Tun Sie es den Olympioniken nach

Nordischer Skisport Niederthai im Ötztal hat sich auf den Sport mit den schmalen Brettern spezialisiert. Kurse im klassischen Langlauf sowie im Skaten werden hier angeboten.
  • Foto: Birgit-Cathrin Duval

Ludwig prescht voran, die Gruppe hat Mühe, Schritt zu halten. Tiroler sind stramme Naturburschen. Erst recht, wenn sie jenseits der 70 sind, wie Ludwig, den sie im Dorf alle „Luki“ nennen. Der drahtige Senior mit den stahlblauen Augen und schlohweißem Haar ist Wanderguide und führt seine Gäste, Petroleumlampen in Händen schwenkend, in die dämmerblaue Dunkelheit des tief verschneiten Hochtals. Die Petroliumlampen, die jeder Wanderer erhalten hat, werfen ein fahles, orangefarbenes Licht auf den trockenen, kompakten Schnee, der bei jedem Schritt unter den Schuhen knirscht.

Der Luki, pensionierter Koch und Gastronom, erzählt munter über sein Dorf. 400 Einwohnern klein, jeder ist mit jedem um drei Häuserecken verwandt. Niederthai liegt in einem stillen Seitental des Ötztals auf 1.540 Metern. Das Hochplateau entstand vor rund 8- bis 9.000 Jahren durch einen Felssturz. Der war heftig, so heftig, dass er das Ötztal auf einer Länge von drei Kilometern zuschüttete. Die Geröllmassen verstopften den Abfluss des Horlachbaches und – plötzlich war da mit einem Mal ein See. Und irgendwann hatte der See genug vom See sein und wollte raus aus dem Tal. Also suchte er nach einem Ausgang und setzte sich bildgewaltig in Szene: Aus dem Abfluss wurde der Stuibenfall, mit 159 Metern Fallhöhe Tirols größter Wasserfall, abends stimmungsvoll beleuchtet, den Ludwig seiner Wandergruppe als Höhepunkt des nächtlichen Laternenspaziergangs präsentiert. Auslöser des Bergsturzes soll ein Komet gewesen sein, berichtet Ludwig. Das Ereignis wurde von einem Astronomen im Morgenland aufgezeichnet. Die Notiz ist als „Himmelsscheibe von Ninive“ bekannt. Darin ist die Beobachtung eines flammenden Himmelskörpers beschrieben. Ein Meteorit der, kurz nachdem er übers Mittelmeer rauschte, direkt in die Ötztaler Alpen krachte und den Köfler Bergsturz verursacht haben soll. Ein Tal, das aus Sternenstaub geformt wurde, das kann nicht jeder sein Eigen nennen. Dem Himmel sei Dank für das bezaubernde Werk!

Erst nachdem der See verschwunden war, wurde mit der Besiedlung Niederthais begonnen – und zwar von den Bergen aus, auf denen die Bauern Heuhütten anlegte, so genannte Thaien. Die idyllische Ortschaft mit Postkartencharakter wurde nach und nach auf dem Sand des ehemaligen Seebodens erbaut. Überbleibsel sind die vielen Hügel, die das Dorf umsäumen, allesamt Sandbänke, die sich im Winter zu Schneedünen auftürmen.

Loipen für Anfänger und Profis

Am nächsten Morgen pustet der frostige Wind Schnee durch das Hochtal. Von Sonne keine Spur, schade eigentlich, denn das Plateau bekommt aufgrund der exponierten Lage den meisten Sonnenschein im gesamten Ötztal spendiert. Das tut dem Langlaufschnupperkurs keinen Abbruch. Niederthai hat sich auf den nordischen Skisport spezialisiert und präsentiert 31 Kilometer an klassischen und Skating-Loipe sowie Routen, die mit dem Tiroler Loipen-Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Anfänger wie Profis finden hier optimal gespurte Loipen für jedes Niveau.

