Verkanntes Genie im Garten

Wildpflanzen Ihrem Ruf zum Trotz ist die Brennnessel ein nützliches Kraut für Gesundheit und Garten. Ihr Dünger stärkt viele Gemüsepflanzen.
  • Ja, sie brennt! Aber dafür enthält die Brennnessel auch jede Menge Kraftstoffe: Vitamine, Eisen, Kalium und Kieselsäure. Frisch von der Staude gepflückt bereichern die angenehm nussig schmeckenden Brennnesselsamen Salate, Suppen oder auch Müsli.
    Fotos: Helga Schneller (r. o.),
    Pixabay (l. und r. u.)

Autsch - das brennt! Wer kennt sie nicht, die schmerzvolle Begegnung mit einer Brennnessel. Selten ist der Name einer Pflanze so unmissverständlich wie bei den brennenden Exemplaren aus der Nesselfamilie. Das Image der Brennnessel ist alles andere als positiv. Sie ist eine, vor der man zurückschreckt, ein Unkraut, das es auszureißen gilt. Wer sich jedoch ein wenig näher mit der wehrhaften Pflanze beschäftigt, entdeckt ein heilendes, wohlschmeckendes, wertvolles und nützliches Gewächs, das den Menschen seit Jahrtausenden begleitet.

Im Mittelalter sehr angesehen

Die Große Brennnessel (Urtica dioica) besiedelt Wegränder, Schuttplätze, Gärten, Wiesen- und Gebüschsäume. Neben der bis zu 1,50 m hohen Pflanze kommt außerdem die etwas niedrigere Kleine Brennnessel (Urtica urens) vor, die noch stärker brennt als ihre große Schwester. Weil die Pflanzen Stickstoff lieben, folgen sie dem Menschen gerne dorthin, wo er Land bebaut und den Boden für andere Pflanzen düngt.

Im Mittelalter war die Brennnessel weit angesehener als heute und eine der wichtigsten Nutzpflanzen. Ihre festen Pflanzenfasern verdrillte man zu Schnüren und Fischernetzen und webte daraus den Nesselstoff. Brennnesseln zählen außerdem zu den traditionellen Färbepflanzen, die Wolle und Seide einen grünen oder gelben Farbton verleihen. Bis in die Antike geht die Verwendung der Brennnessel als Heilpflanze zurück. Vollgepackt mit Vitaminen, Gerbstoffen und Mineralstoffen, allen voran Eisen, Kalium und Kieselsäure, wirkt die Brennnessel harntreibend, blutbildend und stoffwechselanregend und empfiehlt sich damit unter anderem für eine vitalisierende Frühjahrskur. Bei verschiedenen Nieren- und Gallenleiden, rheumatischen Beschwerden und Hautausschlägen war die Brennnessel in der Volksheilkunde lange Zeit eine der wichtigsten Heilpflanzen.

Der Durchblutung förderlich

Dass die Nessel so höllisch auf der Haut brennt, liegt an den Brennhaaren, die wie kleine Nadeln auf Blattoberseite und Stängel sitzen. Bei Berührung brechen die feinen Spitzen ab, und die histaminhaltige Pflanzenflüssigkeit ergießt sich auf die Haut. Eine leichte allergische Reaktion mit Brennen, Rötung, Kribbeln oder Quaddeln ist die Folge. Genau diesen Effekt machte sich die früher verbreitete medizinische „Urtikation“ zunutze. Dabei schlugen Rheuma- und Gichtgeplagte die nackte Haut mit Brennnessel-Stauden ab. Die folgende starke Hautdurchblutung sollte eine Linderung der Gelenkschmerzen bewirken.

Leckere Brennnessel-Chips

Brennnesseltee findet auch in der modernen Pflanzenheilkunde als entwässerndes Mittel noch Verwendung. Kaum bekannt sind dagegen die kulinarischen Qualitäten der Brennnessel. Die frischgrünen, jungen Triebe und Blätter ergeben im Frühjahr einen gesunden Wildspinat. Eine ausgefallene Spezialität sind Brennnessel-Chips. Dazu werden die gewaschenen und getrockneten Blätter in Olivenöl knusprig ausgebraten und mit Salz und Paprikapulver zur gesunden Knabberei veredelt. Die Verarbeitung von Brennnesseln in der Küche macht allerdings nur Spaß, wenn man sich nicht dauernd die Finger verbrennt. Dazu gibt es einen einfachen Trick: Die Blätter werden zwischen ein Küchentuch gelegt und mit dem Nudelholz mehrmals überrollt. Dadurch brechen die Brennhaare auf, entlassen ihren reizenden Inhalt ins Geschirrtuch, und die Nessel ist anschließend ganz handzahm.

Auch die kleinen, dreieckigen Brennnesselsamen sind ein wahres Kraftfutter. Sie reifen nach der unscheinbaren grünen Rispenblüte ab September an weiblichen Pflanzen. Frisch von der Staude gepflückt, auch getrocknet oder geröstet, bereichern die angenehm nussartig schmeckenden Samen Salate, Suppen oder Müsli. Mit reichlich Linolsäure und Vitaminen ausgestattet, besitzen sie einen hohen Gesundheitswert und gelten außerdem als Aphrodisiakum.

Gutes Pflanzenschutzmittel

Im Garten spielen Brennnesseln eine wichtige Rolle als Pflanzenschutzmittel, Dünger und Insektenpflanze. Gärende Brennnesselbrühe wird beispielsweise zum Spritzen gegen Blattläuse verwendet. Brennnesseljauche ist ein Dünger-Leckerbissen für alle starkzehrenden Gemüsearten wie Tomaten, Gurken, Kohl, Kartoffeln oder Zucchini. Schwächelnden Pflanzen hilft eine Flüssigdüngung mit Brennnesseln oft auf die Sprünge, was an einer intensiven Grünfärbung der Blätter zu erkennen ist. Geschnittenes Brennnesselkraut kann zum Mulchen von Gemüse und als Kompostbeigabe dienen. Wertvoll ist die Brennnessel auch für viele Insekten, vor allem Schmetterlingsraupen. Geschickt umschiffen die Raupen von Kleinem Fuchs, Admiral oder Tagpfauenauge beim Fressen die ungeliebten Brennhaare. Größere Brennnesselbestände sind für diese und viele weitere Insekten wichtige Futterpflanzen. Gründe genug also, Frieden mit Brennnesseln im Garten zu schließen.

Flüssigdünger aus Brennnesseln

1 kg frische, zerkleinerte Pflanzen werden in 10 Litern abgestandenem Leitungswasser angesetzt.
Als Gefäß eignen sich Kunststoffkübel, kein Metall. Ein sonniger Platz und tägliches Umrühren fördern die Gärung.
Schäumt und stinkt es, ist es gut, Steinmehl kann Geruch binden. Nach ein bis zwei Wochen ist die Pflanzenjauche fertig und kann 1:10 verdünnt zum Düngen für starkzehrende Gemüsearten verwendet werden.

© Gmünder Tagespost 27.04.2018 16:17
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