Die ganze Familie spendet Valentin Kraft

Reportage, Teil 1 Valentin Lang erhielt vor rund vier Jahren die niederschmetternde Diagnose „Krebs“. Mit viel Lebensmut und unbändigem Lebenswillen sagt er der Krankheit seither den Kampf an.
  • Foto: Christian Frumolt
  • Prof. Dr. Hebart und Valentin Lang bei der zweiwöchigen, sogenannten Antikörper-Behandlung. Foto: Christian Frumolt

Wenn Valentin Lang in seinem Elternhaus in der Stadt Donzdorf auf Krücken die Treppen herunterkommt, denkt man, der junge Mann hätte sich einen Bänderriss zugezogen. Dann beginnt er, seine Krankheitsgeschichte seit 2014 zu erzählen. Und fasziniert mit seinem ausgeprägten Lebensmut und seinem ungebändigten Lebenswillen. Valentin Lang überlebte vom ALK-positiven Lymphom bis zur Leukämie mehrere Krebsarten. Immer wieder gaben ihn Ärzte auf. Augenscheinlich zu Recht – denn mehrmals war er weggetreten, verblutete beinahe oder löste sich innerlich auf. Prof. Dr. Hebart vom Stauferklinikum behielt die Hoffnung, kämpft für und mit Valentin.

Besondere innere Einstellung

Aktuell sieht es bezüglich der Krebsheilung gut aus. Allerdings melden sich die Nebenwirkungen und Spätfolgen der jahrelangen Behandlungs-Odyssee: Knochensterben in Ellenbogen, Knie und Sprunggelenken sowie grauer Star. „Langfristig will ich ohne Krücken laufen können. Das mit den Knochen kotzt mich an. Ohne die hätte ich es vielleicht besser weggesteckt“, sagt der 23-Jährige. „Ich glaube, Valentin ist noch da“, vermutet seine Mutter, „weil er so eine innere Einstellung hat.“ Die letzten Jahre waren eine Achterbahn. „Es ging bergauf, dann war wieder was und es ging runter.“ Im Interview ist sie häufig in Tränen aufgelöst. „Ich suche mir da meinen Weg, aber man verdrängt auch. Trotzdem ist alles präsent aufgrund der Operationen und den zweiwöchigen Klinikbesuchen für die Antikörper-Therapie“, fügt Valentin hinzu.

Erschreckende Diagnose

Die Achterbahnfahrt begann im Jahr 2014. Valentin beschloss nach dem Realschulabschluss, mit einem seiner besten Freunde ein Auslandsjahr in Neuseeland zu verbringen. Letztlich taten sich vier Freunde zusammen, blieben sechs Monate bei den Kiwis. Die Zusagen für das Fachabitur und einen Ferienjob bei ZF in der Tasche, ging es im Mai 2014 zurück nach Hause. „Dort duschte und rasierte ich mich mal so richtig. Dabei bemerkte ich einen Bobbel unterm Arm“, erzählt Valentin besonnen.

Der Hausarzt verschrieb ihm Antibiotika. Die halfen nicht. Schließlich wurde „das Ding“ in der Chirurgie in Göppingen aufgeschnitten, aber es zeigte sich kein Eiter. Am folgenden Wochenende standen Verbandswechsel an. Samstags fand der diensthabende Arzt noch alles in Ordnung. Sonntags fiel ein Kollege aus allen Wolken und entschied, dass die Lymphknoten raus sollten. Es wurde weiter ausgeschnitten. Valentin verlor viel Blut, bekam hohes Fieber. Am Feiertag landete er in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Stuttgart, wurde aber nach Hause geschickt.

Hoffen und Bangen

Da das Fieber nicht weg ging, versuchte es die Familie noch einmal dort. Mit Verdacht auf eine Tropenkrankheit legte man ihn auf die Innere. Dort wurde das ALK-positive Lymphom diagnostiziert. „Vermutlich wegen der Schnitte hatte der Krebs da schon gestreut, die ersten Organe waren bereits irreparabel geschädigt. Blöderweise vertrug ich die darauffolgende Chemo nicht“, fasst Valentin diese erste Etappe zusammen.

Inzwischen hatte sich auch seine Situation herumgesprochen. „Ich mag es nicht, ‚Vitamin B‘ zu nutzen und wir dachten, ich sei in Stuttgart gut aufgehoben. Der Freund von Bekannten ist der Sohn von Prof. Dr. Hebart. Durch Weitererzählen erreichte ihn meine Geschichte und letztlich überzeugte mich der Professor am Telefon, nach Mutlangen zu kommen. Mit dem Krankenwagen wurde ich sofort verlegt. Die in Stuttgart behaupteten, ich würde dort sterben“, erinnert sich Valentin an den ersten Kontakt mit seinem Retter. Seine Mutter durfte mit ins Zimmer.

