Wie der Balkon zur Sommerresidenz wird

Urlaub zu Hause Carmen Binnewies, Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Münster, erklärt, warum Urlaub auch zu Hause erholsam ist.
  • Foto:ArTo/Adobe Stock

Frau Binnewies, kann man sich auch zu Hause erholen?

Für den Erholungseffekt spielt es keine Rolle, ob wir weit weg fahren oder zu Hause bleiben. Es kommt darauf an, wie man die Zeit erlebt. Egal, wo man ist.

Ich brauche also gar kein Wellenrauschen, um zu entspannen?

Ja. Erholung tritt dann ein, wenn ich abschalten kann. Auf andere Gedanken komme. Bei einer Reise gewinnt man natürlich schon durch die Entfernung und die neue Umgebung Abstand. Wenn man zu Hause bleibt, sollte man deshalb seine freie Zeit so gestalten, dass sie sich möglichst stark vom sonstigen Alltag unterscheidet. Das erleichtert das Abschalten.

Zu Hause tendiert man aber doch dazu, Dinge zu erledigen, die man sonst nicht schafft.

Das muss gar kein Problem sein, solange ich mich dabei wohlfühle. Wenn es mir zum Beispiel Spaß macht, die Wohnung zu renovieren und am Ende des Urlaubs ein schönes neues Wohnzimmer zu haben, kann das auch sehr erholsam sein. Wichtig ist nur: Das, was ich tue, sollte sich nicht nach Verpflichtung anfühlen.

Lieber ins volle Freibad oder an einen ruhigen See in der Natur?

Natur hat nachweislich einen starken Erholungseffekt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass ein Ausflug ins Grüne Stress abbaut. Forscher aus Norwegen haben sogar herausgefunden, dass alleine schon das Betrachten von Naturbildern einen Erholungseffekt hat. In einer anderen Studie hat das auch mit Fotos von antiken Stätten funktioniert.

Ich könnte also auch einfach gleich auf dem Sofa liegen bleiben?

Zur Entspannung führen viele Wege. Es ist aber nicht immer erholsam, nur herumzuliegen und sich möglichst wenig zu bewegen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass es sich zum Beispiel positiv auswirkt, wenn man sich im Urlaub eine kleine Herausforderung sucht – etwas Neues macht, das man sonst nicht tut. Das erscheint zunächst vielleicht anstrengend. Eine kleine Herausforderung zu meistern, gibt aber ein gutes Gefühl und trägt so zur Erholung bei.

Sie meinen, beim Yoga einen Kopfstand wagen? Selbst etwas nähen, statt shoppen zu gehen?

Oder eben das Wohnzimmer renovieren, wenn man das noch nie gemacht hat.

Und trägt es zur Erholung bei, wenn ich mich mal richtig ausschlafe?

Schlaf ist eine ganz wichtige Facette von Erholung. Wichtiger als die Länge ist allerdings die Qualität des Schlafes. Viele Menschen vertragen es nicht, wenn sie im Urlaub mehr schlafen als gewohnt. Veränderungen im Schlafrhythmus können sogar Beschwerden wie Kopfschmerzen hervorrufen. Das ist so ähnlich wie bei einem Jetlag.

Was kann die Erholung noch beeinträchtigen?

Je mehr man E-Mails schreibt und telefoniert, desto weniger kann man im Urlaub abschalten. Das konnten wir gerade in einer Studie zeigen. Interessanterweise zeigte sich dabei, dass dies sowohl für berufliche als auch für private Kontakte gilt. Da gibt es keinen Unterschied. Wer es schafft, seine Kommunikationsmedien möglichst oft beiseitezulegen, erholt sich besser.

Es gibt den Begriff der Liegestuhl- Depression. Man liegt am Strand, schaut aufs Meer, alles ist perfekt, aber man kann sich einfach nicht entspannen. Was ist da los?

Das liegt häufig daran, dass noch zu viele Gedanken von der Arbeit im Kopf umhergehen, die einen beschäftigen. Es zeigt, dass das Abschalten noch nicht funktioniert hat. In dem Fall hilft Ablenkung. Man sollte sich einer anderen Tätigkeit zuwenden. Wenn man in etwas anderes vertieft ist, denkt man automatisch nicht mehr an die Arbeit.

Wie sollte man sich denn am Ende des Urlaubs idealerweise fühlen?

Voller Energie. Gut gelaunt. Nicht gereizt, aggressiv oder angespannt. Dass man gut erholt ist, merkt man auch daran, dass man offener ist für all das, was um einen herum passiert. Der Erholungseffekt hält maximal drei Wochen an. Der Erholungseffekt hält maximal drei Wochen an. Häufig auch nur eine Woche. Dann ist das Anspannungsniveau wieder auf dem Level wie vor dem Urlaub. Wie schnell das geht, hängt vor allem davon ab, wie viel Arbeitsbelastung direkt nach dem Urlaub auf einen wartet. Bei vielen Menschen ist es so, dass alles liegen bleibt, während sie weg sind. Sie haben also direkt nach dem Urlaub sogar mehr zu tun als sonst. Da ist das Feriengefühl schnell verflogen. Eine Studie hat ergeben, dass der Erholungseffekt länger anhält, wenn man es schafft, im Alltag regelmäßig Entspannung zu finden – sich also einen Mini-Urlaub gönnt.

© Gmünder Tagespost 10.08.2018 17:37
609 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.