Als wäre man ein Einheimischer

Thailand Privat übernachten, Reis ernten, boxen oder Elefanten baden: Der ländliche „Homestay“ ist im Inneren Thailands weit verbreitet und bietet interessante Erlebnisse mit der Bevölkerung.
  • Foto: Hippe

Die Abendsonne streichelt die Reisfelder mit ihren goldenen Lichtfingern. Unter einem Schattendach am Flussufer hocken die Dorfältesten im Schneidersitz und spielen auf uralten Instrumenten eine quietschfröhliche Melodie - zu Ehren der Fremden, die ins Dorf kommen. Nach dem Lied legen sie Fidel, Flöte und Langhalslaute beiseite und vollziehen die Zeremonie: Sie schneiden dünne Fäden von einer Baumwollspindel ab und binden sie dem Gast ums Handgelenk. Willkommen im Dorf Mae Thai in der Provinz Lampang im Norden Thailands!

Bua und Seb Kovacic haben die Begrüßung organisiert. Die Thailänderin und ihr slowenischer Ehemann bieten mit einem Homestay-Programm Urlaubern an, ihr Dorf kennenzulernen. Es liegt, umringt von saftigem Grün, eine Autostunde südlich von Lampang. Hier kennt jeder jeden. Am Nachmittag werden die Kühe durch die Straße in den Stall getrieben. Bua serviert Tee aus der Klitorienblüte und in Bananenblätter gewickelten Klebreis. S

Nach 14 Jahren seßhaft

Statt Luxus hat man hier Idyll pur. Abends fällt der Blick von der Matratze in der Bambushütte direkt auf die Reisfelder. Womöglich erkennt man einen der Dorfältesten, wie er auf dem Feld Heuschrecken fängt, die gegrillt einen knusprigen Snack ergeben. „Er sieht sie aus mehreren Meter Entfernung“, erzählt Seb. 14 Jahre lang bereiste er Thailand, bis er seine Frau kennenlernte und sich mit ihr hier niederließ.

Überall in Nordthailand bieten Familien „Homestay“ an. Dabei können Urlauber auf dem Lande je nach Jahreszeit bei der Reisernte helfen, das Korbflechten oder Töpfern erlernen. Sie kochen zusammen mit den Einheimischen, unternehmen Wandertouren in den bewaldeten Bergen ringsum und besuchen einen der zahlreichen bunt bemalten Tempel in der Umgebung.

Dämme zur Trinkwasserhaltung

Das Vorzeigedorf für diese Art von Öko-Tourismus heißt Sam Kha und liegt ein Stück weiter nordöstlich. Hier führt die Lehrerin Nok Wongtrakoon auf matschigen Pfaden durch den Bergwald zu einem romantisch gelegenen See. Ein Angler wirft seine Rute aus. Sie landet inmitten der Wolke, die sich im Wasser spiegelt. „Dieser See war damals leer und das Dorf vom Aussterben bedroht“, erzählt Nok. „Durch Bodenerosion hat die Erde das Wasser nicht mehr gehalten, Bäume sind abgestorben und es gab immer weniger Trinkwasser.“ Nok lebte damals noch in Bangkok. „Ich bin zurückgekommen, um meine Heimat zu retten, denn hier will ich alt werden.“ Mit ihren Schulkindern hat sie angefangen, kleine Steindämme zu bauen.

Erst schüttelten die Dorfbewohner darüber nur den Kopf, dann halfen sie. Schließlich wurde daraus ein vom König gefördertes Projekt. Nun können die 170 Familien aus der Wasserkraft Strom gewinnen. Aus der ökologischen Bewegung wurde ein „lernendes Dorf“, das auch einen sanften Tourismus einbezieht.

Ich bin zurückgekommen, um meine Heimat zu retten,

Nok Wongtrakoon Lehrerin

Lebende Legende des Muaythai

Überhaupt nicht sanft geht es bei Boxmeister Burklerk Pin-Saenchai in der Stadt Lampang zu. Mit Begeisterung empfängt der kräftige Mann die Schläge seiner Tochter. Dabei feuert er sie noch an: „Eins, zwei - und mit Kraft.“ Die Elfjährige mit schwarzem Zopf schwingt im Stakkato ihr Bein hoch und tritt ihrem Vater vor die Brust. Doch ihren Schwung stoppt er mit zwei Gummimatten an den Händen. Burklerk ist eine lebende Legende – einer von Thailands besten Großmeistern im Muaythai, dem Kickboxen.

Heute trainiert der 52-Jährige den Nachwuchs im eigenen Studio. „Anfangs waren die Eltern besorgt, dass ihre Kinder dadurch gewalttätig werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie können ihre Aggressionen abbauen und werden viel ausgeglichener.“ Auch Urlauber können bei ihm das Kickboxen erlernen. Seine Frau kocht dann für die Gäste und besucht mit ihnen einen der schönsten Tempel Thailands, den Wat Phra That Lampang Luang. In seinem Innern wuseln Touristen umher, recken ihre Smartphones in die Höhe: Hier schimpft keiner über ein Selfie mit Buddha.

Wünsche zum Himmel schicken

Am Tempel Wat Phra That Hariphunchai kann man seine Wünsche auf Papierlaternen schreiben und aufhängen. Zum Lichterfest Yi Peng im November steigen sie, jeweils mit einem Teelicht versehen, wie kleine Heißluftballons in den nächtlichen Himmel.

Ebenso soll es Glück bringen, unter dem Bauch eines Elefanten durchzugehen. Wer beim Homestay nicht nur Einheimischen, sondern auch dem Symboltier Thailands nahe sein will, kann eine Volontär-Woche im Elephant Nature Park nördlich von Chiang Mai buchen. Der Park ist eine Art Altersheim für Elefantendamen. Eine von ihnen ist Mae Jan Peng. Drei Generationen lang hat sie in den Wäldern Baumstämme gewuchtet. Jetzt genießt sie ihren Ruhestand, lässt sich von den Besuchern füttern und baden. Anschließend liebt sie es, sich im rostbraunen Schlamm zu wälzen, denn der kühlt ihre Haut wesentlich besser als Wasser. Statt Abkühlung bevorzugen die Gäste bei Seb und Bua am Abend eher ein Schwitzbad in einer Thaisauna: Dafür stellt Seb einen Topf brodelndes Wasser mit Kräutern unter einen ausgedienten Hühnerkäfig und legt ein Tuch darüber. Der Gast sitzt darunter auf einem Schemel. Durch eine Öffnung schaut nur der Kopf heraus. Während der heiße Dampf den Körper einhüllt, atmet man frische Landluft ein und kann zuschauen, wie die Abendsonne die Reispflanzen aufs Neue in ihre leuchtenden Arme nimmt.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 16:38
459 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.