Gut behütet durch die Welt jetten

Reiseutensil Leben bedeutet, Herausforderungen zu bewältigen. Blöd halt, wenn bereits Alltagshandlungen zu Leidensgeschichten mutieren, etwa die lebenslange Suche nach dem perfekten Sonnenhut.
  • Bilder: Wawra/Kiefr/AdobeStock

Rein vom Lichtschutzfaktor her ist so ein original mexikanischer Sombrero natürlich unschlagbar. Da mag die Sonne noch so sehr sieden: Es brutzelt nichts rötlich auf der Stirn.

Deshalb nimmt, wer derart privilegiert ist, einen original mexikanischen Sombrero sein Eigen nennen zu dürfen, das voluminöse Strohteil gerne auch nach Afrika mit. Beispielsweise zur Safari in Tansania. Im Gepäckfach eines Flugzeugs vom Typ Boeing oder Airbus flitzt so ein Sombrero flink von Kontinent zu Kontinent und ruht sich wenig später auf dem Schädel des sonnengeschützten Tierbetrachters im offenen Jeep aus.

Knallrote Stirn

Aber ach! Dann gibt der Fahrer Gas, der Wind greift unter den Sombrero, der Sombrero fliegt durch die Luft, und hernach fällt er - einem afrikanischen Elefanten vor die Füße. „Stopp!“, kreischt der Hutbesitzer. „Nicht!“, warnt der Fahrer, aber noch ehe die Angelegenheit ausdiskutiert und der Hut gerettet werden kann, schafft der Elefant Fakten. Stampfend zermalmt er den Sombrero: Ende in Afrika. Für den Hut sowieso, aber bald auch für die knallrote Stirn und das darunter befindliche Hirn.

Der Fuß des Elefanten hat vor einigen Jahren eine Leidensgeschichte des Verfassers dieser Zeilen (VdZ) eskalieren lassen, die lange zuvor zu schwelen begann. Dabei startete sie friedlich - in Torbole am nördlichen Ufer des Gardasees im nördlichen Italien. Dort erwarb der VdZ in grauer Vorzeit den ersten Sonnenhut seines Erwachsenenlebens. Irgendwas mit „Surf“ stand drauf. Und „Torbole“. Ein klasse Hut war das.

Der Gardasee in Costa Rica

Bis der VdZ Jahre später in einem öffentlichen Bus durch Costa Rica fuhr und, statt aufzupassen, einschlief. Als er erwachte, war sein Rucksack verschwunden und mit ihm und in ihm der Hut. Ende in Mittelamerika, wo ein skrupelloser Dieb womöglich heute noch mit Werbung für Windsurfen am Gardasee auf dem Kopf durch die Gegend stolziert.

Weil in Costa Rica die Sonne noch intensiver brennt als in Italien, musste der VdZ handeln. Er kaufte sich bei einem fliegenden Händler in Costa Ricas Hauptstadt San José einen ähnlich geschneiderten Sonnenhut, auf dem gestickt das Touristenreklame-Motto des Landes stand: „Pura Vida“ (Pures Leben) Der Pures-Leben-Hut wechselte sich auf dem Kopf des VdZ eine Zeit lang mit dem oben erwähnten Sombrero ab. Dann wurde der Sombrero kaputt gemacht, und der Pures-Leben-Hut wurde der einzige Sonnenhut des VdZ.

Er verlor ihn viele Jahre später bei einem Spaziergang am Wörthersee in Kärnten, was daran gelegen haben mag, dass er zu intensiv mit seiner Freundin gestritten hat, um auf den Hut zu achten. Aber sicher ist das nicht.

Ersatz aus Los Angeles

Sicher hingegen ist, dass es eine Weile gedauert hat, bis es dem VdZ gelungen ist, vergleichbaren Ersatz zu beschaffen.

In einem Krimskrams-Laden in Los Angeles erblickte er einen beigen Sonnenhut made in Vietnam, erwarb ihn und trug ihn, bis sich der beste aller Hüte nach ungefähr 123 Waschgängen von selbst auflöste. Es war ein bequemer Schlapphut für viele Einsatzzwecke.

Der Fachbegriff für diese Kopfbedeckung lautete (wie der VdZ Jahre später herausfand) Boonie-Hat.

Boonie-Hat aus Vietnam

Der Boonie-Hat wurde von US-Soldaten während des verheerenden Krieges in Vietnam erfunden, was gegen diese Hutform spricht. Andererseits konnte der Hut nichts für Agent Orange und das ganze Grauen des Krieges. Also googelte der VdZ, als sich der vietnamesische Boonie-Hat aus Los Angeles nahezu vollständig aufgelöst hatte, zunächst „Boonie Hat“ und kaufte bald darauf zur Sicherheit zwei Exemplare.

Der aus dem Internet stank eklig nach Lösungsmittel. Der aus dem Sportgeschäft war deshalb so obszön teuer, weil er zwecks Wetterfestigkeit mit Paraffin gewachst war. Als der VdZ herausfand, dass es sich bei dieser wasserabweisenden Substanz um ein Abfallprodukt der Erdölindustrie handelt, hatte er auch auf diesen Boonie-Hat keine Lust mehr.

Er sucht nach wie vor nach einem Sonnenhut. Es eilt. Er möchte demnächst in die Karibik.

© Gmünder Tagespost 12.01.2018 17:54
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