Wie in einer rollenden Sardinenbüchse

Südamerika Wer 5.000 Kilometer im Rotel-Bus von Santiago de Chile bis nach Feuerland schaukelt und im rollenden Hotel auch übernachtet, sollte nicht unter Platzangst leiden.

Das knallrote Gefährt mit den Fensterluken erweckt Aufmerksamkeit. Nicht nur unterwegs auf der Strecke, sondern vor allem auf den Campingplätzen, auf denen meistens zum Übernachten Station gemacht wird. Denn im Rotel-Bus wird nicht nur gefahren, sondern auch übernachtet. Möglich macht das ein Anhänger mit wabenähnlichen Kabinen. Das patentierte System hat Gregor Höltl, ein bayerischer Busunternehmer, erfunden. Vor mehr als 70 Jahren ließ er seine Reisebusse zu rollenden Hotels mit winzigen Schlafkabinen umbauen.

Das rollende Hotel beherbergt auf dieser Reise 20 abenteuerlustige Frauen und Männer. Knapp vier Wochen verbringt man jetzt auf engstem Raum miteinander. Komfort? Fehlanzeige. Dafür ist die Fahrt günstig und man bekommt viel zu sehen. 5.000 Kilometer geht es von Santiago de Chile bis nach Ushuaia auf Feuerland. Die Gruppe beschnuppert sich zunächst und man stellt schnell fest, dass erfahrene Rotelianer dabei sind –also Teilnehmer, die bereits mehrere Reisen mit dem Rotel-Bus hinter sich gebracht haben. Aber auch einige Erstfahrer sind dabei. So stellt sich schnell die gewohnte Rotel-Routine ein. Die Männer helfen beim Aufbau bei der Ankunft am Tagesziel und beim Abbau, wenn es am nächsten Tag wieder weitergeht. Die Frauen unterstützen den Fahrer, der gleichzeitig Koch ist, in seiner Küche und schnippeln, was in den Topf kommt.

Pünktlichkeit ist wichtig

Teamarbeit sollte man mögen, wenn man im Rotel-Bus unterwegs ist. Und Pünktlichkeit schätzen. Am Morgen wird stets um 7 Uhr gefrühstückt und um 8 Uhr rollen die Räder dem nächsten Tagesziel entgegen. Das ist ungeschriebenes Rotel-Gesetz. Ebenso gilt: Am Ende des Tages steht der Fahrer wieder am Kochtopf, um die hungrige Meute mit dem Abendessen zu versorgen. 23 Tagesetappen sind bis zum Reiseziel vorgesehen. Zunächst ruckelt der Bus über die berühmte Straße Panamericana. Auf der linken Seite hat man fast immer einen Blick auf die schneebedeckten Gipfel. Über Chillan fährt der Bus vorbei an den Wasserfällen bei Salto de Laja und an Vulkanen wie dem immer noch aktiven Villarrica oder dem Osorno. In Quellon auf der Insel Chiolé endet der chilenische Teil der Panamericana.

Weiter auf der Schotterpiste

Die Weiterfahrt nach Süden ist nur per Fähre möglich, bis es auf der Carretera Austral und der Ruta 40, zum Teil noch auf Schotterpisten, auf der argentinischen Seite durch eine menschenleere Landschaft Richtung El Chaltén weitergeht. Zwischendurch gibt es noch einen Stopp bei den „Höhlen der Hände“ mit Malereien der Ureinwohner Patagoniens, die inzwischen Weltkulturerbe der Unesco sind.

In Argentinien macht sich der sprichwörtliche patagonische Wind am nördlichen Teil des 20. 000 Quadratkilometer umfassenden Eisschildes immer stärker bemerkbar. Die bizarre Bergwelt um den Fitz Roy ist erreicht. Es geht weiter durch die Einsamkeit, an riesigen Rinder- und Schaffarmen, sogenannten Estancias, mit Zigtausenden Hektar Größe vorbei. Ziel ist El Calafate am Lago Argentino mit den gigantischen Eisfronten der Gletscher Perito Moreno, Uppsala und Spegazzini. Im Sonnenlicht tauchen sie im türkisblauen Wasser auf. Immer wieder brechen riesige, fast haushohe Eisblöcke von der Gletscherfront ab und klatschen donnernd in den See.

Zurück geht es nach Chile zum Nationalpark Torres del Paine. Immer wieder kreisen Riesenvögel fast bewegungslos am Himmel. Punta Arenas wird erreicht.

Über die Magellanstrasse

Ganz weit weg am Horizont beginnt dann die Antarktis.

Ernst Meininger Autor

Der Ort ist Ausgangspunkt vieler Expeditionen in die Antarktis und war einst Wohnsitz reicher Schafzuchtbarone, deren stattliche Herrenhäuser von besseren Zeiten erzählen. Um nach Feuerland zu gelangen, muss man nun die Magellanstraße überqueren. Heutzutage absolviert man das einfach mit der Fähre.

Ein fast emotionaler Augenblick, wenn man sich vergegenwärtigt, welchen Strapazen die Seefahrer vor einem halben Jahrtausend ausgesetzt waren. Hinter Ushuaia liegt nur noch das legendäre Kap Hoorn. Ganz weit weg am Horizont beginnt dann die Antarktis.

Kurz vor dem Ende der Welt, nur knapp 200 Kilometer vom Ziel entfernt, streikt der Motor des Rotel-Fahrzeugs. Dabei hatte er bis dahin fast 5.000 Kilometer reibungslos funktioniert.

Das heißt unvermittelt Abschied nehmen von der rollenden Schlafstatt und auch vom Fahrer und Koch, der beim Fahrzeug bis zur Reparatur ausharren muss. Wohl dem, der in einer solchen Situation einen guten Reiseleiter mit an Bord hat, der mit Ruhe und Gelassenheit alles regelt, damit es weitergeht. Ein Ersatzbus kann kurzfristig beschafft werden, und weiter geht es nach Ushuaia, wo für die letzten zwei Tage ein Aufenthalt im Hotel angesagt ist - was für ein Kontrast zu den vergangenen Tagen. Viel Platz im Doppelbett, statt sich in eine enge Schlafkabine zu zwängen.

Kein Schnarchen, das man durch die dünnen Wände hört.

Reisen im Rotel-Bus ist nichts für Menschen mit Platzangst. Doch auf dieser Tour begegnet man auch Leuten, die auf noch abenteuerlichere Weise unterwegs sind.

Mancher reist mit dem Motorrad, mancher strampelt die Strecke mit dem Fahrrad ab, ein kleines Zelt in der Packtasche und immer optimistisch geradeaus nach Süden gegen den Wind bis ans Ende der Welt.
Foto: Ernst Meininger

© Gmünder Tagespost 08.06.2018 18:35
658 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.