Hier schlägt das Herz der Gemeinde

Spraitbach übergibt am Sonntag mit dem Rathausanbau und dem neuen Platz davor einen wichtigen Teil des „Jahrhundertprojekts Neue Ortsmitte“ seiner Bestimmung.
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    Blick über den neu geschaffenen Platz auf das historische Rathaus samt neuem Anbau. Fotos: tom
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    Der Bürgertreff im Erdgeschoss.
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    Runde Oberlichter sorgen auch in den Fluren für angenehmes Licht und eine Willkommensatmosphäre. Fotos: Tom/aks
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    Auf diesem Platz hin kann der Bürgertreff geöffnet werden. „Das ermöglicht ganz neue Veranstaltungen“, sagt der Bürgermeister.
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    Der Blick in den großzügigen Sitzungssaal im ersten Stock, wo künftig der Gemeinderat tagen wird.
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    Viele Sitzungen im Gemeinderat (oben, mitte und unten rechts) und eine intensive Bauzeit waren angesagt, bis aus dem Modell Wirklichkeit wurde. Ein Grund zu feiern, findet nun auch Bürgermeister Baum.

Spraitbach. Hier passt es, das oft verwandte Bild vom „Meilenstein“. Spraitbach kann in seiner Entwicklung zum modernen Dorfzentrum tatsächlich einen solchen besonderen Schritt feiern, kann „erst mal durchschnaufen und Freude entwickeln“, wie Bürgermeister Ulrich Baum es formuliert.

Währenddessen blickt er zurück auf eine Wegstrecke, die tatsächlich lange vor seiner ersten Amtszeit begonnen hat. 1988, vor fast 30 Jahren also, war sie erstmals ernsthaft Thema, die neue Ortsmitte in Spraitbach. In den Köpfen – und in einem ganz wichtigen Papier, dem „Programm Einfache Stadterneuerung“. Die Ziele damals: Die Schaffung einer attraktiven Ortsmitte durch den Ausbau der Versorgungsfunktion, der öffentlichen Dienstleistungen und des Wohnumfelds. Als Planungsgrundlage für Rathaus- und Kirchplatz sollten vier Gebäude im Ortskern gekauft werden.

In der Folge entstanden erste Meilensteine: ein Geschäftszentrum mit Apotheke, das Unterdorf mit Seniorenzentrum und Bäckerei.

2010 schließlich, die notwendigen Gebäude sind erworben, die Aufnahme ins Landessanierungsprogramm perfekt, die Schäden am historischen Rathaus dokumentiert, geht es mit einer Klausurtagung des Gemeinderats in die heißere Phase mit der neuen Ortsmitte Spraitbach. Drei Jahre lang wird anschließend geplant, untersucht, diskutiert. All das mündet nach einer weiteren Klausurtagung 2013 in konzeptionelle Überlegungen für die neue Ortsmitte. Im Wettbewerb wird eine Machbarkeitsstudie vergeben, in die auch die Ergebnisse einer Zukunftswerkstatt einfließen, mit der 2014 die Spraitbacher Bürger ihre Wünsche ins Projekt einbringen konnten. Bei mehreren Bürgerinformationen und Sitzungen geht es unter anderem um das alte Backhaus, das letzten Endes im Juni 2014 abgebrochen werden muss.

Jetzt können wir Freude entwickeln.

Ulrich Baum, Bürgermeister

Noch ist damit nicht die letzte Hürde auf dem Weg zum Meilenstein neue Ortsmitte genommen. Im Herbst 2014 müssen Verwaltung und Gemeinderat sich mit dem Wechsel des Architekturbüros auseinandersetzen. Im Frühjahr 2015 darf sich Spraitbach über Zusagen von Zuschüssen aus dem Landessanierungsprogramm und dem Ausgleichsstock freuen, im August wird die Baugenehmigung erteilt, am 1. September wird der alte Rathausanbau abgebrochen. Im Oktober starten die Rohbauten, im April 2016 ist Richtfest, im Mai beginnt der Innenausbau und im September die Anlage des Platzes. Mit der evangelischen Kirchengemeinde, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft den Traum eines neuen Gemeindehauses erfüllen kann, hat man frühzeitig die Platzgestaltung abgesprochen. Entstanden ist nun, wie Bürgermeister Baum es formuliert, ein harmonisches Ganzes, „das neue Herz der Gemeinde“.

