Probiergläschen und Wanderschuhe

Kulinarik Gemütlich zwischen Reben spazieren, etwas über den Anbau lernen und die edlen Tropfen testen: Der Winzer Jens Rüdiger macht „Walking Weinproben“ in Keltern im Kraichgau.
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    Foto: Claudia List
Das fängt ja gut an! Die Gruppe hat sich auf einem Parkplatz am Waldrand getroffen und noch keinen Schritt getan, da gibt’s bereits die erste köstliche Probe, die perfekt zum sonnigen Wetter passt: „Rüdigers Secco“, einen Perlwein, verfeinert mit einem Schuss Rhabarbersirup.

Nicht nur der Secco, sondern auch der Sirup stammt vom Weingut Rüdiger. Alles andere würde auch nicht zu seiner Philosophie als Winzer passen, die er zum Start verkündet: „Wir wollen vom Pflanzen der Reben bis zum Ausschank alle Schritte selbst bestimmen.“ Mehr von diesen Schritten erzählt Jens Rüdiger bei „Walking Weinproben“ in Keltern, wo seine Reben gedeihen. Bei der Tour geht es nicht darum, Strecke zu machen, und keiner braucht Stöcke – außer man übernimmt sich unterwegs bei den Weinproben, wie der junge Winzer mit einem Lächeln erklärt.

Die Essigberge von Keltern

Davon gibt es einige, deshalb stattet er jeden Walker mit einem kleinen roten Stoffbeutel zum Umhängen aus, in den das Weinglas gerade so reinpasst. Damit machen sie sich auf den Weg durch die Weinberge, die oberhalb von Keltern in hügeliger Landschaft liegen, während in der Ferne schon die Höhen des Schwarzwalds zu erkennen sind. Vor rund 100 Jahren beackerten die Menschen hier noch 250 Hektar Reben und pflanzten vor allem Schwarzriesling und Müller-Thurgau. „Da wurde auch an Stellen Wein angebaut, wo es nicht sinnvoll war“, erklärt Rüdiger. So kam es zum Begriff Essigberge, von denen man auch heute noch in Keltern spricht.

Als in Pforzheim die Industrie aufblühte und dort eine leichtere körperliche Arbeit als zu Hause im Weinberg zu finden war, lagen immer mehr Flächen brach. Heute werden um Keltern, das zum Weinanbaugebiet Kraichgau gehört, rund 46 Hektar Rebfläche bewirtschaftet.

3,5 Hektar davon gehören zum Weingut Rüdiger, das seinen Sitz im Straubenhardter Ortsteil Ottenhausen hat. Der Chef spaziert hinein in die Rebenreihen, greift in die Blätter und demonstriert, wie er die Pflanze während des Wachstums im Frühjahr anbindet. Später im Jahr schneidet er die Hälfte der Trauben weg, damit die übrigen mehr Aroma bekommen. Auch die Blätter um die Trauben herum entfernt er im Juli, damit die Früchte möglichst viel Sonne abbekommen. „Dann wird die Schale dicker und das gibt dem Wein viel mehr Geschmack, denn der steckt in der Schale und nicht im Inneren der Traube.“

Ausgezeichnete Kostproben

Bevor es weitergeht, schenkt Jens Rüdiger die nächste Kostprobe aus, auf die er besonders stolz ist: einen Müller-Thurgau Sekt brut, der beim internationalen Wettbewerb „awc vienna“ Silber gewonnen hat. Er hat mit seinem Weingut einiges erreicht: Es wurde von der Zeitschrift „Der Feinschmecker“ zu den 900 besten Deutschlands gewählt und vom Weinführer „Eichelmann“ empfohlen. Dabei ist Jens Rüdiger gar nicht in einem Weingut groß geworden, sondern hat den Betrieb erst vor sechs Jahren gegründet – nachdem der gelernte Koch auf den Geschmack gekommen war und eine Ausbildung beim Weingut Reichsgraf von Buhl in der Pfalz und zudem seinen Master in Önologie gemacht hatte.

Während seine Begleiter die Aussicht und die Kostproben genießen, beantwortet Rüdiger ihre vielen Fragen. Außerdem erklärt er, dass sein „Winzersekt“, den alle im Glas haben, genauso hergestellt wird wie Champagner und nur die Rebsorten andere sind.

Kurz darauf spürt die Gruppe beim Weg durch die grünen Parzellen mit einem Mal am eigenen Leib, wie sich das Klima an ein und demselben Hügel innerhalb weniger Meter verändern kann: Während sie vorhin nur die heiße Sonne fühlten, streift sie ein Stückchen weiter ein kühles Lüftchen. Drei Stunden später hat die Gruppe viel Neues gelernt – über den Ausbau im Keller, die Qualität von Weinen und das richtige Verkosten.

Und am Ende wartet noch eine Überraschung: Mitten in den Weinbergen hat das Winzerehepaar Bierbänke und Tische aufgebaut und serviert Häppchen und weitere Kostproben. Das Walken hat hier ein Ende, doch die Weinprobe geht weiter.

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© Gmünder Tagespost 21.04.2017 17:10
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