Oper und Wein im anonymen Land

Osteuropa In einem gigantischen Keller in Moldawien lagert die Weinsammlung von Feldmarschall Göring und in einem Öko-Dorf erklingt „Carmen“.
  • Foto: Marc Vorsatz

Chi?i. . . was? Chi?i. . . wo? Chi?in?u, gesprochen Kischinau. Obwohl die Metropole mit gut 800 000 Einwohnern größer ist als die europäischen Hauptstädte Oslo, Kopenhagen, Dublin oder Lissabon, kennt sie praktisch hierzulande niemand. Ebenso wenig wie die Republik Moldau selbst, auch Moldawien oder Moldova genannt.

Zumindest der Bekanntheitsgrad dürfte sich nach dem Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr wesentlich erhöht haben. Der europäische Winzling hat mit dem jazzig angehauchten Ohrwurm „Hey Mamma!“ die Herzen von Millionen Pop-Fans in aller Welt erobert.

Ein liebenswertes Völkchen

Chisinâu würde vermutlich keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Triste stalinistische Betonklötze, dazwischen hier und da mal historisches Gemäuer. Die Moldauer sind aber ein sehr liebenswertes Völkchen, 2,8 Millionen. Seit der Unabhängigkeit 1991 kehrten eine Million Bürger ihrem Land den Rücken. Mehr als jeder vierte.

Wer Chisinâu verlässt, ist schnell im Grünen. Die Landschaft ist sanft, harmonisch, beruhigend. Moldova ist ein Land des Weines. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind viele kleine Güter entstanden. Meist Familienbetriebe, die oft auch ein paar Zimmer vermieten an Touristen, die selbst gern mal keltern wollen oder einfach Weite und Ruhe suchen. Inzwischen stellen die Kleinunternehmen sogar einen recht passablen Tropfen her. Das war nicht immer so: Zu Sowjet-Zeiten wurde auf industrielle Massenproduktion für den gesamten Ostblock gesetzt.

Über eine Million Flaschen Wein

Und wo reift all das am besten? Unter der Erde. Zum Beispiel in Cricova, dem berühmtesten Depot des Landes. Über eine Million Flaschen Wein und Sekt lagern hier. Dazu rund 30 Millionen Liter Rebensaft in Fässern. 60 Kilometer Labyrinth haben deutsche Kriegsgefangene in den historischen Kalksteinbruch schlagen müssen, bis 85 Meter tief in den Grund.

Hier werden neben konventionellen Weinen wahre Schätze gebunkert. Besonders stolz ist man auf die annähernd komplette Sammlung von Luftwaffengeneral Hermann Göring. Die Rote Armee beschlagnahmte die Nazi-Kollektion und brachte die Flaschen 1947 nach Cricova. Darunter auch eine Batterie Mouton-Rothschild Pauillac 1er Cru Classé. Wert: 50 000 Euro – die Flasche.

Das Öko-Dorf Botnaru

Als ich zum ersten Mal diese Musik hörte, ging mein Herz auf.

Anatol Botnaru
Öko-Dorf-Macher

Gut getrunken und gegessen wird auch bei Anatol Botnaru. Darauf ist der Ex-Jurist mächtig stolz. Er ist der Macher des Öko-Dorfs Butuceni, ein Hansdampf in allen Gassen, gesegnet mit scharfem Verstand, solider Bodenständigkeit und einer guten Portion Cleverness.

Irgendwann hängte er seinen Job in der Kanzlei an den Nagel und sanierte ein uraltes Bauernhaus in Butuceni. Es sollte nicht bei dem einen bleiben, heute sind es 19, dazu ein Slow-Food-Restaurant.

Bei der Wahl des Dorfes bewies der kleine Mann Weitblick. Butuceni liegt im historisch-archäologischen Komplex Orheiul Vechi (Alt Orhei), umschlossen von einer Schleife des Flusses Râut.

Die Welt der Oper in Moldau

Das hat sich unter Osteuropa-Fans herumgesprochen. Friedrich Pfeiffer ist einer von ihnen. Als der Wiener Dirigent aus der Welt der Oper plauderte, musste Anatol passen. „Verdis ,Rigoletto’, Georges Bizet. All das war mir total fremd“, erinnert sich Anatol. „Doch als ich zum ersten Mal diese Musik hörte, ging mein Herz auf. Wenig später wusste ich, dass ich die Oper nach Butuceni holen werde.“

Also knüpft Anatol Kontakte, kann Künstler begeistern und Offizielle überzeugen mit seiner verrückten Opern-Vision. Wenig später schon stampft er ein einfaches Amphitheater in den Grund. Ökologisch korrekt natürlich.

Vor zwei Jahren war es dann so weit. Unter Friedrich Pfeiffer schallt „Rigoletto“ durchs Tal der Râut, zur großen Freude des Publikums und aller Beteiligten.

Der österreichische Dirigent zeigt sich begeistert von der Professionalität der moldauischen Musiker: „Hervorragende Gesangsausbildung, alte russische Geigenschule, fantastische Chöre.“ Im vergangenen Jahr dann Georges Bizet. Seine „Carmen“ verzauberte ganz Butuceni und verführte die Klassik-Fans auf ihren Strohballen.

© Gmünder Tagespost 04.05.2018 14:42
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