Auf den Wellen des Glücks reiten

Baskenland Surfen ist an der französischen Atlantikküste die beliebteste Sportart. Zog es früher die Schönen und Reichen nach Biarritz, finden zunehmend Familien Gefallen an Sport und Lebensart.
  • Foto: Annette Schwesig

Thomas deutet mit leuchtenden Augen auf das bewegte Meer am Strand von Marbella in Biarritz und schwärmt: „Die Wellen heute sind fantastisch, wie gemacht für eure erste Surfstunde.“ Anfänger würden sich oft vor hohen Wellen fürchten, doch das Surfen werde dadurch eher leichter. „Die Welle trägt euch, sie ist euer Freund“, erklärt er.

Doch zunächst wird auf dem Trockenen geübt. Die dunklen, kinnhohen Neoprenanzüge fühlen sich sperrig und ungewohnt an. Warum überhaupt dieser Gummianzug? Der Atlantik ist so warm heute, egal, wie oft man später ins Wasser fallen wird, frieren wird man mit Sicherheit nicht. Doch die Anzüge schützen vor allem vor der Sonne. Die brennt heute von einem wolkenlosen Himmel auf den buttergelben Sand des weitläufigen Strandes. Durch den Wind, der hier ständig vom offenen Meer herüberweht, spürt man die Hitze kaum.

Vor der Sonne schützen

Das ist gefährlich für die Haut, Thomas weiß das: Auf Nase und Wangen hat er eine dicke Schicht grünlich-weißen Sunblocker aufgetragen. Tiefbraun ist der durchtrainierte junge Mann dennoch. In der Hauptsaison, von Juni bis September, ist er täglich für viele Stunden draußen. Am Strand von Marbella reiht sich Kurs an Kurs, ein mehrere Hundert Meter breiter Abschnitt ist für die Surfer reserviert, hier ist Schwimmen untersagt. Im Halbstundentakt kommen neue Gruppen, Alt und Jung, Anfänger und Fortgeschrittene, alle süchtig nach dem glückselig machenden Gefühl, über die Wellen zu gleiten.

Die größte Überraschung: So schwer wie befürchtet ist es gar nicht. Thomas macht vor, wie man sich auf das Brett legt und aufsteht, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, wenn die Welle kommt. Klingt simpel, klappt gut. Lange hält sich der Surflehrer, der bestens gelaunt und blendend aussehend jedem Klischee standhält, nicht mit Erklärungen auf.

Zügig geht’s ins Wasser, das Surfbrett mit einem Klettverschluss fest am Knöchel angebunden. Thomas führt die dreiköpfige Anfängergruppe ein Stück weit ins Meer hinaus, wartet auf eine geeignete Welle und dann geht alles ganz schnell. „Go, go!“, schreit er, die Kursteilnehmer versuchen, die Welle zu erwischen und aufzustehen. Das gelingt erst gar nicht, doch irgendwann steht man ganz kurz und dann kommt er, dieser magische Moment, in dem man über die Wellen gleitet. Thomas jubelt, motiviert, tröstet und treibt an: immer wieder aufs Neue. Drei Stunden dauert diese erste Lektion. Und immer wieder will man es haben, dieses Gefühl, dass alles gleichzeitig ist: schweben, gleiten, fliegen.

Thomas hatte recht: Diese Wellen meinen es gut mit den Anfängern, der Atlantik ist weniger tückisch als befürchtet. Keine gefährlichen Strömungen heute, sogar richtig schön hinausschwimmen kann man nach dem Surfen. Das Wasser ist weich und lau. Perfekter kann ein Tag am Strand eigentlich nicht sein.

Aus den USA nach Frankreich

Die baskische Kultur ist das Wertvollste, was wir haben.

