Mallorcas versteckte Strände

Individuell Im Süd-Osten der Insel gibt es traumhaft schöne Badeplätze. Von Colonia de Saint Jordi erreichen Urlauber diese in einer halben Stunde zu Fuß.
  • Foto: Helge Sobik

Vier kleine Jungs turnen diesen Vormittag mit Kuchenformen und gelben Plastikschaufeln über den Strand der Platja d’es Carbó und versuchen sich im Burgenbauen. Ihre Väter helfen ihnen mit derselben Begeisterung dabei. Drum herum ist wenig los – kaum jemand da an diesem herrlichen sonnigen Sommervormittag, nur zwei Paare ein bisschen weiter oben am Rand der Dünen, ab und zu ein paar einsame Spaziergänger auf Durchmarsch.

Dabei sind die Strände hier kilometerlang. Eine Bucht reiht sich an die nächste, selten felsig, meist von breitem, hellem Sandstrand gesäumt. Dazu schimmert das Wasser im schönsten Duschgel-Grünblau. An den Stränden östlich von Colonia de Sant Jordi auf Mallorca ist nie viel los – sie sind weder bewirtschaftet noch werden sie täglich neu hergerichtet. Alles in allem erstreckt sich die Buchtenkette über fast zehn Kilometer.

Unbebaute Küste auf Mallorca

Und auf der ganzen Strecke ist die Küste unbebaut – von ein paar zerfallenden Bootsschuppen aus Beton abgesehen. Die wenigsten Urlauber wissen davon – und wer es weiß, steuert trotzdem meistens einen anderen Strand an. Warum das so ist? Die Antwort ist so simpel wie überraschend: An all die vielen Kilometer Strand grenzt ein riesiges Privatgrundstück an. Es gehört der mallorquinischen Bankiersfamilie March, die weit weg vom Meer eine Zweit- oder Drittvilla und am Strand ein kleines Badehaus besitzt. Durchzogen ist das Grundstück von Sandpisten, von denen diejenigen Richtung Meer durch Dünen und Pinienwald nur mit Geländewagen zu befahren sind. Von denen der Familie March. Denn Fremde haben keinen Zutritt zum angeblich zweitgrößten Grundstück der Insel. Wer an die angrenzenden Strände will, muss seinen Leihwagen deshalb irgendwo in Colonia de Sant Jordi parken und zu Fuß kommen – und an der Meerseite diesseits des Zaunes entlanglaufen. Denn Strände sind auf Mallorca grundsätzlich öffentlich. Aber einen Zwang, Zufahrten zu bauen, gibt es nicht. Zum Glück. Und das Grundstück zu parzellieren, zum Kauf anzubieten, mit der zuständigen Gemeinde um Bebauungspläne zu pokern – darauf hat die Familie offenbar keine Lust. Und auf den Erlös aus solchen Verkäufen ist man offenbar auch nicht angewiesen.

Nur eine Bar am Strand

Einer hat eine Ausnahmegenehmigung, für ihn öffnen sich die Schranken zur Grundstückszufahrt der March-Finca: Francisco Pizá Bordoy darf passieren, weil er anders keine Vorräte, Sandwiches, Weinflaschen oder Bierkisten zu seiner kleinen Strandbar transportieren könnte. Und weil die Wachleute ihn kennen. Er hat die Konzession für die einzige Bar an diesem Strandabschnitt – nur ein paar Hundert Meter vom Hafen von Colonia de Sant Jordi gleich an der Platja d’es Dolç: eine Holzhütte mit Tresen, ein paar Tische, drei Dutzend Liegestühle, Sonnenschirme, Bademeisterhäuschen und Toilette. Es gibt Strandbars auf Mallorca, bei denen mehr los ist. Dabei sind die Bocadillos mit Serrano-Schinken bei ihm richtig gut.

Hier hast du auf jeden Fall viel Spaß.

Francisco Bordoy
Barbesitzer

„Hier hast du Spaß, machst auch deinen Umsatz“, sagt Francisco, der die Bar nur im Nebenberuf betreibt und das nur während der Saison. „Das große Rad drehst du mit einem Strandkiosk drüben in Es Trenc an der anderen Seite von Colonia. Da wollen sie alle hin. Da gibt es Straßen, Parkplätze.“ Zwei-, dreimal die Woche bringt er mit seinem Geländeauto Nachschub, hat sogar den Schlüssel für die Tür im Zaun, um vom Privatland, wo er den Landrover zum Entladen abstellt, wieder auf öffentlichen Grund und Boden zu gelangen, wo seine Bar ist.

Nicht das bekannte Mallorca

Ob Mick Jagger auch schon mal hier war, der mit dem Beiboot seiner Jacht drüben in Es Trenc anlandete und durch den Sand zu einem der dortigen Strandkioske stapfte? Francisco zuckt mit den Schultern. „Falls ja, habe ich ihn nicht gesehen. Aber eigentlich sind hier für solche Leute zu wenig Zuschauer.“ Dafür kommen andere mit dem Boot. „Ganz normale, die dafür Geld zusammengelegt und für einen halben Tag eines gemietet haben.“ Das Mallorca aus den Reisekatalogen, das mit den Klischees, den vollen Stränden und vielen Menschen ist hier eine Ewigkeit entfernt. Und einen Moment lang zweifelt man sogar, ob all das hier sein kann: ob es diese stillen Strände in der Realität gibt.

In welchen Hotels oder Ferienwohnungen die Leute wohnen, die hierherkommen? Nicht gleich um die Ecke hinter den Dünen. Sie kommen von weiter her, wohnen oft ganz woanders auf der Insel, haben ihr Mietauto irgendwo in den Straßen von Colonia abgestellt.

Wo einer wie Francisco Pizá Bordoy im Urlaub hinfährt? Er grinst. „Hierher natürlich. Wenn die Bar längst wieder abgebaut und alles bis zur nächsten Saison eingelagert ist. Dann ist es noch ruhiger hier. Ganz wunderbar einsam sogar.“ Und manchmal ist dann sogar die Tür des Badehauses der Familie March geöffnet, und durchs Tor im Zaun kommen sie, starten zum Strandspaziergang – dort, wo sie ganz allein sind.

© Gmünder Tagespost 23.03.2018 13:45
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