Zusammengearbeitet hat die Gemeinde dabei mit der WGG, der Werkgemeinschaft Guttenberger. Der Stuttgarter Architekt Dieter Guttenberger hatte sich im August 2014 dem Gemeinderat vorgestellt, war mitten im Planungsprozess in das Projekt eingestiegen, nachdem das Büro Zoll Architekten und Stadtplaner den Auftrag aus Kapazitätsgründen abgelehnt hatte. Der Gemeinderat hat die WGG Ende September 2014 beauftragt.

Mit viel Herzblut haben alle Beteiligten am großen Projekt gearbeitet. Nun sei es an den Spraitbachern, diese neue Ortsmitte mit Leben zu erfüllen. Das helle offene Foyer, den großzügigen Bürgertreff zu nutzen, sich auf das Neue einzulassen. „Wir haben nun Platz und Raum für Veranstaltungen, die es heute in der Gemeinde vielleicht noch gar nicht gibt“, blickt Baum zuversichtlich nach vorne.

Das Programm der Einweihung am Sonntag

Zur offiziellen Einweihung mit Musikverein, Liederkranz, Grußworten, der Schlüsselübergabe durch die Architekten und der Segnung durch die beiden Kirchengemeinden ist die ganze Bevölkerung auch zum Tag der Offenen Tür eingeladen. Für den anschließenden Sektempfang backen die Landfrauen leckere Salzkuchen im neuen Holzbackofen. Die DRK Ortsgruppe Spraitbach bietet einen Mittagstisch mit Schnitzel und Salat. Die Seniorengemeinschaft und der Jugendverein verkauft Kaffee und Kuchen. Der FC Spraitbach ist für die Getränke verantwortlich. Bis etwa 17 Uhr stehen am Einweihungstag die Gemeinderäte, die Architekten und Bürgermeister Ulrich Baum für Führungen und Informationen zur Verfügung. Die Einweihung ist eingebettet in den landesweiten Tag der Städtebauförderung.

Zahlen und Fakten zum Umbau

Baukosten Die Baukosten betragen insgesamt 3,3 Millionen Euro; darin enthalten sind 2,73 Millionen Euro für den Neubau, rund 100.000 Euro für den Anschluss ans Alte Rathaus und rund 470.000 Euro für die Freianlagen.

Zuschüsse Das Projekt neue Ortsmitte wurde insgesamt mit 1,3 Millionen Euro bezuschusst; davon kommen run 700.000 Euro aus dem Landessanierungsprogramm (LSP) und rund 625.000 Euro aus dem Ausgleichsstock. Die Zuschussquote liegt somit bei 40 Prozent.

Bauzeit knapp 1,5 Jahre, die konkrete Planung begann 2013.

Ausmaße Die Nutzfläche des neuen Gebäudes beträgt 735 Quadratmeter, der Bruttorauminhalt 3100 Kubikmeter, der Anbau ist 21,15 Meter lang, 13,65 Meter breit und 8,10 Meter hoch.

Nutzflächen Der Bürgertreff im Erdgeschoss ist 85,5 Quadratmeter groß; der darüberliegende Sitzungssaal hat 94,2 Quadratmeter; das Archiv (Straßengeschoss) misst 122,5 Quadratmeter.

Erneuerbare Energie Das Dach des Rathausanbaus ist mit einer Photovoltaikanlage bestückt, die 10 Kilowatt peak (kWp) Leistung bringt. aks

Das einstige „Straßendorf“ hat jetzt eine Mitte

So war es vorher: Das Dach war undicht, der Sitzungssaal zu eng für Gemeinderat und Besucher und sowieso im Sommer viel zu heiß. Eine Renovierung wäre extrem teuer geworden. Also sollte der in den Jahren 1981/82 entstandene Rathausanbau einem Neubau weichen.

