Hummer, Kunst und Kurioses

Ellwangen Eine Entdeckungstour durch die Altstadt garantiert viele Überraschungen und Entdeckungen. Wer sich darauf einlassen möchte, darf nicht nur auf Augenhöhe schauen.
  • Fotos: Stadt Ellwangen
  • Hummer und Weinreben an einem Haus im Sebastiansgraben.
  • Karl-Heinz Knoedler
    Foto: Frank Mächler

Versteckte Gärten, eine Schäferschippe als Türgriff, ein Ochsenkopf im Fachwerkgiebel oder wunderschön modellierte Krebse an einer Hausfassade - ein wahrer Schatz an Entdeckungen erwartet den Besucher in der Ellwanger Altstadt. Vorausgesetzt er bringt etwas Neugierde mit und auch den Willen, seine auf Augenhöhe genormten Sehgewohnheiten umzustellen. Auch ein bisschen Ausdauer ist beim Gang durch die Ellwanger Straßen und Gassen gefragt, denn es sind an die hundert Kleindenkmäler, die teils in luftiger Höhe, teils an unerwarteter Stelle auf ihre Entdeckung warten.

Die Mühe lohnt sich auf alle Fälle, denn alle Figuren und Portale, die Brunnen und Balkone oder die Wappen und Wirthausschilder erzählen etwas über die reiche Vergangenheit der Stadt und ihrer Menschen. Aber auch die Gegenwart kommt nicht zu kurz. So wie Altes leider oft unmerklich verschwindet, so kommt auch Neues wieder hinzu. Denn die Ellwanger schätzen nicht nur ihre Kleindenkmäler und bewahren sie, sie fügen auch immer neue hinzu. Nicht zu übersehen sind in Ellwangen zunächst die zahlreichen Madonnen – und Heiligenfiguren, die an das künstlerische Schaffen in der fürstpröpstlichen Zeit erinnern. Mit barocker Anmutigkeit und schönen Schlüsselfalten ausgestattet beeindrucken besonders die Marienfiguren in den Giebelnischen der ehemaligen Chorherrenhäuser rund um den Ellwanger Marktplatz. Doch hat auch der Patron der Stiftskirche, der heilige Vitus, seinen Platz an zahlreichen Hauswänden, Giebeln oder Portalen gefunden.

Ellwanger Handwerkszweige

Spektakulärer wirkt jedoch der ebenfalls am Marktplatz befindliche kunstvolle Fachwerkgiebel der Gastwirtschaft „Kreuz“. Hier findet sich das Relief eines Ochsenkopfs mit zwei gekreuzten Schlachtbeilen, die auf das Schlachterhandwerk und die zum Haus gehörende Metzgerei hinweisen. Auch an andere Handwerkszweige wird in der Innenstadt erinnert: So steht in der Brauergasse der Brauerbrunnen. Aus Anlass des 300-jährigen Bestehens der Rotochsenbrauerei im Jahr 1980 aufgestellt, steht der Brunnen sinnbildlich für das einstmals so bedeutende Brauwesen in der Stadt, das um 1900 noch sieben Brauereien zählte.

Der Bäckerzunft hingegen wurde in der Stadtfischergasse mit einer vergoldeten Brezel ein Denkmal gesetzt, ebenso wie eine solche die Turmspitze desselben Gebäudes krönt. Seltenheitswert besitzen genauso die Gugelhupf- und Brezelformen, die aus Gips geformt und mit schwarzer Farbe bemalt die Ecken der Bäckerei Kayfel in der Spitalstraße 20 schmücken.Ein steinernes Loblied auf die Brezel singen hingegen zwei Löwen auf einem Relief, das 1948 aus Anlass des 100jährigen Bestehens der Bäckerei Baumgärtner dort angebracht wurde. Gekonnt in Szene gesetzt ist auch die Erinnerung an die Viehhirten der Stadt. In der Hirtengasse hat der Hausbesitzer den Türgriff als Schäferschippe gestaltet.

Werke der Schmiedekunst

Wahre Kunstwerke der Schmiedekunst sind hingegen die zahlreichen Wirtshausschilder, die sich über die Innenstadt verteilen. Besonders schön ist der Hänger der ehemaligen „Mohrei“ (heute: Pizzeria „Romana“) in der Schlosssteige. Der Name soll aber nicht von den Drei Weisen aus dem Morgenland herrühren, sondern vom Namen einer ehemaligen Besitzerin. Eher schlicht, aber nicht weniger kunstvoll fällt dagegen der Hänger für das ehemalige Gasthaus „Waldhorn“ aus. Meisterlich auch das Schild der Weinstube „Kanne“, das der Künstler und Hausfreund Karl-Heinz Knoedler (s. eigener Infokasten) entworfen hat und der mit weiteren 20 Kunstwerken in der Innenstadt vertreten ist. Dazu gehören der bereits erwähnte Brauerbrunnen sowie der Stadtfischerbrunnen, das Brunnenbecken mit der Stadtgeschichte am Marktplatz sowie die Brunnensäule mit der Lilie vor dem Palais Adelmann. Bei der Gestaltung der Plätze hatte die Stadt auch erheblichen Nachholbedarf, denn alle historischen Brunnen wurden am Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochen.

