Auf schmalen Wegen zum weiten Blick

Italien Fern der Touristenströme: Eine Wanderreise durch Umbrien führt durch verlassene Dörfer und menschenleere Gebirge. Abseits der Menschenströme gibt es viel zu entdecken.
  • Foto: Doormann

Still in der Morgensonne liegt der Lago di Piediluco, gesäumt von bewaldeten Bergen. Am Rande des Sees dümpeln ein paar Ruderboote. Nur wenige Badegäste sind zu sehen. Es ist Sommer in Umbrien und hier fast unwirklich idyllisch, fern der Touristenströme am Mittelmeer. Jenseits des Sees öffnet sich der Blick auf ein Dorf, das weit weg auf einem Berghang thront. „Das ist Labro“, sagt Giovanni Nori, der die kleine Gruppe begleitet, „da steigen wir jetzt hinauf.“

Etwa 220 Höhenmeter sind zu bewältigen, immer wieder mit einer schönen Sicht über den See. Nach gut einer Stunde erreichen die Wanderer das mittelalterliche Dorf mit seinen mächtigen Mauern aus hellen Natursteinen, das bereits in der Region Latium liegt.

Es geht durch schmale gepflasterte Gassen, von gewölbten Bögen überspannt. Die steil an die Felsen gebauten Häuser, manche mit Treppenaufgängen, andere mit Balkonen oder Terrassen, und darüber das 1000 Jahre alte Kastell und der 40 Meter hohe Turm fügen sich zu einem einzigartigen Ganzen. Überall stehen Blumentöpfe, an den Mauern ranken Kletterpflanzen, in jeder Ecke gedeihen üppige Büsche und Bäume.

Dass Labro in seiner Substanz erhalten blieb, ist dem flämischen Architekten Ivan van Mossevelde zu verdanken. Er war 28 Jahre alt, als er auf einem Italien-Trip 1968 den abgelegenen Ort entdeckte und von seiner Schönheit beeindruckt war. Die reichen Besitzer der Palazzi und viele Bewohner hatten Labro bereits verlassen. Zurück in Belgien, beschloss Ivan, „das Dorf zu retten“.

„Es ist ganz langsam gegangen, die Häuser zu renovieren“, sagt der heute 78-Jährige. Es sollte nichts restauriert, nichts verändert werden. „Ich habe eine erste Wohnung verkauft und mit dem Geld die nächste Wohnung renoviert. Viele meiner Architekturstudenten haben hier ganze Sommer gearbeitet. So ging das von oben nach unten allmählich weiter, genauso mit den Straßen – ohne einen Euro Hilfe vom Dorf oder vom italienischen Staat.“ Es gelang ihm, in Rom eine Bestätigung dafür zu bekommen, dass weder in Labro noch in der Umgebung neu gebaut werden darf – so weit, wie man vom Dorf aus sehen kann.

Die besondere Unterkunft

Wer gern wie die Wandergruppe über Nacht in Labro bleiben möchte, findet hier eine besondere Art der Unterkunft. Seit vier Jahren betreiben Ivan und seine Frau Anne das „Albergo Diffuso Crispolti“: Ferienwohnungen, die über mehrere historische Häuser verteilt sind, mit einem fantastischen Blick über die umliegenden Berge bis hinunter zum Piediluco-See.

Am Abend empfiehlt sich ein Besuch im Restaurant „Arco Luna“ weiter unten im Dorf. Der Besitzer Romano ist 1952 in Labro geboren. Seine Mutter hatte hier eine Metzgerei. „Damals lebten in Labro noch 1.500 Menschen“, sagt er. Als Ivan kam, seien schon viele Leute weg gewesen, er habe hier neues Leben hereingebracht. Küchenchef Paulo serviert „Pizzi gotti“ – hausgemachte Nudeln mit schwarzen Trüffeln, obendrüber lokaler Käse und dazu verschiedene Sorten Wurst. Danach gibt es Hasenbraten.

Wein aus der Felsengrotte

Es ist ganz langsam gegangen, die Häuser zu renovieren.

Ivan von Mossevelde Architekt

Aus einer Grotte tief im Felsen mit einem Gang, der einst als Fluchtweg diente, hat der Chef einen zehn Jahre alten Montepulciano für seine Gäste heraufgeholt. Nachts auf dem Weg zurück braucht man Taschenlampen wie in alter Zeit.

Seit Jahrhunderten hat es in der Mitte Italiens Erdbeben gegeben. Doch Labros Häuser mit ihren Balkendecken, gebaut mit Mauern ohne Zement, waren nie von Schäden betroffen. Die weiter östlich gelegene mittelalterliche Stadt Amatrice dagegen, die zu den schönsten Orten Italiens gehörte, wurde bei einem schweren Erdbeben am 24. August 2016 und einem zweiten am 30. Oktober 2016 nahezu vollständig zerstört. Miriam Marini aus Amatrice führt die Gruppe durch das abgesperrte Trümmerfeld, das einmal der historische Ortskern war.

Den Leichnam Pilatus versenkt

Es tut gut, später am Tag über die ausgedehnte Hochebene des Piano Grande zu wandern, umrandet von den Gipfeln des Nationalparks Monti Sibillini nördlich von Amatrice. Am Nordhang des höchsten Berges, dem 2479 Meter hohen Monte Vettore, liegt der Pilatus-See, wo der Leichnam des Pilatus der Legende nach versenkt worden sein soll. Viele Mythen verbinden sich mit dem See, die schwarze Magie von Hexen und Nekromanten, die hier ihr Unwesen getrieben haben sollen. Ein winziges Krustentier namens Chirocephalus marchesoni lebt in diesem See, eine etwa zehn Millimeter lange Süßwassergarnele, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommt.

Tunnel in eine andere Welt

Die höchsten Gipfel des Apennins liegen in der Region Abruzzen. Entlang der Küste führt die Straße mehr als zehn Kilometer durch einen der längsten Autobahntunnel Europas – „in eine andere Welt“, sagt Wanderführer Giovanni. Schroff und menschenleer ist das Gebirge des Gran-Sasso-Massivs, das über einer fast 30 Kilometer langen Hochebene aufragt.

Am Abend landet die Gruppe in dem kleinen mittelalterlichen Ort Santo Stefano di Sessanio. Auch dort waren viele Menschen ausgewandert wie in Labro, als die Familie Ciarocco begann, die ehemalige Postkutschenstation zu renovieren. „Mein Vater hat hier alles ins Leben gerufen“, sagt Gastgeber Mario. „Residence Il Palazzo“ nennt sich das verwinkelte Bauernhaus heute. Das 1.50 Meter hoch gelegene Dorf hat es auf die Liste der schönsten Dörfer Italiens geschafft.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 16:32
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