Entstanden ist nun, beschreibt Architekt Dieter Guttenberger, ein Langhaus mit einem Bürgertreff im Platzgeschoss, der sich im Sommer über ein Foyer zum neuen Kirch- und Rathausplatz großzügig öffnen lässt. Der Bürgertreff mit ausreichend Platz für Vereine und Gruppen, dazu eine großzügigen Küche mit einem Spezialofen, der das schweren Herzens abgerissene Backhaus ersetzt.

Der Neubau ist über eine gläserne Fuge mit dem Kulturdenkmal „Altes Rathaus“ verbunden. Diese Fuge enthält das Treppenhaus und gliedert das neue Ensemble. Der Haupteingang des Rathauses ist künftig über den Rathausplatz. Dieser ist nun frei von Autos und Stellplätzen und kann gefahrlos von Fußgängern benutzt werden.

Im Obergeschoss sind Verwaltungsräume untergebracht und der neue Sitzungssaal. Aus dessen Fenstern sind „interessante Blickbeziehungen nach außen zur Michaelskirche, zum evangelischen Gemeindehaus, zur freien Landschaft möglich.“

Konstruktion und Material des Neubaus beschreibt der Architekt wie folgt: Die Fuge erscheint durch eine Pfosten-Riegel-Konstruktion leicht und transparent; alle Fassaden sind mit einem feinen Putz in rotbrauner Farbe überzogen, die optisch zwischen der Ortsbildprägenden Natursteinmauer und dem Ziegeldach des Denkmals vermittelt. Als warmer Kontrast wirken die Haupteingangstüre und die Flügeltüren zum Platz in Eichenholz. „Dies verleiht dem Haus eine zeitlose, ruhige und im besten Sinne einfache Erscheinung.“ Der Sitzungssaal wird von einer Holzdecke überspannt. Die Stützen im Bürgersaal sind aus schlankem Stahlverbund. Die Verwendung dauerhafter, nachwachsender und robuster Materialien im Innern bildet die Grundlage für ein nachhaltiges Gebäudekonzept. Sehr gut gedämmte Fassaden verringerten dabei die Energieverluste und minimierten den Heizbedarf.

Gemeinsam wurden Werte geschaffen.

Dieter Guttenberger, Architekt

Regenerative Energien sind berücksichtigt mit einer Photovolktaikanlage auf dem Dach, die eine Leistung von zehn Kilowatt Peak hat und Eigenstrom aus Sonnenenergie liefert. Zur Wärmeversorgung dient der Gas-Brennwert-Kessel im alten Rathaus. Zum sommerlichen Wärmeschutz im Sitzungssaal und der Minimierung der Kühlung wurde vom Bauphysiker ein natürlichen Nachtlüftungskonzept entwickelt. Nur bei voller Belegung ist für die Spitzen eine Kühlung vorgesehen.

Absorbierende Deckenelemente und tiefenabsorbierende Wände lenken den Schall im Raum und sorgen für eine gute Akustik im Sitzungssaal. Auch im Bürgertreff sind absorbierende Wandverkleidungen angebracht, um die schallharten Flächen der weißen Sichtbetondecke und der Flügeltüren in Richtung Außenplatz auszugleichen.

„Die Architektur des Neubaus ist Ausdruck eines offenen, bürgerfreundlichen Hauses in der neuen Ortsmitte“, resummiert Architekt und Stadtplaner Dieter Guttenberger. Gewählt habe man eine stringente Bauform mit minimierter Architektur – „einfach, geradlinig, klar, offen und lichtdurchflutet“. Mit dem Gemeinderat und der Verwaltung habe man nachhaltige Werte geschaffen.

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© Gmünder Tagespost 12.05.2017 16:52
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