Lieber das Wasser vom Brunnen

Nicht zu übersehen sind in Ellwangen zunächst die zahlreichen Madonnen.

Dr. Anselm Grupp

Diese für das Stadtbild einschneidende Maßnahme war eine Reaktion der damaligen Verwaltung auf die Weigerung der Bürgerinnen und Bürger, ihr Wasser über die öffentliche Wasserversorgung zu beziehen. Stattdessen nahm die Bevölkerung lieber weiterhin den Weg zu den Brunnen auf sich, um dort das Wasser kostenlos abfüllen zu können. Heute zieren wieder acht Brunnen das Stadtbild und in Kürze sollen auch zwei ehemalige Brunnensäulen wieder aufgestellt werden.

Ein wahrer Hingucker sind auch die Hausfassaden der Stadt, die – ganz im Stil ihrer jeweiligen Zeit gestaltet – mit ihren dekorativen Details überraschen. Dazu gehört in besonderer Weise das Haus Nr.7 im Sebastiansgraben. Herrlich im Stil des Jugendstils gehalten bezaubert diese Fassade mit der Darstellung von rankenden Weinreben und zart rosa schimmernden Hummern – fast einem Stilleben gleichend.
Ob diese Motive nur willkürlich gewählt wurden oder ob der Bauherr ein grosser Liebhaber guten Essens und erlesener Weine war, darüber lässt sich heute nur spekulieren.

Turm mit Kultmarke

Bei einer Wandgestaltung an einem ehemaligen Turm der Stadtmauer („An der Mauer“) muss der Betrachter nicht weiter sinnieren, sondern weiß sofort, hier hat der Besitzer seine Herzensangelegenheiten verewigt. So ist dort nicht nur das Stadtwappen, sondern auch das Emblem der Motorradkultmarke Horex aufgebracht. Zusammen mit den farbig gehaltenen Fenster- und Türflügeln verleihen beide Motive dem Türmchen einen eigenen, besonderen Charme.

Wer also in Ellwangen die meist auf Augenhöhe genormte Wahrnehmung aufgibt und auch seinen Blick auch darüber schweifen lässt, wird so manche interessante Entdeckung machen, die im Detail über die Geschichte der Stadt, ihrer Häuser und ihrer Besitzer erzählt. Es lohnt sich!

Weitere Infos

Die Touristinformation Ellwangen bietet zu diesem Thema auch spezielle Führungen durch die Ellwanger Innenstadt an. Terminvereinbarung unter Tel. : 07961/84-303 oder e-mail: Tourist@ellwangen.de

Karl-Heinz Knoedler (1926-2000)

Wie kein anderer hat Karl-Heinz Knoedler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kunstszene in Ellwangen geprägt. In Ludwigsburg geboren studierte er u.a. bei den Professoren Baumeister und Henning in Stuttgart, später dann auch bei Fernand Léger in Paris. 1946 nach Ellwangen gekommen, bezog er dort 1961 Wohnung und Atelier im Schloss, wo er zusammen mit seiner Frau Anni bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebte und wirkte. Knoedler erhielt vor allem in den 60 er und 70 er Jahren zahlreiche Aufträge zur Kunst im öffentlichen Raum, ebenso stattete er Kirchen aus (Geislingen, Korntal, Ellwangen u.a.) aus. Den Schwerpunkt seines Schaffens bildete aber die Malerei. Seine Abkehr von der Gegenständlichkeit zu Beginn der 60er Jahre führte auch zu einer ausgeprägten Freude am Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien. Verschiedene Schaffensphasen prägen sein Werk bis ins Jahr 2000. Sein Nachlass mit über 1000 Arbeiten wird heute von der gleichnamigen Stiftung aufbewahrt. Die ehemalige Wohnung und das Atelier im Schloss werden für Ausstellungen und andere Kulturveranstaltungen genutzt. Auf Anfrage ist auch eine Besichtigung möglich. Anselm Grupp

© Gmünder Tagespost 25.05.2018 16:41
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