Höllische Feuer in der Bischofsstadt

Kehraus Valencia feiert vom 15. bis 19. März „Fallas“. Ein rauschendes Fest, bei dem zum Höhepunkt des Winterkehraus bunt bemalte Puppen verbrannt werden.
  • Foto: Gabriele Derouiche

Menschenmassen, Volksauflauf. Ein Fest, wie es prächtiger nicht sein könnte. Alle, alle sind gekommen, um sich am Spektakel zu berauschen: Stolze Falleras in kostbarer Seidentracht, bäuerliche Familien aus der Provinz, Städter im Sonntagsstaat. Am Nachmittag hatten sie der turmhohen Jungfrau auf der Plaza de la Virgen andächtig Blumen geopfert. Jetzt wollen die Menschen an der Calle de Colón Feuer sehen. Die Nacht ist kühl und schwarz, bald wird sie heiß und glühend sein. Von Weitem künden leise Trommelwirbel den Feuerlauf, Correfoc, an. Mönche in blutroten Kutten und pechschwarze Teufelinnen rennen voran, lassen schwefelgelben Funkenregen niederprasseln, zeigen ihre Dreizacke wie Folterinstrumente vor.

Auf dem Marketenderwagen rumpelt satanischer Hausrat heran: Feuerräder, rostige Ketten, glühende Eisen. Ein wahrlich höllisches Treiben mitten in der katholischen Bischofsstadt Valencia und das am Namenstag des heiligen Josef. Doch damit nicht genug. Teufel und Satansweiber sind nur die Vorhut für das Kommende, La Cremá, ein Inferno sondersgleichen. Wenig später schlagen Feuersäulen in die Luft und alle werden brennen: Liebende und Kämpfende, Spaßvögel und Mächtige. Glücklicherweise sind es nur bunt bemalte Puppen, rund 800 in monatelanger Arbeit gefertigte Standbilder, die seit Tagen auf den Plätzen der Stadt glänzen. Niemand wird ruhen, bis morgens um vier die letzte zu Asche geworden ist. Als brennende „Fallas“ geben die Figurengruppen dem Frühlingsfest seinen Namen. Was einst als bescheidener Kehraus begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der größten spanischen Volksfeste.

Ascheregen auf den Plätzen

Und am Tag danach? Man reibt sich verwundert die Augen. Blank geputzt liegen Straßen und Plätze der drittgrößten Stadt Spaniens im Sonnenlicht. Wo vor wenigen Stunden noch Ruß den Boden schwärzte, Ascheregen auf Laternen, Brunnen und Plätze niederging, nichts als morgendliche Unschuld und Frische. Ein ganz normaler, bunter spanischer Werktag nimmt seinen Lauf.

Seit einigen Jahren wird Valencia als urtümliche Alternative zum tourismusgefluteten Barcelona gehandelt. Zu Recht. In der wuseligen Altstadt reihen sich kunsthistorische Perlen wie die Seidenbörse des 15. Jahrhunderts und die monumentale Kathedrale mit ihren romanischen und barocken Portalen aneinander. Im Inneren des Doms erzählt der Weinkelch Christi, der Heilige Gral, vom letzten Abendmahl und tiefer Gläubigkeit. In der Kathedrale der Genüsse hingegen, dem nahen Mercado Central, bieten die Händler wie gewohnt die saftigsten Orangen, die frischesten Gambas, den feinsten Pata Negra an. In der 1928 erbauten Markthalle kaufen Köche und Familien die Zutaten für die berühmte valencianische Paella ein.

Der Besucher schnappt sich ein Mietfahrrad und radelt den Grüngürtel entlang, der die Stadt wie ein blütenbuntes Schmuckband durchzieht. Er ist das ehemalige Flussbett des Turia, das man vor 60 Jahren wegen Überschwemmungen trockenlegte und in der letzten Dekade in einen großartigen Freizeitpark verwandelte. Fast acht Kilometer ziehen sich die Anlagen quer durch die Stadt bis zum Mittelmeer hin.

Feuersäulen schlagen in die Luft und alle werden brennen.

Gabriele Derouiche

Radeln im ehemaligen Flußbett

Hier tummeln sich am Wochenende Tausende, doch heute haben die Radler das Terrain fast für sich allein. In erstaunlicher Ruhe, durch einen Wall abgeschirmt vom brausenden Verkehr, gelangt man unter Pinien und Palmen dahinrollend bis zum Hafen. Vorbei geht es an Santiago Calatravas Stadt der Künste und der Wissenschaften, die allein einen Tagesausflug wert ist. Weiter geht es per Rad in östlicher Richtung bis zum Hafen, der Pforte zu den kilometerlangen, breiten Stadtstränden.

Langsam senkt sich die Sonne. Von den Strandrestaurants weht der Duft garender Paella herüber. In großen Pfannen schmurgelt der würzige Reis, wahlweise mit Bohnen, Kaninchenstücken oder Gambas bedeckt, vor sich hin. Fleisch und Meeresgetier im Traditionsgericht zu mischen, sei eine schlechte Angewohnheit der Ausländer, erklärt der Ober. Typisch Valencia, könnte man auch sagen. Hier findet der Besucher eine authentische Esskultur, Kompromisse für die Gäste macht man nur ungern.

Wer freilich für die Fallas brennt, der streicht die Woche um den 19. März dick im Kalender an. In den Werkstätten wird schon heute wieder an den haushohen Figuren gebaut. Denn nach dem Fest ist vor dem Fest. Das wahre Valencia freilich findet man in den 51 Wochen zwischen den Feiertagen.

© Gmünder Tagespost 09.03.2018 10:24
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