Das Überlebensspiel im Schwarzwald

Survival Auf einem Eisberg bei Nagold können die Teilnehmer ihre Grenzen testen. Es ist kein Spaziergang, sondern die Nachstellung des Szenarios einer Forschungsreise am Polarkreis.
  • Foto: Annette Frühauf

Motorschaden am Polarkreis – die Expedition muss zu Fuß weiter. Auf dem Eisberg bei Nagold können die Teilnehmer beim Survival-Training ihre Grenzen testen. Der Wind fegt über die Kuppe und obwohl die Sonne alles gibt, behält die klirrende Kälte die Oberhand. Die Teilnehmer des Camps haben sich gut eingepackt. Seit der Einführung ist klar: Eine Forschungsreise am Polarkreis ist kein Spaziergang.

Mehrtägiger Fußmarsch

Wenn dann auch noch der Hägglund, das Überschneefahrzeug, liegenbleibt, geht es ums Überleben. Plötzlich wird aus der überschaubaren Fahrstrecke ein mehrtägiger Fußmarsch, die Vorräte schrumpfen und die Kälte wird spätestens nachts zum schlimmsten Feind. „Es geht nicht darum, die nächsten 24 Stunden zu überstehen, sondern das Szenario zu leben“, erklärt Dieter Nell, der bei der Bundeswehr Fallschirmjäger und lange Jahre mit der Einheit im benachbarten Calw stationiert war – an seiner Seite zwei ehemalige Kollegen, Luky und Luke.

Auf neue Situationen einlassen

Der Ex-Soldat betreibt seit zehn Jahren den nahe gelegenen Hochseilgarten und leitet die „Forschungsreise ins ewige Eis“. Dem Coach geht es bei seinen Angeboten darum, dass sich die Teilnehmer auf eine neue Situation einlassen und lernen, mit ihr umzugehen. Im Hägglund ist es eng, das schwimmfähige Mehrzweckfahrzeug hat ein Kettenlaufwerk und kommt damit auch in schwierigem Gelände durch. Die kleinen Fenster sind nach kurzer Zeit beschlagen. Jeder spürt die Beschaffenheit des Geländes am eigenen Leib, wenn kleinere und größere Böschungen für „Achterbahn-Feeling“ sorgen. Plötzlich bleibt das Fahrzeug stehen und der Spaß ist zu Ende. Fürs Team geht es jetzt ums Überleben – die ungeplante Notlage muss gemeinsam gemeistert werden. Das Nötigste dazu hat jeder im Rucksack, Isomatte, Schlafsack und warme Kleidung. Die Kiste mit Werkzeug, Leinen, Sicherheitsgurten und den Vorräten muss auch mit.

Mit Karte und Kompaß

Bevor das Abenteuer beginnt, werden noch Karten und Kompasse verteilt – wichtige Orientierungshilfen im winterlichen Wald. Zwei markante Punkte im Gelände helfen, bei der Kreuzpeilung den Standort zu ermitteln. Das Ziel, der nächste besiedelte Stützpunkt, ist angepeilt und gibt die Marschrichtung vor. Zwei Mann tragen die Box mit der Ausrüstung. Es geht durch den Wald. Immer wieder wird mit dem Kompass überprüft, ob die Richtung stimmt. Meist herrscht Einigkeit unter den zehn Frauen und Männern – einen Gruppenführer braucht es nicht. Luke weist unterwegs auf Bäume und Pflanzen hin, die später nützlich sein können. So wie die äußere Schicht der Birkenrinde, deren Öle wie Zunder brennen. Der Saft des Baumes enthält außerdem Cambium, einen gährungsfähigen, stärkehaltigen Zucker, der allerdings erst im Frühjahr wieder fließt.

Baumharz und Gräser wandern ebenso in die Taschen wie kleine, abgestorbene Äste, die beim Abtrennen laut knacken. Eine Felswand zwingt zur Rast und das Abseilen kostet Zeit, aber die Sicherheit steht an erster Stelle. Einer nach dem anderen wird heruntergelassen – immer wieder segeln einzelne Gepäckstücke an der Leine nach unten. Die Zeit läuft davon. Denn es ist wichtig, vor der Dunkelheit einen geschützten Schlafplatz zu errichten, ein Feuer zu entzünden und für genug Brennbares zu sorgen. Damit die nächtliche Feuerwache Material zum Nachlegen hat. Herumliegende Äste bilden das Gerüst für die Minihütte, die gerade so zum Unterkriechen reicht.

Es geht nicht darum, die nächsten 24 Stunden zu überstehen.

Dieter Nell
Survival-Trainer

Reisig isoliert vor der Kälte

Das Frauenteam nimmt sich Zeit für seine nächtliche Behausung und es dauert, bis der Boden vom Schnee befreit ist. Immer wieder zieht jemand los, um Zweige zu holen, die vorab zum Schutz der Schwarzwaldtannen an verschiedenen Stellen deponiert wurden. Das Reisig dient als Unterlage und isoliert vor Kälte. Auch die Wände und das Dach werden aus dem nadeligen Geäst gebaut - je dichter geschichtet wird, desto geschützter sind die Lager. „Heute Nacht merkt ihr erst, wie gut ihr gebaut habt“, prophezeit Dieter. Worauf noch einmal nachgebessert wird. Währenddessen kümmert sich der Feuertrupp ums Holz.

Das weiche Material des Feuerstahls entzündet das Nest aus Baumwollwatte. Bald brennt ein kleines Feuer, das mit Birkenrinde und Splittern aus Kernholz gefüttert wird. Schnell lodern dann die Flammen, wärmen kalte Füße und trocknen nasse Socken. Zur Büchsensuppe gibt es gegrilltes Kaninchen und Hähnchen.

Trotz der „Notlage“ ist die Stimmung gut – auch wenn mit der untergehenden Sonne die Temperaturen sinken. Die Feuerromantik schafft es allerdings nicht, die Sorgen vor den Minusgraden ganz zu vertreiben.

Gemeinsam überlebt

Der eine oder andere fragt sich: „Worauf habe ich mich da eingelassen? War es wirklich eine gute Idee, mitten im Winter ein Survival-Camp zu besuchen?“ Jeder macht in dieser Nacht eigene Erfahrungen. Der eine überschreitet eine Grenze, nimmt die Kälte mit Gelassenheit und verschläft die dunklen Stunden. Der andere weicht vor der Grenze zurück und flüchtet in die Wärme der Zivilisation.

Der Tag danach: In der Gruppe herrscht Einigkeit darüber, dass es ein ganz besonderes Erlebnis in der Natur war – am Ende haben alle gemeinsam überlebt.

© Gmünder Tagespost 09.03.2018 10:06
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