Pilates statt Pizza auf den Weltmeeren

Kreuzfahrt Die Schiffe werden immer spezieller. Die neue „Mein Schiff 1“, mit der die Reederei Tui Cruises zehnjähriges Bestehen feiert, legt etwa den Schwerpunkt auf Sport und Gesundheit.
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  • Die „Mein Schiff 1“ mit einer extralangen Laufstrecke Foto: TUI Cruises

Ein schwimmendes Hotel mit ein paar Restaurants und Bars, fertig. So sah ein Kreuzfahrtschiff der Mittelklasse bis vor Kurzem aus. Doch das genügt nicht mehr. Zu viele haben inzwischen schon einmal eine Seereise unternommen und wollen nun Neues erleben. Die Kreuzfahrtunternehmen reagieren mit einer immer stärkeren Spezialisierung. Im Angebot sind zum einen einzelne Reisen, die unter einem bestimmten Motto stehen. Ein anderer Trend geht zum Schiff mit besonderen Einrichtungen.

Die neue „Mein Schiff 1“ ist so ein Spezialschiff. Sie surft auf der Bugwelle des aktuellen Trends zu Gesundheit und Selbstoptimierung. Es ist hip, sich von Avocado und Quinoa zu ernähren. Und es muss schon die abgehobene Pilates-Variante sein, bei der man sich beim Muskeltraining in reißfesten Tüchern von der Decke abhängt. Der Neubau, der an diesem Wochenende im Rahmen des Hamburger Hafengeburtstags getauft wurde – passenderweise von zwei Sportlerinnen, den Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen Kira Walkenhort und Laura Ludwig –, potenziert damit das vor genau zehn Jahren erfundene „Wohlfühlkonzept“ der Reederei von Tui Cruises.

Mit der „Mein Schiff“, damals noch ohne den Zusatz „1“, fing alles an. Tui Cruises, ein Joint Venture des Hannoveraner Touristikunternehmens Tui und des US-Kreuzfahrtriesen Royal Caribbean, wollte ein auf hiesige Bedürfnisse ausgerichtetes Schiff ins Rennen schicken. Mit Deutsch als Bordsprache und Vollkorn-Backwaren zum Frühstück und weniger bunt als die Mitbewerber von Aida Cruises aus Rostock. Mit einem gebrauchten Schiff fing alles an

Erfolgreicher Start

Für den Anfang behalf man sich mit einem „Gebrauchtwagen“ Baujahr 1996, der bis dato für Celebrity Cruises unter dem Namen „Galaxy“ unterwegs gewesen war und nun klassisch-modern umgeschminkt wurde. Das Konzept ging auf. Die „Mein Schiff“ war so erfolgreich, dass bald Nummer zwei hermusste. Seit November 2010 fuhr die „Mein Schiff“ daher mit dem Zusatz „1“, um sie vom neu dazugekommenen Schwesterschiff „Mein Schiff 2“ unterscheiden zu können. Die hieß früher „Mercury“ und kam auch von Celebrity Cruises. Weil die Sache sich verkaufte wie geschnitten Brot, entwickelte Tui Cruises bald darauf den ersten eigenen Neubau: die „Mein Schiff 3“, gefolgt von Nummer 4, 5 und 6.

Die neue „1“ ähnelt ihren Vorgängerinnen, Nummer „3“ bis „6“, in Optik und Aufteilung und ist doch anders. Vor allem ist sie größer: 20 Meter mehr Länge machen sich auf dem Pooldeck bemerkbar. Maximal 2900 Passagiere können untergebracht werden. Das sind rund 400 mehr als auf Nummer „3“ bis „6“ und sogar 1000 Gäste mehr als auf der alten „Mein Schiff 1“ (1924 Passagiere). Die wurde übrigens an das britische Unternehmen Marella-Cruises abgegeben und fährt nun unter dem Namen „Destiny“.

Vor 2023 kein neues Schiff

Man muss sich trauen, auch mal was abzuschaffen

Thomas Eder
Generalmanager

Dasselbe Schicksal wird der bei der Kundschaft sehr beliebten und für Themenreisen gerne genutzten „Mein Schiff 2“ vorerst nicht blühen. Der relativ kleine Liner bleibt als „Mein Schiff Herz“ in der Flotte. Die Ziffer 2 im Namen muss sie demnächst abgeben, weil Ende des Jahres schon wieder die neue „Mein Schiff 2“ erwartet wird. Danach ist aber erst mal Schluss mit Neubauten – zumindest für Tui Cruises. Die Orderbücher der Werften sind so voll, dass vor 2023 keine „Mein Schiff 7“ zu erwarten ist.

Nun aber gibt es ja erst einmal die neue „Mein Schiff 1“, das schwimmende Wellnesshotel. Auf dem Flaggschiff werden Sport und Gesundheit großgeschrieben: Die Joggingstrecke ist mit 438 Metern deutlich länger als auf den Vorgängerschiffen und hat sogar eine eingebaute Steigung von 6,7 Prozent zu bieten. Die Sportarena – ein Platz ganz oben an Deck, wo nicht nur Sport gemacht, sondern auch Übertragungen angesehen werden konnten - ist nun überdacht und hat eine Kletterwand. Der Spa- und Wellnessbereich ganz vorn auf den Decks 11 und 12 ist mit 3000 Quadratmetern größer als auf den Schwesterschiffen. Wie gehabt kann man beim Schwitzen in der großen Panoramasauna aufs Meer schauen. Im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern ist die Benutzung im Reisepreis enthalten. Leider gibt es nur wenige Liegen. Spa-Managerin Melanie Kleint empfiehlt daher, in den Abendstunden zu entspannen. Kurz bevor der Wellnessbereich um 21 Uhr schließt, sei es besonders ruhig – weil die meisten Gäste schon beim Essen sitzen.

Zwei Kilo pro Woche mehr

Apropos Essen: Damit man sich die sonst üblichen durchschnittlich zwei Kilogramm pro Kreuzfahrtwoche gar nicht erst drauffuttert, hat Tui Cruises vorgesorgt. Der Kohlenhydrate-Tempel, ein italienisches Lokal namens „Osteria“, flog raus. An der vertrauten Stelle in der Schiffsmitte findet der geneigte Stammgast nun ein Bistro mit dem (je nach persönlicher Einstellung verheißungsvollen oder bedrohlichen) Namen „Ganz schön gesund“. „Man muss sich trauen, auch mal was abzuschaffen“, sagt Generalmanager Thomas Eder, „sonst entwickelt man sich nicht weiter.“

Die Reederei hat sich einiges getraut: Neben der Rezeption kann man auch keine Pralinen mehr naschen und Kaffee trinken. Stattdessen sind nun frisch zubereitete Smoothies und verschiedene Säfte im Angebot. Das österreichische Spezialitätenrestaurant „Schmankerl“ werden „Mein Schiff“-Wiederkehrer ebenso vergebens suchen wie das asiatische Lokal „Hanami“. Einzig das Steakhouse „Surf & Turf“ durfte bleiben. Fast unverändert geblieben sind auch die Kabinen. Dafür gibt es viel mehr und komplett neu eingerichtete Suiten. Für die Wellnessatmosphäre hier zeichnet die Designerin Patricia Urquiola verantwortlich.

Eine Neuerung an Bord gibt es allerdings, die nicht ins Gesundheitskonzept passt: Erstmals kann man am Eisstand neben dem Pool nicht nur Kugeln im Pappbecher holen, sondern auch Eisbecher bestellen – vom Coupe Danmark bis zum Spaghettieis. Man hat ja schließlich Urlaub.

© Gmünder Tagespost 11.05.2018 13:41
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