Loic Peron
Betreiber Campingplatz Oyam

Hier an der baskischen Küste hat alles angefangen: 1957 kamen amerikanische Filmleute zum Drehen nach Biarritz. Als sie die spektakulären Wellen sahen, ließen sie sich umgehend Surfbretter nachsenden und zeigten der staunenden und sportbegeisterten baskischen Jugend, wie viel Spaß man mit Brett und Gischt haben kann. Bereits ein Jahr später wurden in Frankreich Plastikbretter produziert und es entstanden die ersten Surfclubs. So kam es, dass sich „Surfin’ USA“ auch in Europa etablierte. Bis heute, 60 Jahre später, ist Biarritz die Hauptstadt des europäischen Surfsports geblieben und hat einige Modesportarten kommen und gehen sehen. Nirgendwo sind die Wellen höher, ist die Landschaft dramatischer als hier an der Côte des Basques kurz vor der spanischen Grenze. Biarritz galt lange als Ort der Reichen und Adligen, der Schönen und Flippigen. Ein Urlaubsort für Familien war das Seebad nicht.

Von reich zu familiär

Doch das hat sich in letzter Zeit geändert. Sicher ist Biarritz immer noch eher glamourös als gemütlich und dennoch kann man hier auch als Familie bestens seine Ferien verbringen. Der Urlaub ist im Vergleich zum Mittelmeer recht günstig, die riesigen Strände sind selbst in der Hochsaison nicht überlaufen. Einige der zahlreichen Surfschulen bieten Kurse speziell für Kinder unterschiedlichen Alters an: Es gibt Gruppen nur für Mädchen, auch Kurse für Familien sind im Angebot. Wer die baskische Gastfreundschaft kennenlernen will, der kann eine Unterkunft mitbuchen: Einige Surfschulen kooperieren mit Hotels, privaten Gastgebern oder Campingplätzen.

Zum Beispiel in Bidart. Das kleine Städtchen liegt nur wenige Autominuten von Biarritz entfernt, ein Shuttle verbindet den Campingplatz Oyam mit dem Strand Marbella. Der familiäre Campingplatz verfügt zwar über keine Nachtbuslinie ins Partyzentrum von Biarritz, dafür gibt es Nachtruhe ab 22.30 Uhr. Das garantiert der Betreiber Loic Peron.

Einzigartige Kultur

Sehr gern erzählt der hilfsbereite und charmante Baske von der Kultur und Sprache seines Volkes. „Die baskische Sprache gilt als die älteste Sprache Europas.“ Er deutet auf ein Schild in seinem Restaurant und erläutert: „In Euskara, so heißt die baskische Sprache offiziell, gibt es viele x und k. Die Sprache ist sehr schwer, aber sie wird hier noch gesprochen und in den Schulen unterrichtet.“ Lächelnd fügt er hinzu: „Die baskische Kultur ist das Wertvollste, was wir haben.“

Nur wenige Autominuten von dem Campingplatz entfernt steht das neue „Cité de l’Océan“, ein modernes Multimedia-Museum aus Glas und Beton in Form einer riesigen Welle. Man erfährt Erstaunliches über die biblische Sintflut, die Gezeiten, das Bermudadreieck und die Geschichte des Surfens. Besonders beliebt bei Kindern ist das virtuelle Surfen mit 3-D-Brille. Wer lieber Meerestiere sehen mag, der geht ins „Musée de la Mer“. Das berühmte und exponiert auf einem Plateau zwischen den beiden Hauptstränden von Biarritz gelegene Meeresmuseum fasziniert nicht nur Kinder. Der aus dem Jahr 1933 stammende Art-déco-Bau beherbergt mehrere Aquarien, in denen sich Wale, Haie, Robben und anderes Getier tummeln. Auch Lagunen und Korallenriffe sind Teil der Ausstellung. Jüngst wurde das Museum um einen in die Klippe versenkbaren Trakt erweitert, was die Attraktivität des Museums noch steigert. Draußen Meer, drinnen Meer - und man hat immer noch nicht genug.

© Gmünder Tagespost 12.01.2018 17:56
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