Durch blühenden Tabak wandern

Südpfalz Seit 400 Jahren wird hier Tabak angebaut. Duftende Felder und Themenwege locken Urlauber in die traditionsreiche Region.

Mannshoch wird eine ausgewachsene Tabakpflanze. Kein Wunder also, dass die Erntehelfer in den Tabakplantagen immer wieder komplett von den Gewächsen mit ihren großen, saftiggrünen Blättern „verschluckt“ werden. Nur der Traktor mit dem Erntewagen lässt erahnen, wo die Arbeiter gerade zugange sind. Es ist wie ein lustiges Versteckspiel, das man dieser Tage auf den Äckern verschiedener Gemeinden im Landkreis Germersheim beobachten kann. Von Juli bis Mitte Oktober ist Erntezeit bei den Tabakpflanzern in der Südpfalz.

Der herbe Duft des Tabaks

Doch nicht nur der Duft der rosa blühenden Tabakfelder, die in der warmen Spätsommersonne ihren herben Duft verströmen, lockt jetzt viele Gäste an. Für Ausflügler und Urlauber sind auch die vielen Erntedankfeste eine Attraktion. Denn die Südpfalz ist nicht nur eine Tabak-, sondern auch Wein- und Gemüseregion. Genuss und Kulinarik werden deshalb hier großgeschrieben. 30 Themenwege für Radler und Wanderer machen die Destination außerdem zu einem beliebten Urlaubsziel für Aktivurlauber.

Tabak, lateinisch Nicotiana, gehört wie die Tomate zur Gattung der Nachtschattengewächse und ist hübsch anzusehen. Er wächst pyramidenförmig in den Himmel, wobei die Spitze der Pyramide von rosafarbenen, kelchförmigen Blüten gekrönt wird.

Anbau im Pfarrgarten

Ende des 15. Jahrhunderts war die Tabakpflanze aus der Neuen Welt nach Europa eingeführt worden. Damals wurde ihr heilende Wirkung zugesprochen. 1573 baute daher der naturwissenschaftlich interessierte Pfarrer von Hatzenbühl, Anselm Anselmann, Tabakpflanzen im Garten seines Pfarrhauses an und wurde damit ungewollt zum Pionier des Tabakanbaus in Deutschland. Denn die exotische Pflanze, die ursprünglich vor allem in Südamerika heimisch ist, fühlte sich in der Südpfalz überaus wohl.

Einst größtes Anbaugebiet

Sowohl der Boden als auch das milde Klima entlang des Rheins waren für den Anbau ideal, und so mauserten sich Hatzenbühl und die benachbarten Gemeinden bis zum späten 20. Jahrhundert zum größten Tabakanbaugebiet der Nation. Hunderte zum Teil hoch aufragende hölzerne Schuppen mit ihren Lamellen, in denen die Blätter einst zum Trocknen aufgehängt wurden, prägen bis heute das Landschaftsbild.

„Die wirtschaftliche Blütezeit von Tabak, den wir Pfälzer liebevoll Duwak nennen, war von 1970 bis 2009“, weiß Ernst Wünstel, ein Freund des lokalen Tabakanbaus. Gemeinsam mit anderen Hatzenbühlern legte der Maschinenbau- Ingenieur 2016 einen zwei Kilometer langen, barrierefreien Tabakrundweg durch seine Heimatgemeinde an. „Als die EU 2010 die Subventionen für Tabak strich, gaben viele Pflanzer die zeitintensive, mit viel Handarbeit verbundene Produktion auf.

In Hatzenbühl bauten zur Blütezeit rund 400 Betriebe Tabak an, heute sind es nur noch zwei“, erklärt Wünstel. „Dennoch identifizieren sich nach wie vor viele Südpfälzer mit dem Tabak. Immerhin hatte der Anbau jahrhundertelang eine große Bedeutung für die Menschen hier.“ Der Tabakrundweg beginnt am Pfarrgarten von Anselm Anselmann und führt entlang von Aufzuchtgärten und Tabakschuppen um den Ort herum.

Wir nennen unseren Tabak liebevoll Duwak

Ernst Wünstel Ingenieur und Anleger des Tabakrundwegs

40 Kilometer Tabak-Tour

Zwei Sorten seien in Hatzenbühl einst auf einer Fläche von 265 Hektar angebaut worden, sagt Wünstel, die luftgetrocknete Sorte Badischer Geudertheimer für die Zigarrenproduktion und Badischer Burley für Zigaretten und Pfeifentabak. Heute werde zusätzlich Virgin angebaut, der hauptsächlich in der Wasserpfeife konsumiert wird. Für Radler empfiehlt sich die 40 Kilometer lange Südpfalz-Tabaktour.

Sie führt entlang der verbliebenen Tabakfelder mit ihrem intensiven Duft durch malerische Bauerndörfer wie Ottersheim, Bellheim, Rülzheim bis nach Hatzenbühl und weiter nach Herxheim und Hayna. Unterwegs kann man bei verschiedenen Direktvermarktern einen Zwischenstopp einlegen - zum Beispiel am Kartoffelhof Böhm in Bellheim. Dort wird jährlich auch das überregional bekannte „Grumbeerfeschd“ gefeiert.

Der Hofmarkt Zapf in Kandel liegt nicht direkt an der Tabaktour. Ein Umweg lohnt sich allerdings: Gäste können der Eigentümerin Maria Zapf in einer gläsernen Backstube über die Schulter schauen: beim Kneten, Formen, Belegen.

Öko-Tabal ist gefragt

Eine Kostprobe der hausgemachten Kuchen und Torten verzehrt man am besten vor Ort: auf der Terrasse des Cafés inmitten der Apfelplantage. Auch die Familie Zapf baut seit Generationen Tabak an und setzt wie viele Pflanzer auf ökologische Methoden. Denn der Ökotabak ist bei arabischen Wasserpfeifenrauchern und US-amerikanischen Tabakfans gefragt. Biotabak und Rauchen? Ist das nicht ein Widerspruch? „Eigentlich schon“, lacht Tabakexperte Ernst Wünstel, „denn Bio wird automatisch mit gesund assoziiert.“

Alles ohne Chemie

Die nachhaltig angebauten Blätter dürften daher auch nicht als Biotabak verkauft werden. Sie gingen als „Organic Tabak“ in den Handel. Dass die meisten Produzenten in der Südpfalz inzwischen auf den Einsatz chemischer Spritzmittel verzichten, ist ein Gewinn für alle Beteiligten: für die Bauern, die so weiterhin gute Geschäfte mit Tabak machen, womöglich für die Raucher und für die Gäste, die zum Gucken, Anfassen und Schnuppern eines leider vom Aussterben bedrohten Kulturgutes in die Südpfalz kommen möchten.

© Gmünder Tagespost 07.09.2018 16:58
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