Erschüttertes Land wartet auf Touristen

Südasien Knapp 9000 Menschen starben bei dem Erdbeben 2015 in Nepal. Zwei Jahre nach der Katastrophe erzählt Wolfgang Nairz, Gründer der Nepalhilfe Tirol, wie es den Menschen dort geht.
  • 98c74199-db92-418b-8284-f04358d8177b.jpg
    Der Alpinist Wolfgang Nairz wurde im Jahr 1944 in Kitzbühel geboren. Er war bereits über 90 Mal in Nepal. Foto: privat
  • 12fef03d-367c-442e-83c0-ae0e893d1322.jpg
    Foto: privat
Herr Nairz, Sie sind gerade aus Nepal zurückgekommen. Wie ist die aktuelle Lage zwei Jahre nach dem Erdbeben?
Es gibt landesweit große Unterschiede. In den Tourismusgebieten – und dabei meine ich die bei ausländischen Gästen beliebten Trekkinggebiete – ist der Wiederaufbau zu 95 Prozent abgeschlossen. Die Unterkünfte sind wiederhergestellt, in den meisten Fällen sogar komfortabler und moderner als vor dem Beben. Reisende werden hier keine Einschränkungen erleben. Anders sieht es in abgelegenen Dörfern und in Regionen aus, die für den Tourismus keine große Rolle spielen. Hier leben die Menschen nach wie vor oft in provisorischen Bambushütten.

Auch der Wiederaufbau der Kulturdenkmale kommt nur schleppend voran. Die einstmals prächtigen Tempel und Pagoden in der Königsstadt Bhaktapur zum Beispiel liegen noch immer in Trümmern. Aber man muss auch hier differenzieren: Die Restaurierungsarbeiten in Bodnath, dort befindet sich das bedeutendste buddhistische Heiligtum des Kathmandutales, sind bereits seit einem halben Jahr abgeschlossen.

Wie erklären Sie sich das unterschiedliche Tempo beim Wiederaufbau?
Der Wiederaufbau von Bodnath wurde ausschließlich mit privaten Geldern finanziert. Dabei ist für die Wiederherstellung der Kulturgüter eigentlich die Regierung zuständig. Daran hakt es. Denn seit dem Ende der Monarchie 2007 hat es keine Regierung geschafft, sich länger als wenige Monate im Amt zu halten. Die politische Instabilität ist ein großes Problem in Nepal, dadurch werden auch die Hilfsgelder nicht so zügig ausgezahlt, wie man es sich wünschen würde. Deshalb ist die Regierung nach wie vor nicht in der Lage, allen Bürgern eine Daseinsvorsorge zu garantieren.
Sie haben im Jahr 2001 die Nepalhilfe Tirol gegründet. Welchen Herausforderungen sahen Sie sich nach dem Beben gegenüber?
Zunächst ging es natürlich um Hilfe in der größten Not. Wir haben auf die Ruinen zerstörter Häuser Dächer aus Wellblech gezimmert, um sie wieder bewohnbar zu machen, und Lebensmittel zu den Menschen gebracht, damit diese den Monsun überhaupt überleben konnten. Doch schon seit Längerem kann sich die Nepalhilfe Tirol wieder mit den Themen befassen, die uns vor dem Beben am meisten unter den Nägel brannten: Gesundheit, Bildung sowie Hilfe zur Selbsthilfe.

Gerade erst haben wir in einem Dorf im Distrikt Sindhupalchok, in Bhote Namlang, einer Gegend, wo es keinen Tourismus gibt, eine Schule fertiggestellt, die durch das Beben komplett zerstört war. Am zweiten Jahrestag des Erdbebens werden die Kinder von ihrer provisorischen Bambus-Schule umziehen. Darüber sind die Menschen dort glücklich. Es gibt ihnen Lebensqualität und eine Perspektive zurück. Denn sie wissen, dass Bildung der beste Weg ist, um die Armut zu bekämpfen.

2014 sind rund 800.000 Touristen nach Nepal gereist. Nach dem Erdbeben ist die Zahl der Gäste dramatisch eingebrochen. Das ist problematisch für ein Land, in dem der Tourismus der zweitwichtigste Wirtschaftssektor ist. Zwar kommen die Reisenden langsam wieder, aber nach wie vor zu zögerlich. Ich war ja eben erst wieder dort, habe aber nur wenige Touristen gesehen. Dabei ist alles wieder in Ordnung. Man kann dort wandern gehen wie früher.

Welches sind heute die dringendsten Bedürfnisse der Menschen in Nepal?
Arbeit! Und das geht natürlich nur, wenn der Tourismus wieder floriert. Die Menschen in Nepal wollen nicht von Almosen leben. Sie wollen sich ihren Unterhalt wieder selbst verdienen – so wie vor dem Beben – und mit eigenem Geld ihre Häuser wieder aufbauen. Deshalb ist es wichtig, dass die Touristen wiederkommen. Das ist meine wichtigste Botschaft überhaupt: Fahrt hinaus nach Nepal! Geht wieder auf Trekking!
Gibt es Schicksale von Personen, Familien, Einsatzhelfern, die Sie besonders berührt haben?
Natürlich. Aber im Großen und Ganzen ist es vor allem die unglaubliche Solidarität der Menschen untereinander, die mich immer wieder aufs Neue sehr tief berührt. Lassen Sie mich in dem Zusammenhang von einem Beispiel berichten:

In dem Dorf Bhote Namlang hat jede bedürftige Bauernfamilie umgerechnet 200 Euro Spendengelder bekommen – für den Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser. Doch die Menschen gaben freiwillig die Hälfte davon ab, damit auch das zerstörte Kloster des Dorfes wiederaufgebaut werden kann.

Sie bereisen Nepal seit Jahrzehnten. Was macht die Faszination dieses Landes aus?
Ich bin vor allem fasziniert von der seltenen Harmonie zwischen Land und Leuten, zwischen Kultur und Religion, die man hier überall vorfindet. Und die Nepalesen sind außerdem die liebenswertesten Menschen, welche man sich überhaupt nur vorstellen kann.

zurück
© Gmünder Tagespost 21.04.2017 18:36
Ist dieser Artikel lesenswert?
430 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.