Frostige Gefahr für zarte Blüten

Klima Langfristige Beobachtungen zeigen es: Die Apfelbäume schlagen Jahr um Jahr zeitiger aus. Das hat Auswirkungen auf Mensch und Tier.
  • Auf engem Raum lassen sich Apfel-Spindeln ziehen, die man vom Boden aus, ohne Leiter, beernten kann. Generell bieten Apfelbäume ein herrliches Farbspiel im Frühjahr: Es reicht von rosa Apfelknospen bis zu weißen Blüten.
    Fotos: Pixabay (l.), Agnes Pahler

Wahrscheinlich hat jeder schon selbst beobachtet, dass die Apfelblüte immer früher einsetzt. Von wissenschaftlicher Seite her ist dies untermauert: In den vergangenen Jahren hat sich der Beginn der Blütezeit bei Apfelbäumen um rund zehn Tage nach vorn verlagert. Genau belegen konnte dies das Apfelblütenprojekt der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) im Murgtal, Landkreis Rastatt. Die Landesanstalt wertet Daten des SWR aus, der Mithilfe von Hörermeldungen den Beginn der Apfelblüte bundesweit verfolgt.

Das Öffnen der ersten Apfelblüten gilt als Startschuss für den Frühlingsanfang. Der im Kalender festgelegte Frühjahrsbeginn richtet sich im Gegensatz dazu an der Tag-und-Nacht-Gleiche, dieses Jahr war es der 21. März. Anders als der astronomisch berechnete Frühlingsanfang orientiert sich der sogenannte phänologische Frühlingsbeginn an den Entwicklungen in der Natur. Drei Phasen werden hier unterschieden: Mit der Blüte von Schneeglöckchen und Haselsträuchern setzt der Vorfrühling ein, der Blühbeginn von Forsythie und Birne markiert den Beginn des Erstfrühlings, und sobald Apfel und Flieder blühen, setzt der Vollfrühling ein.

Unempfindlichere Knospen

Natürlich sorgt der alljährlich andere Witterungsverlauf für beträchtliche Schwankungen bei den jeweiligen Terminen, doch weil der Beginn der Apfelblüte schon so lange dokumentiert und ausgewertet wird, kann man zuverlässig einen Gesamttrend beobachten, der den Klimawandel klar belegt. Die Pflanzen blühen zeitiger im Jahr auf, und das hat nicht nur positive Auswirkungen. Denn die zarten Blüten sind empfindlicher als geschützte Knospen, dadurch steigt das Risiko, dass sie erfrieren, weil Frosteinbrüche in den Frühjahrswochen häufig auftreten –im vorigen Jahr haben wir das flächendeckend erfahren. Weil die Obstbaumblüten erfroren, gab es wenig Äpfel, keine Quitten und kaum Kirschen.

Die Klimaerwärmung birgt ebenso Risiken für die Tierwelt. Zugvögel wie die Mehlschwalben kehren früher aus ihren Winterquartieren zurück und gehen immer zeitiger ihrem Brutgeschäft nach, viele Vogelarten dehnen ihre Brutgebiete weiter nach Norden aus, andere ziehen nicht mehr so weit nach Süden: Weißstörche überwintern in Spanien und nicht mehr in Afrika, die Mönchsgrasmücke weicht aus nach Südengland und fliegt nicht mehr bis ans Mittelmeer. Für den Nestbau brauchen die Vögel aber viel Energie, die ihnen tierische Nahrung in Form von Insekten liefern muss. Kommt es in dieser Zeit zu Kälteeinbrüchen, wird die Nahrung knapp, und die Vögel geraten in Hungerstress. Langstreckenzieher wie Gartenrotschwanz und Nachtigall geraten andererseits in Bedrängnis, weil sie erst spät zurückkommen, so dass die Reviere besetzt sind.

Gute Schädlingsentwicklung

Steigende Temperaturen stellen zwar einen besseren Kulturerfolg für wärmebedürftiges Obst wie Aprikosen, Pfirsich, Nektarinen oder Feigen in Aussicht. Auf der anderen Seite begünstigt ein wärmeres Klima die Entwicklung von Schädlingen: Zum Beispiel beobachtet man laut LUBW eine Zunahme beim Apfelwickler. Die Raupen des Kleinschmetterlings bohren sich in junge Äpfel ein, fressen sich zum Kernhaus durch und arbeiten sich durch einen weiteren Fraßtunnel wieder nach außen, um sich zum Verpuppen in die Erde abzuseilen. Von höheren Temperaturen profitiert auch der Apfelblütenstecher, ein kleiner schwarzer Rüsselkäfer, der seine Eier in Apfelblütenknospen ablegt. Darin verborgen wachsen die Larven heran. Viren, Bakterien und Pilze entwickeln sich ebenfalls bei höheren Temperaturen besser, wir werden uns auf zunehmende Probleme mit Pflanzenkrankheiten einstellen müssen.

Enormer Zierwert der Blüten

Nichtsdestotrotz freuen wir uns über die Apfelblüte, die vielen als die schönste Obstbaumblüte überhaupt erscheint. Der Zierwert ist schon enorm, wenn sich aus den rosa bis purpurroten Knospen die strahlend weißen Blütenblätter entfalten. Weiß und Rot zeigen sich zusammen an jedem Blütenbüschel mit unterschiedlich weit entwickelten Einzelblüten und jeder Apfelbaum prunkt in seinem eigenen Farbton, wobei jeder blühende Baum in der inzwischen spät einbrechenden Tagesdämmerung leuchtet.

Veränderung der globalen Windsysteme

Alle Welt spricht vom Klimawandel, und kaum jemand bestreitet die Erderwärmung noch. Zweifel kommen aber auf, wenn wir unter massiven Kälteeinbrüchen leiden. Doch gerade die eisige Polarluft, die uns bisweilen erreicht, ist ein deutlicher Beleg dafür, dass sich die globalen Windsysteme drastisch verändert haben.
Bislang schützte uns in Mitteleuropa ein starkes Höhenwindband in der Atmosphäre vor dieser drastischer Kälte. Dieser Jetstream ist schwächer, sein Verlauf unregelmäßiger geworden und bildet jetzt ausgeprägte Schleifen, so dass die artische Kaltluft zu uns fließt.

© Gmünder Tagespost 20.04.2018 15:45
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