Bordkarte vom Gesicht ablesen

Flugreisende Immer öfter wird per biometrischer Gesichtserkennung beim Boarding kontrolliert. Kritiker warnen vor der Verletzung der Privatsphäre.
  • Foto: Masterfile Corporation

Wer einen Lufthansa-Flug ab Los Angeles gebucht hat, kann seit Kurzem ohne Bordkarte und Passkontrolle in das Flugzeug steigen. Am biometrischen Boarding-Gate wird ein Foto vom Gesicht des Passagiers gemacht. Dazu muss man nicht einmal stehen bleiben. Die eingebauten Kameras von Vision-Box erfassen die biometrischen Daten nicht nur blitzschnell, sondern passen sich auch der Größe der Passagiere an. Die Fotos werden in Echtzeit zur US Customs and Border Protection geleitet und mit dem beim Department of Homeland Security (DHS) – dem amerikanischen Heimatschutzministerium – vorliegenden Foto abgeglichen. Ist alles in Ordnung, kann der Passagier an Bord gehen. Lufthansa speichert die Fotos nicht.

Mit der Gesichtserkennung entfallen nicht nur die für den Passagier lästigen Kontrollen von Bordkarte und Pass, der Einsteigeprozess wird auch erheblich schneller. „Wir haben eine A380 mit 350 Passagieren in 22 Minuten geboardet“, sagt Adel Baraghith, Projektleiter Produktmanagement bei der Lufthansa. Bisher habe es etwa 40 Minuten gedauert. Mit der Gesichtserkennung folgt Lufthansa dem Vorreiter British Airways, die dasselbe System bereits seit November bei internationalen Flügen ab Los Angeles einsetzt und inzwischen auf die Flughäfen in Orlando, Miami und den John F. Kennedy International Airport in New York ausgeweitet hat. Auch bei den Briten hat sich die Einsteigezeit enorm reduziert. In Orlando brauchten die 240 Passagiere auf dem Flug nach London-Gatwick nur noch rund zehn Minuten. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn die biometrischen Daten der Passagiere den Behörden vorliegen, also – wie in den USA – bereits beim Visumsantrag oder bei der Einreise erfasst wurden.

Dort gab es bereits 2017 Pilotprogramme zur Gesichtserkennung an einigen internationalen Flughäfen. Die Ausreise-Checks sollen dazu dienen, Visaüberschreitungen von Ausländern zu erfassen, und sicherstellen, dass die eingecheckte Person auch wirklich ausfliegt.

Bei den Experten des Georgetown University Law Center on Privacy & Technology in Washington D.C. stößt das sogenannte Biometric-Exit-Programm des Heimatschutzministeriums auf erhebliche Kritik. In ihrem im Dezember veröffentlichten Report „Not ready for take-off“ (Nicht bereit zum Abheben) bemängelten sie, dass die biometrische Gesichtserkennung auch bei US-Bürgern ohne deren Zustimmung durchgeführt wird. Inzwischen hat das Ministerium offenbar eingelenkt. So können US-Bürger – auch bei Lufthansa – die Gesichtserkennung ablehnen und bei der bisherigen Boarding-Prozedur bleiben.

Fotos werden Jahre aufbewahrt

Ungeklärt sei auch die Speicherung und mögliche Nutzung der biometrischen Daten von US-Bürgern für andere Zwecke und dazu komme die Gefahr, dass die Daten Hackern in die Finger fallen, so die Experten. Die Fotos ausländischer Passagiere werden dabei über Jahre aufbewahrt und können mit FBI- und Terroristenlisten abgeglichen werden. Der Bericht kritisiert auch, dass bisher keine Zahlen vorlägen, ob das biometrische Scannen überhaupt die gewünschte Verbesserung bei der Sicherheit bringe. Zumal die Genauigkeitsanforderungen des Ministeriums lediglich bei 96 Prozent lägen. Das bedeute, dass einer von 25 Reisenden fälschlicherweise zurückgewiesen werde. Das wären allein am Flughafen JFK in New York 1632 Passagiere pro Tag. Lufthansa-Projektleiter Baraghith sieht hier kein Problem. Bisher sei bei der Abfertigung der A380 erst ein Fehler vorgekommen, und in diesem Fall musste der Fluggast eben noch einmal zum Schalter gehen.

Im Fischtunnel experimentiert

Wir haben eine A 380 mit 350 Passagieren in 22 Minuten geboardet.

Adel Baraghith
Projektleiter Lufthansa

Inzwischen experimentieren Airlines in aller Welt mit der Gesichtserkennung. In Dubai wurde im vergangenen Jahr ein gläserner Tunnel mit dreidimensionalen Bildern aus einem Aquarium vorgestellt. Während die Passagiere den Tunnel durchqueren und die Fische beobachten, erfassen 80 versteckte Kameras ihre Gesichter. „Fische sind eine Art Unterhaltung“, wird Major Gen Obaid Al Hameeri, stellvertretender Direktor des Immigration und Visa Departments, in der Zeitung „The National“ zitiert. Stimmen die biometrischen Daten mit der zuvor erfolgten Registrierung überein, leuchtet am Ende des Tunnels ein grünes Licht. Blinkt es rot, wird das Sicherheitspersonal informiert.

Laut Zeitungsbericht sollen die ersten „virtuellen Grenzen“ in einem Pilotprojekt in diesem Sommer am Terminal drei der Fluggesellschaft Emirates am Dubai International Airport installiert werden. Beim Flughafen bestreitet man, dass es bereits Pläne zur Umsetzung gibt. Auch bei Emirates weiß man davon angeblich nichts.

Gesichtskontrolle kommt

Die Gesichtskontrolle am Flughafen wird kommen und sich immer mehr ausbreiten. „Wir beobachten weltweit ein enormes Interesse“, erklärte Sean Farrell, der das biometrische Team beim Technologieunternehmen SITA leitet, dem Fachmagazin „Travel Weekly“. Er glaube, dass bis 2020 alle wichtigen Flughäfen das biometrische Modell nutzen werden.

Herausforderung Kooperation

Noch laufen die meisten Pilotprojekte bei inländischen Flügen. Denn die Kooperation von Airlines und Behörden ist oftmals eine Herausforderung, weil beide IT-Systeme aufeinander abgestimmt werden müssen. „Es gibt immer mehr Länder, die daran ein Interesse haben“, beobachtet Projektleiter Baraghith. Auch Lufthansa will das biometrische Boarding daher auf andere Flughäfen ausweiten. Allerdings sei das auch eine Kostenfrage. In Los Angeles habe der Flughafen die teuren Geräte zur Verfügung gestellt.

© Gmünder Tagespost 23.03.2018 14:39
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