Michael Leiter, Landwirt, Wanderführer und Ski-Trainer, und Ludwigs Schwiegersohn, demonstriert zunächst die Technik des klassischen Skilanglaufs. Schuh in die Ski klicken, ab in die Spur, Beine beugen, Oberkörper nach vorne. Gewichtsverlagerung auf das rechte Bein, linker Stock nach vorne, kraftvoll mit dem Fuß abdrücken und nach vorne gleiten. Statt schwungvollem Vorwärtsgleiten schaut es bei einigen aus, als Schlurfen sie in viel zu großen Pantoffeln über den Schnee. Michael lässt seine Schützlinge eine Runde ohne Skistöcke laufen - die Kraft muss aus den Beinen kommen. Während er grazil wie eine Elfe über die Loipe schwebt, als wäre er von einem unsichtbaren Faden gezogen, müssen die Skilanglaufnovizen das Zusammenspiel von Hirn und Muskeln erst koordinieren.

Am nächsten Tag Skaten

Am nächsten Tag gilt es umzudenken. Denn beim Skating sind andere Muskelpartien und eine neue Technik gefragt. Das fängt bei der Ausrüstung an. Skating-Skier sind kürzer und besitzen keine Schuppen oder Steighilfe in Form eines Fells, die Stöcke sind länger, und die Schuhe fester. Anstelle des Diagonalschritts ähnelt die Fortbewegung der des Schlittschuhlaufens, wobei beide Arme mit den Stöcken nach vorne geschwungen werden. Bei den Profis im Fernsehen sieht das spielend, kraftvoll und ästhetisch aus.

Da hilft nur Zähneputzen mit einem Bein.

Michael Leitner
Skitrainer

Die größte Herausforderung beim Skaten: das Gleichgewicht halten. „Da hilft nur, Zähneputzen mit einem Bein“, grinst Michael während die Anfänger mit den Stöcken rudern wie mit einem Propeller, um kurz darauf über die eigenen Skier zu stolpern. Wer skaten will, braucht zusätzlich Ausdauer und Koordination. Als wäre das nicht genug, kommt jetzt das Schießen am Biathlonstand dran. Gleiches Gewehr, gleicher Abstand (50 Meter) und gleiche Zielscheibe wie bei den Profis. Nur, dass in Niederthai mit Laser statt mit Patronen geschossen wird. Liegend mit Stütze ist das noch ganz easy. Stehend mit einem Puls der jenseits der Höchstleistungsgrenze tackert, zittrigen Händen, im Zielfernrohr die nadelkopfgroße schwarze Scheibe auf und ab tanzend wie ein Segelboot bei Windstärke 12, schaffen es nur wenige, zielsicher die Scheibe zu treffen.

Entspannung beim Wandern

Nach der Adrenalinaction auf der Loipe ist die Schneeschuhtour durchs Grasbachtal zur Larstigalm pure Entspannung. Hier darf auch abseits der Wege durch Tiefschnee gestapft werden. Durch Schnee, der flockt, stäubt und rieselt. Ein traumhafter Untergrund vor einer Kulisse aus schroffen Berggipfeln, pudergezuckerten Tannen und Zirben und steilen Wiesenhängen, auf denen sich der Schnee Schichten um Schicht meterhoch aufgebaut hat. Wintermagie pur. Aber auch nicht ungefährlich: An exponierten Stellen drohen heute Lawinenabgänge, deshalb ist heute an der Larstigalm Schluss. Das hintere Tal ist wegen Lawinengefahr komplett gesperrt.

In der urigen Almhütte serviert Ludwig Scheiber eine zünftige Jause und selbst gebackenen Heidelbeer-Topfenstrudel. Der heiße Kakao ist mit eigener Milch zubereitet und mit einem Turm aus Sahne garniert. Wer mag, leiht sich dort einen Schlitten und saust auf Kufen flott ins Dorf zurück.

Trinkwasser aus eigener Quelle

Abends im Falknerhof öffnet Gastwirt Peter Falkner seinen Keller zur Wein- Speck- und Käseverkostung. Traditionell, bodenständig und schmackhaft - der passionierte Jäger und Angler setzt in seinem Betrieb auf regionale Produkte, die aus unmittelbarer Umgebung stammen. Auf seine Weine von heimischen Winzern und das glasklare Trinkwasser aus eigener Quelle ist er besonders stolz.

Und wenn Falkner die Gläser füllt und dabei vom „Schmoaß“, vom Glück hier zu Leben spricht, spätestens dann weiß jeder, was damit gemeint ist

© Gmünder Tagespost 02.03.2018 11:34
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