„Der ganze Verlauf war unser Glück“, sagt sie, „denn am gleichen Abend brach Valentin auf dem Weg zur Toilette in meinen Armen zusammen. Sofort bildete sich eine riesige Blutlache auf dem Boden, als hätte man ihn angeschossen. Er verlor drei Liter Blut.“ Prof. Dr. Hebart und Dr. Ewald absolvierten eine nächtliche Not-Operation, um die Blutung, bedingt durch die angegriffenen Organe und die schlecht vertragene Chemotherapie, zu stoppen. Valentin sprang IHM das erste Mal von der Schippe. „Mein Sohn ist wirklich hart im Nehmen und ein Stehauf- Männle. Am nächsten Tag, auf der Intensivstation, forderte er gleich seinen Laptop“, berichtet seine Mama.

Langfristig will ich ohne Krücken laufen können.

Valentin Lang

Mit der anschließenden Tablettentherapie schien alles gut, der Krebs war eingedämmt, aber nicht gestoppt. Prof. Dr. Hebart beschloss eine Stammzellentransplantation für November 2014. „Mir ging es gut. Auf dem Weg zu Freunden nach Augsburg bin ich dann aber wieder zusammengebrochen, hatte einen epileptischen Anfall. Eine halbe Stunde war ich weg, kam erst auf dem Boden eines Parkplatzes zu mir. Die Sanitäter brachten mich ins Klinikum Augsburg. Dort sollte ich in die MRT. Aber ich wollte nach Mutlangen, also holten mich meine Eltern ab.“

Valentin wurde zum zweiten Mal angezählt. Denn die MRT in Mutlangen ergab: Tumor im Kopf. Im November 2014 begann die Chemotherapie sowie Ganzkörper- und tägliche Kopfbestrahlung in Tübingen. „Ich roch den Strahl beim Beschuss durch den Laser. Das tun nur 20 Prozent der Patienten“, berichtet Valentin mit einer stoischen Ruhe. Diese übermäßige Anwendung war ein Risiko, da nicht ausreichend erforscht. Aber es war notwendig, denn durch die starke Streuung hatte er mittlerweile Leukämie. Die Dosierung forderte ihren Tribut. „Ich spuckte Blut, Eiter lief aus Augen und Mund. Weil ich nichts essen konnte, wurde ich künstlich ernährt, magerte von 75 auf 54 Kilo ab. Meine Schleimhäute lösten sich auf, mein Inneres war zerstört und verbrannt“, schüttelt Valentin ungläubig über seinen damaligen Zustand den Kopf.

Lange, harte Zeiten

Wiederholt verbrachte er immer wieder Tage auf der Intensivstation. Die Stammzellentransplantation verlief erfolgreich. Der Spender aus England war gleich alt und seine Eigenschaften passten zu 95 Prozent. „Es war eine sehr harte Zeit in Tübingen. Aber durch die große Hilfe der KMT Station und insbesondere das Engagement der Professoren Handgretinger und Lang sowie Frau Dr. Döehring war mein Leiden erträglich. Prof. Handgretinger hat auch keine Kosten und Mühen gescheut und hat sogar am Wochenende nach mir geschaut“, erinnert sich Valentin.

Kurz vorm Durchdrehen

Weihnachten 2014 hatte Valentin genug. „Ich rief den Prof an. Ich war kurz vorm Durchdrehen, weil ich isoliert lag. Meine Schmerzpumpe mit Morphin ging nicht mehr, ich habe deshalb irgendwelche Filme geschoben. Das war echt schlimm.“ Prof. Dr. Hebart übernahm die Verantwortung und Valentin durfte zu Heiligabend nach Hause. Am ersten Weihnachtsfeiertag eine neue Hiobsbotschaft; ein gefährlicher Virus war entdeckt worden. Also sofort zurück ins Krankenhaus zur Therapie. Über seinen Hickman-Katheter erhielt Valentin unzählige Medikamente. Irgendwann war es dann gut. „Trotzdem habe ich eineinhalb Jahre gespuckt, nichts geschmeckt, musste Aufbaudrinks trinken. Alles war relativ beschissen“, seufzt Valentin.

Sein Hund, ein wunderschöner Weimaraner namens Aaron, hebt den Kopf. Bisher lag er in der Nähe. Jetzt steht er auf, tappst zu Valentin, legt seinen Kopf auf dessen Schoß. Valentin streichelt ihn. Aaron spendet Valentin Lang auch viel Liebe und Kraft für die Genesung.

Mehr über das ergreifende Schicksal von Valentin Lang aus Donzdorf erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von inSchwaben am kommenden Samstag ...

© Gmünder Tagespost 16.03.2018 15:22
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