Wo die wilden Narren hausen

Italien Der Kheirar und der Rölar sind die Hauptfiguren im Fasching von Sauris in Oberitalien. In der Werkstatt der Brüder Plozzer werden die Holzmasken für den Faschingsumzug geschnitzt.
  • Foto: Cyris

Ermanno Plozzer hantiert mit einem scharfen Werkzeug an einem Augenschlitz herum. Er gehört einer sonderbaren Fratze. Mit seinem Schnitzeisen hobelt der Holzschnitzer über das weiche Erlenholz, um einer Faschingsmaske den letzten Schliff zu geben. Rund 1000 Masken hat er bereits vollendet, inklusive Bemalung. 120 Euro kostet das Stück.

„Uropa habe ich schon ein paarmal geschnitzt“, sagt Ermanno Plozzer. Auch Tanten, Onkel und Nachbarn kamen unters Messer. Beim Fasching von Sauris ist es Tradition, mit den Masken auch Gesichter von Ahnen abzubilden. Sie erinnern an die einst bettelarme Berggemeinde und sollen nicht nur Geister vertreiben oder Gänsehaut erzeugen wie in anderen Karnevalshochburgen.
Dafür sorgt in der dunklen Jahreszeit ohnehin der pfeifende Bergwind der Karnischen Alpen. Ein Fensterladen klappert gegen die Holzwerkstatt von Ermanno Plozzer, den alle nur Hermann nennen, und seinen Brüdern Danilo und Dario.

Es ist frisch und zugig in Sauris, wie so oft. Die Gemeinde mit ihren zwei Ortsteilen ist die höchstgelegene in der italienischen Provinz Friaul-Julisch Venetien. Sauris di Sotto (Unterzahre) liegt auf 1215 Metern, Sauris di Sopra (Oberzahre) gar auf 1390 Metern. In der Abgeschiedenheit haben sich nicht nur altertümliche Bräuche erhalten, sondern auch eine eigene Sprache: die Zahrer Mundart.

Der Kheirar fegt die Stube aus

Das deutsche Idiom klingt rau und antiquiert. Holzschnitzer heißt dort „Hölzschnitzar“, Fasching „Voschankh“. „Holte!“ sagt Ermanno Plozzer - „halt mal!“ Auf der Rückseite einer großen Holzmaske will er den Gummizug einstellen. Die Maske hat eine lange Nase und große Ohren. Es ist der Kheirar, der Kehrer. Diese Figur fegt symbolisch die Stuben der Dorfbewohner aus. Um die Räume von winterlichem Trübsinn und Übel zu befreien und stattdessen Leben und Fröhlichkeit einziehen zu lassen. Es ist Faschingssamstag, Familie Schneider hat sich um einen schweren Holztisch herum versammelt. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Kriskelan. Außerdem ein Teller mit geräuchertem Speck.

Die Narren kommen

Draußen bimmeln schwere Glocken. Es ist der Rölar, der Schellenmann. Er gibt das Startsignal für den Fasching in Sauris. Mit Schellen in der Hand und einer Maske aus der Plozzer-Werkstatt überm Haupt läuft er durch die Gassen von Sauris di Sopra. Vorbei an uralten Scheunen und Ställen, wettergegerbten Holzbalkonen und Wänden aus Brennholz. Das Geläut ist unüberhörbar. „Schembl!“, ruft der Rölar. Was in etwa so viel bedeutet wie „Die Narren kommen!“. Helau und Alaaf auf Zahrisch.

Tanzen lockt die guten Geister

Der Rölar betritt die Wohnküche der Schneiders. Ein Kleinkind versteckt sich skeptisch hinter einem älteren Mann. Ein Akkordeonspieler tritt ein und spielt auf. Nach und nach bittet der Rölar maskierte Tanzpaare in die Stube. Das Tanzen soll für heitere Stimmung sorgen und gute Geister ins Haus locken. Immer wieder erklingen „Schembl“-Rufe. Zum Schluss erscheint der Kheirar auf der Bildfläche. Mit einem Besen aus Birkenzweigen kehrt er den Fußboden, um die letzten Spuren von Schwermut und Winterdepressionen wegzufegen. Draußen haben sich bereits Hunderte Schaulustige versammelt. Der Fasching in Sauris zieht auch Skiurlauber aus den Wintersportorten an, etwa aus Forni di Sopra oder Ravascletto-Zoncolan. Skifahren in den nordostitalienischen Alpen ist vielerorts noch eine beschauliche Angelegenheit, die Pisten wenig überlaufen.

Der Fasching in Sauris bietet daher eine willkommene Abwechslung. Vor der Pizzeria Pame Stifl (auf Hochdeutsch: Zum Stiefel) lungert eine Clique Jugendlicher herum und teilt sich eine familiengroße Holzofenpizza. An normalen Tagen sind nur wenig Junge zu sehen. Die meisten sind abgewandert. Nach Udine oder Triest, der Hauptstadt der Region Friaul-Julisch Venetien. Ein Aderlass für Sauris. Die Zahl der Einwohner hat sich fast halbiert auf derzeit rund 400.

Wein und Bier fließen

Aber zum „Voschankh“ kommen sie aus allen Himmelsrichtungen. Dann ziehen nicht nur frische Lebensgeister in die Wohnstuben ein, sondern auch in die sonst fast menschenleeren Gassen. Nachdem die meisten Stuben betanzt wurden, sammeln sich die Maskierten auf dem Dorfplatz. Die Masse setzt sich nun per Fußmarsch von Sauris di Sopra nach Sauris di Sotto in Bewegung. Am Ziel fallen Teilnehmer über die Krapfen, die Kiskelan, her. Es fließen Wein und Bier aus dem Friaul: In ganz Sauris, der ehemaligen Bergbauerngemeinde, gibt es heute zwar keine Kuh mehr und keinen Bauer, dafür zwei Brauer: Massimo und Sandro Petris versorgen die Einheimischen mit Gerstensaft. Mit ihren Bieren müssen sie sich nicht verstecken.

© Gmünder Tagespost 02.02.2018 14:23
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