Alpen-Paradies mit vielen Gegensätzen

Österreich Zell am See ist ein Ort mit Kontrasten: Auf der Westseite jagen die alpinen Skifahrer rasant die Pisten hinunter. Auf der Ostseite wird der sanfte Tourismus gefördert.
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    Foto: Christian Mairitsch
Die Familie Porsche kennt jeder in Zell am See. Schon im Jahr 1942 erwarb Ferdinand Porsche das Schüttgut im Ortsteil Schüttdorf. Nach seinem Sohn Ferry ist seit 2007 das neue Kongresszentrum im Hauptort benannt. Das Schüttgut wiederum ist seit 2003 im Besitz von Wolfgang Porsche, dem Sohn von Ferry. An der Schmittenhöhebahn ist Porsche mit knapp 58 Prozent der Hauptaktionär. Zum 1965 Meter hohen Berg geht es mit den weltweit ersten Design-Gondeln von Porsche Desgin hinauf. Die Gondeln sind chic, doch zum Erlebnis wird die Auffahrt auf den Schmitten vor allem aber wegen des grandiosen Blicks hinab ins Tal. Auch von vielen Pisten genießen die Skifahrer eine tolle Aussicht: Oben die weiß gepuderten Berge, unten der glitzernde Zeller See. Selbst vom einige Kilometer entfernten Gletscher, dem Kitzsteinhorn bei Kaprun, gibt es eine freie Sicht auf die glitzernde Wasseroberfläche.

Modernes Trachtenlabel

Der Name Porsche ist auf der ganzen Welt ein Begriff. Die Designerin Tracy Hauenschild arbeitet noch daran. In einer kleinen Manufaktur in der Zeller Fußgängerzone präsentiert sie Mode mit dem modernen Trachtenlabel namens Mirabell Plummer. „Ich liebe die Tracht, und ich liebe es, Elemente der Tracht in meiner Mode herauszuarbeiten“, sagt sie. Das Rot-Weiß-Rot von Österreich darf da nicht fehlen, und in ihrem Label prangt ein Hirschgeweih. Porsche und Plummer, die Weltfirma und die kleine Unternehmerin mit neun Mitarbeiterinnen, das bildet einen schönen Kontrast.

Längster Riesenslalom

Gegensätze gibt es rund um den Zeller See noch mehrere. So jagen auf der Westseite am Schmitten die alpinen Skifahrer die Pisten hinunter. Mit dabei: Die sogenannte Trass, mit 4,1 Kilometer der längste Riesenslalom in Österreich und von so manchem Rennläufer mit „härter als die Streif“ bewertet. Zehn Minuten braucht ein guter Skifahrer dafür, Stars wie Hermann Maier fahren beim jährlichen Trass-Rennen nach mehr als 100 Toren in knapp vier Minuten durchs Ziel.

Auf der Ostseite des Sees, oberhalb vom Ortsteil Thumersbach findet sich das exakte Gegenteil. Hier sind Skitourengeher und Schneeschuhwanderer unterwegs. Der Skiguide Helmut Schneider, den alle nur Heli nennen, führt an diesem Tag eine kleine Gruppe Wintersportler auf die Enzian-Hütte am Ronachkopf. Auf dieser Seite des Zeller Sees hat sich die Initiative Pro Thumersbach zur Aufgabe gemacht, den sanften Tourismus zu fördern. Der Einheimische Ingo Dürlinger präpariert freiwillig die Piste für die Skiroute auf den 1350 Meter hohen Ronachkopf. Und während des Aufstiegs erklärt Heli seinen Begleitern, dass es beim Skifahren inzwischen einen neuen Trend gibt. Schönskifahren lautet nun das Motto, nachdem zuletzt jahrelang „der Fokus wegen der Carvingskier auf dem Rennlauf lag“. Das extreme Skifahren mit gebückter Haltung belastet Rücken und Knie jedoch in viel stärkerem Maße als die aufrechte Position beim sogenannten. schönen Skifahren.

Der Wintersport 2.0

Ich liebe es, Elemente der Tracht in der Mode herauszuarbeiten.

Tracy Hauenschild
Designerin

Gegensätze also, wohin das Auge blickt. Wintersport 2.0 will die Zell am See-Kaprun-Tourismus GmbH den Gästen bieten. Da dürfen dann auch abendliche Spektakel wie die Skishow am Schmitten und die Barbeque-Night am Kitzsteinhorn nicht fehlen. Doch auch das gibt es auf den Hütten am Schmitten: Einen Jodelkurs mit Thomas Reitsamer. Wenn er sein „He itti, Ho itti“ für den Kuhtutten-Jodler anstimmt, dann tobt das Publikum. Wer es genau wissen will, erfährt auch, was es mit Juchizern und Schnacklern auf sich hat und erhält am Ende des Kurses sein Jodel-Diplom. „Bei jedem Jodler geb ich ein Stück meiner Seele ab“, verrät Thomas Reitsamer dann noch.

Hoch oben auf dem bis zu 3200 Meter über den Meeresspiegel aufragenden Kitzsteinhorn allerdings ist die Luft fürs Jodeln dünn. Dafür finden auf dem Gletscher im benachbarten Kaprun auch Freerider und Freestyler ihre Hänge und Pisten, in denen sie sich austoben können. Wer jedoch nicht früh aufsteht, findet kaum noch eine Abfahrt, die nicht bereits zerspurt ist.

Viele Superlative

Schon 1965 wurde das Kitzsteinhorn als erstes Gletschergebiet in Österreich für den Skilauf erschlossen. Was die damaligen Pioniere nicht ahnen konnten: Inzwischen strotzt die Gipfelwelt vor weiteren Superlativen: Im Cinema 3000, dem höchstgelegenen Kino der Alpen, wird auf der Panorama-Leinwand ein 2011 in Cannes ausgezeichneter Film vom Kitzsteinhorn gezeigt.

Und im 360 Meter langen Stollen, der auf 3000 Meter Höhe letztlich zu einer Aussichtsplattform führt, gibt es Ein- und Ausblicke in den Nationalpark Hohe Tauern. Der 35-jährige Skilehrer Heli allerdings ist am meisten beeindruckt von einer ins Gestein gehauenen Hörmuschel, aus der im Stollen in regelmäßigen Abständen ein Knall zu hören ist. Es ist das Geräusch von Steinplatten, die im Berg aneinander reiben. Ehrfürchtig sagte Heki: „Das ist der Herzschlag des Bergs!“ Er sollte allzu wagemutigen Alpinisten ein warnendes Beispiel sein. Denn der Gletscher sollte keinesfalls unterschätzt werden.

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© Gmünder Tagespost 01.12.2017 17:35
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