Die wilde Seite des Feldbergs

Skitouren Der Aufstieg über den „Toten Mann“ im Südschwarzwald ist steil und felsig. Das wunderbare Panorama entschädigt Tourengeher aber für die großen Mühen.
  • Foto: Albers

Toter Mann – so ein Ort klingt erst mal nicht so attraktiv. Für das Feldberggebiet aber schon eher verheißungsvoll. Verspricht der Name doch eine Stille, die man dem Feldberg gar nicht mehr zutraut. Man kennt den Gipfel ja von den Verkehrsnachrichten, die an einem schönen Wintertag nur noch warnen: Das ganze Gebiet ist überparkt. Und mit der Straße über den Feldbergpass, der Hotelsiedlung, dem Parkhaus und den Parkflächen, den Liften ist der Feldberg intensiv genutzt.

Aber: Toter Mann – das hat, wenigstens ein bisschen, den Klang der Zeiten, als der Name Schwarzwald für Schaudern bei den Reisenden sorgte. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts notierte der badische Historiker Joseph Bader: „Man malt sich das schwarzwäldische Gebirge mit Farben vor, welche nur für eine wilde, traurige Einöde passen.“ In Zeiten der Outdoor-Sehnsucht ist das aber ein lockendes Versprechen. Also: Besteigen wir den Feldberg mal von der Nordwestseite, über den Toten Mann.

Fahrweg am Abgrund

Schon die Anfahrt lässt spüren, dass man hier auf der wilderen Seite des Feldbergs ist. Eine schmale Straße führt in das Zastler Tal. Immer steiler, dunkler, felsiger werden die Hänge, die direkt auf den Feldberg zulaufen. Da, wo der Scheibenfelsen mit wilden Felswänden fast senkrecht abfällt, liegt Zastler, eine Siedlung aus vielen Einzelhöfen. Zu einem, dem Stollenbacher Hof, biegt ein Fahrweg ab, so schmal, steil und manchmal direkt am Abgrund, dass er bei Schnee schon sehr gute Winterreifen, Fahrkönnen und ein bisschen Nervenstärke erfordert –und unter Mountainbikern gilt die Strecke mit ihren bis zu 18 Prozent als eine der härtesten Quälereien im Südschwarzwald.

Ruhe aus Kapitalmangel

Die Serpentinen schrauben sich über fast 550 Höhenmeter hoch zu einer Geländemulde, in der der Wald einem offeneren Gelände mit Bauminseln weicht. Hier lässt eine Bauerngemeinschaft seit Jahrhunderten im Sommer ihr Vieh weiden, und im Stollenbacher Hof bezog der Herdenhüter Quartier. Die freien Almwiesen lockten im Jahr 1967 die Wintersportinvestoren, die drei Schlepplifte bauten –weitergehende Pläne für eine Kabinenbahn und für ein Sporthotel scheiterten am Kapitalmangel. So hat man jetzt vielleicht das Beste aus zwei Welten: eine Auffahrt, die einen in eine halbwegs schneesichere Region bringt, und schnell Ruhe, denn allzu rummelig wird es in dem kleinen Skigebiet nicht.

Man malt sich das schwarzwäldische Gebirge mit Farben vor.

Joseph Bader
Historiker

Tatsächlich: Beobachtet man, was so am Parkplatz ausgeladen wird, so sind dies oft die Geräte für den Marsch in die weiße Weite: Schneeschuhe oder Tourenski. Denn am Stollenbacher Hof beginnt einer der attraktivsten Aufstiege auf den Feldberg – und einer, der nur „by fair means“, also nur mit eigener Kraft und mit eigenem Können machbar ist.

Das perfekte Skitourengelände

Die offene Landschaft ist ein perfektes Skitourengelände. In mäßiger Steigung steigt man erst an Richtung Erlenbacher Hütte, dem Schutzhaus einer weiteren Weidegenossenschaft, die schon um das Jahr 1000 bestand. Über einen Rücken, der weite Blicke über all die Kuppen und Senken des Südschwarzwaldes gestattet, kommt man unterhalb des Ahornkopfes vorbei und strebt dem Toten Mann entgegen. Das ist ein lang gestrecktes Gipfelplateau, für dessen Namen es verschiedene Deutungsmöglichkeiten gibt. Toter Mann nennen die Bergleute Lagerstätten, von denen sie sich etwas erhofft haben – die aber nichts hergeben. Bergbau wurde vielfach gemacht im Südschwarzwald, der Name Stollenbach hat vielleicht auch damit zu tun. Einer Sage nach habe ein Waldarbeiter beim Holzhauen seine Hand eingeklemmt. Weil er sie nicht mehr aus dem Spalt herausbrachte, sei er verhungert, verdurstet, erfroren.

Dem Mann wäre heute wahrscheinlich schnell geholfen. Die Tour ist so beliebt, dass es schon fast eine Prozession von Tourengängern ist, die den Toten Mann passiert, in die Senke des Hüttenwasens, ein malerisches Hochtal, hinabgleitet und den längsten Anstieg anpackt. Der lange Hang des Immisberges erfordert schon etliche Kehren, und wenn man die auch ohne die Kickkehre hinbekommt und damit unter der Hangneigung von 30 Grad bleibt, die als Lawinengrenze gilt – so fühlt man sich mit entsprechender Ausrüstung schon wohler. Und man sieht: Immer mehr Tourengänger sind auch in solchen Hängen mit dem Lawinen-Airbag unterwegs.

Eine kurze Waldschneise steht Spalier für die letzte Etappe, der Gipfelhang des Feldbergs. Und der streckt von allen Mittelgebirgen am höchsten den Kopf in den Wind, entsprechend rau pfeift es meist hier oben. Die Bäume sind zu bizarren Eisskulpturen verwandelt worden, an Wegstangen und Zäunen stehen die Eisfahnen waagerecht ab. Und die Station des Deutschen Wetterdienstes auf dem Gipfel ist ein eisverkrustetes Etwas, an dem man die Hausstrukturen nur mühsam wahrnimmt. Wenn nicht die Wolken alles einhüllen, und die Orientierung anspruchsvoll machen, ist die Belohnung für die Tour ein Panorama von seltener Weite: im Osten die Vogesen, im Westen die Alb, im Süden die Alpen. Und das alles an einem ziemlich stillen Platz, zwei Kilometer weit ist der Pistenbetrieb am Seebuck weg. Dann kommt, wenn die im Wind flatternden Felle abgezogen sind, die Abfahrt hinunter zum Hüttenwasen. Dann müssen, typisch für das Auf und Ab bei Schwarzwaldtouren, die Felle wieder ran: knapp 100 Höhenmeter Gegensteigung zum Toten Mann. Aber danach gleiten die Ski nur noch bergab.

© Gmünder Tagespost 02.03.2018 11:12
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