Sie lehren den Ellwangern das Fürchten

Faschingssonntag Der Pennäler Schnitzelbank rechnet seit dem Jahr 1851 mit den Verfehlungen der Ellwanger in Reimform ab. Wenn’s dunkel wird, fällt die „Schwarze Schar“ in der Stadt ein.
  • Foto: Franz Rathgeb
  • Im unruhigen Licht der Fackeln ziehen die schwarz vermummten Gestalten durch Ellwangen. Foto: Franz Rathgeb

So dunkel wird es in der Ellwanger Innenstadt nur einmal im Jahr. Entlang Oberer Straße, Spitalstraße und Marienstraße sind Schaufensterbeleuchtung und Straßenlaternen ausgeschaltet. Bei den Hunderten Menschen am Straßenrand spürt man eine merkwürdige Mischung aus fröhlicher Erwartung und unruhiger Anspannung. „Wenn trifft es dieses Jahr? Wessen Name wird fallen?“ Dann hört man die ersten Trommellaute. Die Hausfassaden erhellen sich in dem unruhigen Schein des Fackelzugs: Der Pennäler Schnitzelbank kommt, um sein närrisches Femegericht über die Stadt abzuhalten. Der Faschingssonntag gehört in Ellwangen ihnen.

Horde schwarzer Gestalten

Die Trommler voran zieht die Horde schwarzer Gestalten in ihren Dominos vom Vögelesberg in die Stadt ein, wie ein Derwisch wirbelt einer mit dem Schellenbaum. Nach dem Fackelzug durch die Stadt kehren die Vermummten in Kneipe für Kneipe ein, um ihre Spottverse zu verlesen. Doch wer sind die Männer, wer steckt hinter der „Schwarzen Schar“?

Höchste Geheimhaltung

Das ist ein großes Geheimnis. Dem „Silentium“ verpflichtet, fordern die Pennäler nicht nur in den voll besetzten Gasthäusern die Zuhörer barsch zur Stille, sie haben sich auch selbst höchste Geheimhaltung auferlegt. Viele in der Stadt mutmaßen, haben Favoriten, wer unter einer der Masken stecken könnte. Es heißt, nur junge Männer vom Peutinger Gymnasium würden berufen. Doch keiner lüftet die Maske, alles bleibt Spekulation. Als Kontakt zur Schar soll ein anonymes Postfach dienen. Und auch die digitale Spurensuche hilft bei diesem historischen Thema nicht viel weiter.

Der Geist der Revolutionszeit

Schon seit 1851 lebt diese Faschingstradition, wurde von Schülern des Peutinger-Gymnasiums gegründet und ist damit Ellwangens ältester Fastnachtsbund. Der Name könnte dabei in einer Anlehnung an die „Schwarzen Braunschweiger“ erfolgt sein, einem Freikorps der Koalitionskriege, das sich im Kampf gegen Napoleon europaweit einen Namen gemacht hat. Denn ganz unpolitisch sind die Anfänge der „Schwarzen Schar“ nicht. Laut eigener Publikationen sollen es junge Referendare gewesen sein, die in den Jahren nach 1848 den Geist der Revolutionszeit in das beschauliche Ellwangen brachten und die Schüler des Pennals mit diesem Geist ansteckten. Unter dem Schutz der Maske und der Fasnacht zogen sie los, um Lehrern und Honoratioren die Leviten zu lesen.

Nichts Gefaktes, nur was war, Bringt euch heut’ die Schwarze Schar.

Erste Pointe 2017
der Schwarzen Schar

So bangen alljährlich einige Ellwanger um ihren guten Ruf, wenn die „Schwarze Schar“ sich in den Gasthäusern der Stadt breit macht. Manch einem mag die ein oder andere Verfehlung der Vergangenheit ins Gedächtnis schießen, bevor die gnadenlose Aufdeckung in eleganter Reimform als Vierzeiler vorgetragen wird.

Wir wollen also fröhlich sein

Eröffnet wird mit dem Studentenlied: „Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus – post iucundam iuventutem, post molestam senectutem – nos habebit humus!“, intoniert die Schar im vielstimmigen Bass auf Latein. „Wir wollen also fröhlich sein, solange wir noch junge Leute sind. Nach fröhlicher Jugend, nach beschwerlichem Alter wird uns die Erde haben“, lautet die Übersetzung. Dann werden die Verse rezitiert, bei denen die Stadtoberen, Räte, Richter, Schulleiter und Politiker ihr Fett weg kriegen – mal ätzend, mal ein bisschen vulgär, aber vor allem mit dem quälenden Funken Wahrheit des Erwischtwerdens. Aber – und das ist das Schöne am Spott der Pennäler – es kann wirklich jeden Bürger treffen.

Viele Pointen

„Nichts Gefaktes, nur was war, Bringt euch heut’ die Schwarze Schar“, lautete die erste Pointe der Pennäler im Fasching 2017. 54 weitere folgten, bis der Reigen endete: „Dass Humor und herzhaft lachen, Dunkle Zeiten heller machen, Halten wir, die Schwarze Schar, Auch postfaktisch noch für wahr.“ Und so werden sie auch weiterhin am Faschingssonntag ihre Wahrheiten den Ellwangern zu Gehör bringen. Ob‘s dem einzelnen schmeckt, oder nicht.

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© Gmünder Tagespost 09.02.2018 16:41
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