Lesermeinung

Hin- und hergerissen von den Gefühlen

LEA Ellwangen - eine Herausforderung

Seit Frühjahr 2015 betreuen wir in der medizinischen Abteilung der LEA Ellwangen asylsuchende Menschen aus vielen Teilen der Welt, zwischen 20 und 60 Patientinnen und Patienten pro Tag. Die rechtlichen Voraussetzungen für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge sind im Asylbewerberleistungsgesetz geregelt. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Versorgung der traumatisierten Kinder, Frauen und Männer. Vor allem die Frauen sind sehr oft Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt. Die Schicksale dieser Kinder, Frauen und Männer, mit denen wir es täglich zu tun haben, prägen uns und beeinflussen unsere Haltung in mehrfacher Hinsicht. Erstens: Zunächst sind es die humanitären Aspekte, die uns herausfordern. Wir bemühen uns immer, den Menschen mit seinem persönlichen Schicksal zu sehen, ihn anzuhören und für einen menschenwürdigen Umgang und für einen annehmbaren Alltag in der LEA zu sorgen. Zweitens: Diese Erfahrungen mit den Asylsuchenden machen uns politisch sensibler. Wir sind hin- und hergerissen von unseren Gefühlen in all ihren Extremen, von Solidarität und Identifikation bis hin zu Aggression und Ablehnung. Drittens: Das „Thema Flüchtlinge“ in seinem ganzen Ausmaß von der Frage der Asylgewährung bis zur Frage der Integration ist extrem komplex und vielschichtig. . Wir brauchen deshalb eine Flüchtlings-Charta, die transparent die Voraussetzungen für die Asylgewährung, aber auch die rechtlichen Voraussetzungen für eine reguläre Einwanderung aufzeigt. Eine solche Übereinkunft muss zusätzlich eine verbindliche Zusage für eine gesicherte Rückkehr in das Heimatland garantieren, damit sich die bisher erlittenen Traumatisierungen auch auf dem Rückweg in das Heimatland nicht wiederholen. Diese Sorgen und die Unsicherheit vor der Zukunft sind ein zentraler Grund für die Ängste und Aggressionen dieser Menschen. Die jüngsten Vorkommnisse in der LEA Ellwangen zeigen, dass mehr denn je rechtsgültige Entscheidungen zeitnah getroffen und rechtsverbindliche Bescheide zügig umgesetzt werden müssen. Dies gilt umso mehr als in den letzten Monaten in erster Linie Menschen aus afrikanischen Ländern bei uns Asyl suchen, deren Chancen auf Asylgewährung bekanntermaßen sehr gering sind. Wenn dann die Unsicherheit über den zukünftigen Status in Deutschland mit der Zeitdauer des Aufenthalts wächst, führt das zu Aggressionen und Fehlhandlungen. Sie sind damit erklär- jedoch nicht entschuldbar. Wenn dann das Vertrauen unserer Gesellschaft in eine funktionierende Rechtsstaatlichkeit abnimmt, kann es gefährlich werden. Vor diesem Hintergrund ist der Polizeieinsatz in der LEA Ellwangen, wie auch der Leiter der LEA Ellwangen betont hat, in der jüngsten Vergangenheit als richtig zu bewerten. Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der LEA Ellwangen versuchen wir, unabhängig von der Bleibeperspektive, die Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen, Ihnen auch Mut zu machen, wenn gleich uns oft im Angesicht der persönlichen Schicksale die Worte fehlen. Dann können auch nonverbale Gesten sehr hilfreich sein, oft Seelenbalsam für Menschen, die in den vergangenen Monaten nur Gewalt und Ablehnung erfahren haben. So möchten wir eine Einrichtung wie die LEA Ellwangen nicht nur in ihrer Funktion als staatliche Verwaltungseinrichtung sehen, sondern eben auch mit ihrer humanitären Verantwortung.

© Gmünder Tagespost 14.05.2018 20:04
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Kommentare

Edgar Kuchelmeister

Ich möchte mal Danke sagen für die Arbeit der Mitarbeiter in solchen Einrichtungen und im speziellen für Ihre differenzierende Ansicht. Empathie ist in unserer Zeit eine so wichtige Eigenschaft, die leider so rar geworden ist.