-Bataillonen, schnurgerade ausgerichtet zur Tellermitte. Dort durchschneidet ihn der Main wie ein Porzellanriss. Der Bahnhof, direkt unter dem Betrachter in Verlängerung seiner Fußspitzen, sieht aus wie der einer Modelleisenbahn. Dahinter ragen die Türme üppig dekorierter Barockkirchen auf. „Wir haben für jeden Sonntag im Jahr eine Kirche, also etwa 60“, sagt Guide Christina Walther „und für jeden Tag im Jahr eine Weinschenke.“ Gründe genug also, um wieder hinabzusteigen in die Altstadt zu den schönen Rokoko-Bürgerhausfassaden.

Stein und Wein – diese Dinge sind die ständigen Begleiter in Unterfrankens 127.000-Einwohner-Hauptstadt. So gilt Würzburg als die Stadt der 1000 Madonnen – an vielen Hauswänden schaut demütig eine vom Sockel, sogar in einigen der efeuberankten Innenhöfen und deren sehenswerten Treppenhäusern.

Ein Stein, diesmal als ausgewaschener, vermooster Klotz, spielt auch die Hauptrolle im verwunschenen Lusamgärtchen, einem Kircheninnenhof mit Kreuzgang-Ambiente – angeblich Grabstelle Walthers von der Vogelweide. Unglücklich Verliebte huschen hier hinein, legen Blumen auf dem Stein ab und murmeln ein Gedicht des bekannten Minnesängers. Doch wohin man sich auch treiben lässt, man landet irgendwie immer wieder auf dem Markt.

Labor von Conrad Röntgen

Die Stadt bietet auch handfeste historische Fakten: Das Labor Wilhelm Conrad Röntgens etwa, in dem er 1895 mit den nach ihm benannten Strahlen experimentierte. Heute residiert die Fachhochschule Würzburg/Schweinfurt in dem Gebäude beim Hauptbahnhof und hat zwei Räume zum Minimuseum umgestalten lassen. Darin zu sehen: eine Liege mit Apparaturen darüber, die eher an Klempner als an Klinik erinnern. Daneben ein monströser, fast deckenhoher Kleiderschrank mit weißen Stromanschlüssen obendrauf – offenbar das Herz eines der ersten Röntgenapparate. Und dann ist da noch dieser Brief Röntgens aus dem Jahre 1901. Als „ehrerbietig gehorsamst Unterzeichnender“ erbittet er darin von seinem Chef um eine Woche Urlaub. Um eine, wie Röntgen findet, wichtige Auszeichnung entgegennehmen zu können: den ersten verliehenen Nobelpreis für Physik.

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© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:10
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