Mit ganz viel Po-Gefühl die Bahn hinab

Schlittenfahren Viele denken, Rodeln sei ein Kinderspiel. Ein Kurs bei Rodellehrer Charly Naue zeigt, wie Wintersportler stilvoll und unverletzt den Hang hinunter kommen.
  • Foto: Hans Osterauer

Zwischen Rodeo und Rodeln ist kein großer Unterschied, hat Charly gesagt, und er hat recht: Wie er da auf dem Rodel liegt, die eine Hand fest am Zügel, die andere in die Luft gestreckt, der Körper von Kopf bis Fuß in äußerster Anspannung, das weckt Assoziationen an einen Cowboy, der einen bockenden Mustang zureitet. „Du musst die Schläge und Sprünge voraussehen und sofort reagieren“, sagt Charly Naue (53). Charly trägt keinen Stetson über seinen blonden halblangen Haaren, sondern einen Skihelm.

Rodelkurs im bayerischen Oberaudorf, ein paar Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt. Hier betreibt eine Skischule seit fünf Jahren die bekannteste Rodelschule Deutschlands an einer der längsten Winterrodelbahnen des Landes. 3,3 Kilometer windet sich die verschneite Piste am Hocheck ins Tal. Bequem: Eine Sesselbahn bringt die Rodler auf 980 Meter Höhe, dann geht es 500 Höhenmeter in Dutzenden Kurven hinunter. 35 Euro kostet der Rodelkurs. Wichtig ist die richtige Ausrüstung: Skihelm, feste Stiefel, Skibrille. „Manchmal kommen tatsächlich Kids mit Turnschuhen hier an“, sagt Charly. „Das geht gar nicht, genauso wie Skistiefel oder Jeans und Wollpullis.“

Gefährlichste Schneesportart

Alle sind sich einig: Als Kind schien das alles leicht. Man setzte sich auf den Schlitten, schob kräftig an und raste dann „Aus der Bahn!“ rufend den Hügel hinunter. Das Höchste der Gefühle war, wenn man mit einigen Kumpels aus Schnee eine Sprungschanze baute oder wenn man mal vier Schlitten aneinanderband und dann als Rodelkette johlend bergab flitzte. Aber eine Naturrodelbahn ist natürlich ganz anders, vor allem wegen der Kurven. Und wegen des Tempos. Und wegen der Tatsache, dass die Bahn nur vier Meter breit ist. Alle haben ein wenig Schiss – schließlich gilt Rodeln als eine der gefährlichsten Schneesportarten. Jeder fünfte Wintersportunfall geht auf das Konto der Kufen-Fans.

Die Rodelschüler rutschen zunächst ein wenig an einem flachen Hang hinab. Nicht so einfach, das mit dem Steuern. Halb auf dem Rücken liegend zieht Tina den Lenkriemen diagonal nach links, bringt ihr Gewicht nach links, greift mit der rechten Hand in den Schnee neben dem Rodel, der Schlitten dreht nach rechts. „Fantastisch, deine Gewichtsverlagerung“, lobt Charly und übersieht fast, dass Tinas Freund Bernhard irgendwie etwas missverstanden hat und geradeaus auf eine Gruppe Skifahrer zusteuert. „Hochziehen, hochziehen!“, ruft Charly. Bernhard reißt den Gurt nach oben, haut die Fersen in den Schnee und kommt schneespritzend zum Stehen, einen Meter vor den amüsiert-schockierten Skifahrern.

„Also, noch mal“, erklärt der Schlitten-Professor, der 30 Jahre lang einen Snowboard-Shop hatte, „die Beine gehören fest ausgestreckt nach vorne neben die Kufen.“ Sonst kann man hängen bleiben und sich den Fuß verdrehen. Die häufigsten Verletzungen bei Rodlern sind überdehnte Bänder. Mit den Füßen an den Kufen lenkt und bremst man besser.“ Eine Stunde lang fährt die Gruppe am Babyhang. Linkskurve. Rechtskurve. Bremsen. Slalomfahren. Nebenan zischen Sechsjährige auf Zipfelbobs lachend zu Tal. Schwitzend wieder aufsteigen zum Rechtskurve-Üben.

Alle sind pitschnass

Die Rennrodel sind irgendwo zwischen denen, die man von Olympia, und denen, die man vom Schlittenhügel kennt. Sie sind niedriger und breiter als Kinderschlitten und kosten bis zu 400 Euro. Sie bestehen aus schichtverleimtem Eschenholz mit geschliffenen Stahlschienen aus hochlegiertem Stahl. Die Firmenwebsite preist die ergonomische Sitzform. Trotzdem tut der Rücken weh. Alle sind pitschnass, der Schnee spritzt in die Hosenbeine, der Hintern sitzt in einer Wasserpfütze, die sich auf dem Plastiksitz gebildet hat.

Die Kurven nehmt ihr bitte wie ein Formel-1-Fahrer.

Charly Naue
Schlitten-Professor

Lange Geraden als Tempotester

Dann die erste Abfahrt auf der echten Rodelpiste. Letzte Instruktionen. „Wenn das Adrenalin kommt, werdet ihr alles, was ihr gelernt habt, ganz schnell vergessen“, sagt Charly. Das ermutigt. Trotzdem erklärt er weiter: „Die Kurven nehmt ihr bitte wie ein Formel-1-Fahrer: vorher abbremsen, durchgleiten, dann Fahrt aufnehmen.“ Charly fährt los, dreht sich um und ruft: „Po-Gefühl, denk an dein Po-Gefühl!“

Die ersten 50 Meter geht es geradeaus. Doch bald geht alles zu schnell, zu viele Kurven, mal nach links, mal nach rechts. Links neben dem Weg ein Steilabhang im Bergwald. Panik. Bremsen! Das Herz hämmert, die Bauchmuskeln schmerzen. Weiter. Zwei Kurven prima genommen, allmählich geht es besser. Alle paar Hundert Meter wartet Charly auf die Gruppe, muntert auf, sagt, die Strecke sei heute wegen des Schnees besonders schwer.

Bei der dritten Abfahrt passt fast alles, die Rodeljünger kriegen die Kurven gut hin, das Spiel mit dem Tempo macht tatsächlich süchtig, eine Mischung aus Formel 1, Rodeo und Kindheitsgefühlen. Die langen Geraden werden zum Tempotest und wenn man aus dem Augenwinkel das orangefarbene Schild „Langsam! Slow down!“ wahrnimmt, klappt es sogar mit dem Bremsen. Abgeworfen wird heute keiner.

Eine glatte Eins

Ein bisserl feierlich überreicht Charly nach zweieinhalb Stunden den Teilnehmer ein „Rodeldiplom“. „Stefan nahm mit sehr gutem Erfolg an der Grundlagenschulung des Rodelns teil“, steht da drauf. Das klingt nach einer glatten Eins! „Ich bin stolz auf euch“, sagt Charly und strahlt.

© Gmünder Tagespost 02.03.2018 11:20
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