Lesermeinung

Zum vorzeitigen WM-Aus:

Es kam, wie nicht wenige nach missglückter Generalprobe bei den Testspielen befürchtet hatten: das vorzeitige WM-Aus.

Die von Jogi Löw propagierte und zur Chefsache erhobene Mission Titelverteidigung geriet zum Rohrkrepierer, und das aus mehrerlei Gründen. Offensichtlich hat Löw die momentane Leistungsstärke der Nationalmannschaft, geblendet von der aktuellen Weltrangliste und der problemlosen WM-Qualifikation, unzureichend eingeschätzt, weil er von der spielerischen Qualität seiner „Weltmeister“ von 2014 nach wie vor fest überzeugt war. (...)

Jedenfalls musste man den Eindruck gewinnen, dass das Leistungsniveau von 2014 im Vergleich zu anderen Fußballnationen, die in spieltechnischer wie spieltaktischer Hinsicht dazugelernt haben, eher gesunken ist. Jedenfalls waren in puncto defensive Stabilität und offensive Durchschlagskraft die Defizite nicht zu übersehen. Auch konnten mit Ausnahme von Neuer und Hummels sogenannte Führungsspieler wie Kroos, Özil, Khedira und Müller zu keiner Zeit ihr kreatives Potenzial abrufen und der Spielstruktur ihren Stempel aufdrücken. So fühlten sich aufstrebende Perspektivspieler wie Kimmich, Werner und Draxler mangels Impulsen vonseiten der etablierten „Leistungsträger“ oftmals auf sich allein gestellt. Dieses Manko konnten (oder wollten?) Jogis Jungs – von der zweiten Halbzeit gegen Schweden einmal abgesehen – durch entsprechenden Siegeswillen, mentale Stärke und adäquate Körpersprache in keiner Weise kompensieren.

Stellt sich nunmehr die Frage: Wie soll es weitergehen, mit oder ohne Löw, der die DFB-Entourage uneingeschränkt hinter sich weiß? Kommt es, vor allem mit Blick auf die kommende Europameisterschaft, zum Umbruch und Neuaufbau mit jungen hungrigen Spielern? So viel steht jedenfalls fest: Die Ikone Löw wurde vom Podest gestoßen, sein Renommee ist arg angekratzt. Sollte er nicht von sich aus demissionieren, wird die Zahl seiner Kritiker, die seine künftigen Entscheidungen mit Skepsis beäugen und hinterfragen werden, nicht geringer.

© Gmünder Tagespost 03.07.2018 13:49
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Kommentare

In my humble opinion

Irgendwo habe ich gelesen, dass Herr Löw alles, aber wirklich alles und bis zum Letzten, kontrolliere.

Insofern trägt er die volle Verantwortung, weil er offensichtlich nicht delegieren kann und er wohl komplett übersehen hat, dass er in dieser Gruppe von 11 Hanseln keine Führungspersönlichkeit hatte, die die anderen 10 Figuren auf dem Platz online motiviert und mitgerissen hätte. So waren eben 11 Mitläufer und keine 'Mannschaft' auf dem Platz.