Die Wiege des europäischen Gartenbaus

Bodensee Im Frühjahr und Sommer lädt die Region zu einer Reise durch eine Vielzahl privater, öffentlicher und klösterlicher Gärten ein. Auch Hermann Hesse genoss hier die Sommerblütenfülle.
  • Foto: Dorothee Fauth

Die Akeleien dürfen alles im Garten von Gillian Epp. Sie reihen sich um den alten Birnbaum und breiten sich mit ihren zauseligen rosafarbenen, weißen, violetten und dunkelroten Köpfen aus, wo immer es ihnen passt: an Mauern, neben den Schwertlilien, im Gemüsebeet. So sieht es das Konzept der passionierten Gärtnerin vor. „Bei mir darf alles kontrolliert wild ineinanderwachsen“, erklärt sie. Der Garten von Gillian Epp befindet sich in Allensbach am Bodensee. Er kann nicht gefunden werden, es sei denn, man weiß, wo er ist.

Von der Straße uneinsehbar breitet er sich hinter dem Haus aus, ein grünes Paradies mit Rosenpergola und duftenden Rosmarinbüschen, Blumenbeeten, Teichlandschaft, knorrigen alten Obstbäumen - und einem Stück Konstanzer Münster, das von Efeu überwuchert ist. Einst war es bei Renovierungsarbeiten ausrangiert worden.

Von London an den Bodensee

Vor einigen Jahren hat sich die gebürtige Londonerin der Initiative „Garten-Rendezvous am Untersee“ angeschlossen und ihren Privatgarten für Besucher geöffnet. Die Bodenseeregion gilt als Wiege des europäischen Gartenbaus, seit Walahfrid Strabo, Abt des Klosters Reichenau, 840 ein botanisches Werk über die Kulturen der Gärten verfasste, das unter dem Namen „Hortulus“ bekannt wurde. In den folgenden fast 1200 Jahren sind unzählige Gärten am Bodensee aufgeblüht. Die Insel Mainau mit ihrer Blumenvielfalt, dem alten Baumbestand und mediterranen Flair gehört ebenso dazu wie die durchkomponierte barocke Anlage von Schloss Meersburg und die Gemüseinsel Reichenau, auf der nicht nur Salatköpfe in Reih und Glied stehen, sondern auch der Klostergarten von Walahfrid Strabo rekonstruiert wurde. Allein am Untersee kann man auf deutscher und Schweizer Seite rund 40 Gärten besuchen: öffentliche Anlagen, historische Gärten, Künstleroasen, Klostergärten, private Gärten - jeder erzählt eine kleine Schöpfungsgeschichte.

Geheimnis der Blumenpracht

Gillian Epp kennt das Geheimnis der üppigen Blumenpracht am Bodensee: „Wir sind vom Klima begünstigt“, sagt sie. Es ist mild im Winter durch den wärmespeichernden See, mediterran im Sommer. Die lockeren Zügel ihres Gartenkonzepts nutzt frech ein Rosenbusch, der bis in die Krone eines Mirabellenbaums hinaufgeklettert ist. „Nun blüht der Baum zweimal, im Frühling weiß und ab dem Frühsommer zartrosa, wenn die Rosen ihre Knospen öffnen. Und danach reifen die Mirabellen. Wunderbar“, schwärmt Epp.

Wunderbar ist auch ein Garten auf der Halbinsel Höri, eine halbe Autostunde von Allensbach entfernt. Angelegt hat ihn Hermann Hesse. An einem der idyllischsten Zipfel am Bodensee, der vielen Künstlern zur Heimat wurde, wollte der Dichter mit seiner Frau Mia für die Ewigkeit bleiben und blieb nur fünf Jahre. In dieser Zeit, von 1907 bis 1912, baute er ein Haus im Schweizer Heimatstil mit mintgrünen Schindeln und rosa Anstrich und schuf mit eigenen Händen einen traumhaft schönen Zier- und Nutzgarten.

Heute ist das Anwesen im Privatbesitz von Bernd und Eva Eberwein, die das Kulturdenkmal gerade noch vor dem Abriss gerettet haben.

Aufbewahren und mit in das Alter nehmen.

Hermann Hesse
Autor

Die Rekonstruktion des Gartens ist das Werk der Biologin Eberwein, was mithilfe von Briefen, Fotos und Bodenanalysen gelang. Dabei kam heraus, dass Hesse den sandigen Untergrund der Wege mit Büchern befestigte, die er als Kritiker massenhaft zugeschickt bekam. So manches Werk von Jungautoren liegt hier begraben. „Setzen Sie sich auch mal hin und genießen Sie den Garten“, empfiehlt Bernd Eberwein.

Doch am liebsten möchte man unaufhörlich hindurchschweben wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte, von den lila Kugeln des Schnittlauchs zum blutroten Mohn und den leuchtenden Sonnenblumenspalieren. „In den Blumenrabatten verteilen wir die Farben und Formen, häufen Blau und Weiß, schmettern ein lachendes Rot dazwischen“, schrieb Hesse euphorisch.

Zwei Stunden morgens, zwei Stunden abends – so viel Zeit stecken die Eberweins in die Pflege dieses überbordenden Gartens. Und wie bei den Hesses kommen die Gartenkräuter in den Salat.

Die Gärten der Schweiz

Auch auf Schweizer Seite findet man in fast jedem Ort einen besonderen Garten – mit und ohne Seeblick. Durch Apfelbaumland führt die Reise nach Warth zur Kartause Ittingen. Die ehemalige Klosteranlage inmitten von den Obstwiesen und Weinbergen ist nicht nur ein Ort der Kultur, Spiritualität und Fürsorge. Im Frühsommer verwandeln nämlich sage und schreibe rund 1000 Rosenstöcke, darunter 250 historische Wildrosen, den Klostergarten in ein herrlich duftendes Blütenmeer. „Raubritter“, „Robin Hood“ und die „Rose von Bourbon“ säumen Wege, ranken über Pergolen und Spaliere, blühen an Hauswänden und in Kräuterbeeten, wo sich ihr Duft mit der ätherischen Würze von Thymian mischt.

Hermann Hesse hatte einen Traum. Er wollte die Sommerblütenfülle so gerne „aufbewahren und mit in den Winter, in die kommenden Tage und Jahre, in das Alter nehmen“. Eine schöne Vorstellung.

© Gmünder Tagespost 06.04.2018 13:02
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