Genussvolle Tour mit Wein und Kräutern

Kaiserstuhl Eine besondere Wanderung im Weinberg bei Endingen beschäftigt sich mit der Symbiose von Wildkräutern und Weinreben sowie der heilenden Wirkung.
  • Foto: Naturgarten Kaiserstuhl (NGK)

Die Römer haben den Wein mitgebracht und auch den Giersch gleich mit.“ Kräuterpädagogin Martina Haberstroh entgeht kein Wildkraut am Wegesrand – sind die ersten Blätter, die Richtung Frühlingssonne wachsen, auch noch so klein. Und während sie den Teilnehmern der Kräuterwanderung erklärt, dass die „Dreifaltigkeit der Wildkräuter“, wie sie den Giersch scherzhaft bezeichnet, gegen Gicht hilft und am dreieckigen Stil und an drei jeweils dreigegliederten Blättern leicht zu erkennen ist, zupft sie am Wegesrand bereits die nächsten Wildkräuter. „Das ist Vogelmiere und dort wächst Labkraut. Und hier ganz junger Löwenzahn. Probieren Sie mal!“, fordert sie die Kräuterwanderer auf. Die kosten von den zarten Blättern und schätzen in der freien Natur, was im heimischen Garten als Unkraut für Ärger sorgt. Die Wanderung führt bei Endigen im Kaiserstuhl in die Weinberge und beschäftigt sich mit der Symbiose von Wildkräutern und Weinreben. Die Römer haben den Wein mitgebracht. Die Winzer am Kaiserstuhl bauen ihn heute noch an. Und setzen dabei teilweise auch auf biodynamischen Weinbau, so wie Ronald Lindner vom gleichnamigen Winzerhof.

In dessen Weinberg führt Martina Haberstroh die Teilnehmer der rund dreieinhalbstündigen Kräuterwanderun. „Fällt Ihnen auf, dass in jeder zweiten Reihe zwischen den Reben der Rebschnitt noch am Boden liegt? Das ist eine Kennzeichnung, dass dort keine Gründüngung ausgesät wurde. In den anderen Flächen haben wir Malve, wilden Rettich, wilden Senf und wilden Hafer gesät“, erklärt Haberstroh und fügt noch einige Details zu biodynamischem Weinbau hinzu: „Der Hafer holt den Stickstoff aus dem Boden. Dass hier zu viel Stickstoff im Boden ist, sehen wir an den wilden Brennnesseln, die zwischen den Reben wachsen. Die sind ein Indikator für Stickstoff.“ Und ergänzt noch um die Information, dass die Wildkräuter auch den Geschmack des Weins beeinflussen könnten. Der Rivaner beispielsweise könne die Duftstoffe des wilden Senfs besonders gut aufnehmen.

Größtes Weinbaugebiet Badens

Der Kaiserstuhl ist mit rund 4250 Hektar Rebfläche das größte von acht Weinanbaugebieten Badens. Und er ist die wärmste Region Deutschlands. Mit der nachweislich höchsten Zahl an Sonnenstunden. Sein Klima und die fruchtbaren Böden – Vulkangestein, das in Teilen mit einer bis zu 40 Meter dicken Lößschicht bedeckt ist – bedingen die Flora und Fauna des Kaiserstuhls. Ein rund 16 Kilometer langes und zwölfeinhalb Kilometer breites Kleingebirge im Oberrheinischen Tiefland, das die Freiburger Bucht im Westen begrenzt und das es am Totenkopf – seiner höchsten Erhebung – auf 557 Meter bringt.

Gottesanbeterin im Wappen

„Die Gottesanbeterin, die Smaragdeidechse und der Bienenfresser sind die Wappentiere des Kaiserstuhls“, erzählt Gästeführerin Trudel Gugel. Der Bienenfresser sei bereits am Aussterben gewesen. Jetzt könne man bei Wanderungen im Kaiserstuhl nicht nur die Bruthöhlen sehen, die der kleine bunte, etwas an einen Kolibri erinnernde Vogel in die weichen Lößwände gekratzt hat, sondern auch den Bienenfresser selbst beobachten. „Der schnappt die Wildbienen mit seinem spitzen Schnabel im Flug und schlägt sie dann gegen einen Baumstamm“, erklärt Trudel Gugel das Nahrungsverhalten des Bienenfressers, bevor sie die Besucher des Kaiserstuhls ins Liliental führt. Dort wurden schon Wein und Tabak angebaut und Pferde gezüchtet. Mitte des letzten Jahrhunderts hat das Land Baden-Württemberg das Liliental gekauft und dort ein Versuchsgelände der Landesfortverwaltung angelegt.

Wilde Brennnesseln sind ein Indikator für Stickstoff.

Martina Haberstroh
Kräuterpädagogin

Dazu gehört eine Sammlung einheimischer und fremdländischer Baum- und Straucharten, die im Liliental wachsen. Es geht vorbei am Lotuspflaumenbaum, an Griechischen Tannen, Tulpenbäumen und Zuckerbirken in und durch den Mammutbaumwald in Richtung Orchideenwiese. „Von Mitte/Ende April bis Mitte/Ende Juni blühen die Orchideen, aber man muss schon etwas ins Liliental hineinlaufen“, erklärt Trudel Gugel und fordert die Orchideenfreunde nach einigen Minuten auf, stehen zu bleiben. Die Küchenschelle gehört zu den ersten wilden Orchideen, die im Liliental blühen, dann folgen die Traubenhyazinthe, der Milchstern oder das Affenknabenkraut, zählt Gugel einige der blühenden Schönheiten auf, die nur in Symbiose mit einem bestimmten Pilz gedeihen.

Hauptsächlich Burgunder

Im Weinberg hat Kräuterpädagogin Haberstroh zwischenzeitlich einen Imbiss aufgebaut: Hausgemachtes Pesto aus Bärlauch und Wildkräutern, dazu gibt es einen Grauburgunder. „Der Kaiserstuhl ist aufgrund seines Bodens und seines Klimas für Burgunder besonders geeignet“, erklärt sie die Tatsache, dass der Burgunder mit 70 Prozent mittlerweile die Hauptrebsorte im Kaiserstuhl ist.

Der Grauburgunder im Glas der Kräuterwanderer ist ein spontan vergorener. Also einer, dessen Gärung nur mit Naturhefen erfolgte. Und er ist eine schmackhafte Erfrischung, bevor es weitergeht auf der Suche nach Brennnessel, Giersch und Co.

© Gmünder Tagespost 20.04.2018 12:39
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