Glücksmomente und gute Begegnungen

Engagiert Irene Pravilov arbeitet als Sozialpädagogin in der LEA in Ellwangen. Sie war Spätaussiedlerin und gibt nun ihre guten Erfahrungen an die Flüchtlinge und die Ehrenamtlichen, um die sie sich kümmert, weiter. Von Anja Robisch
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    Die gelernte Sozialpädagogin ist mit Leib und Seele dabei.
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    Fotos: Andreas Wegelin
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    Bunt verpackte Weihnachtsgeschenke für Flüchtlingskinder.
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    Irene Pravilov im Gespräch mit Helfern in der LEA.
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    Die 29-jährige Shirin AlBoush ist aus Syrien geflüchtet.
Sie nennt sie Glücksmomente. Es sind Begegnungen mit Menschen, die sie auf ihrem Weg begleitet und unterstützt haben. Die zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle waren. Irene Pravilov hat vor 20 Jahren ihr Zuhause verlassen, um in Deutschland ein neues zu finden. Heute arbeitet die 45-Jährige in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Ellwangen. Die Sozialpädagogin koordiniert dort die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer. Es gibt viel zu tun. Und viel weiterzugeben. Denn das liegt ihr am Herzen, die Unterstützung, die sie erhalten hat, auch weiterzugeben.
Haus 90 auf dem LEA Gelände. Hier ist das Büro von Irene Pravilov, das sie sich mit zwei Kollegen teilt. Das Telefon klingelt, die Kollegin muss dringend in eine Besprechung, der Kollege berät eine Frau, die anbietet, Deutschkurse für die Flüchtlinge zu halten. Irene Pravilov ist fokussiert und hat doch Ohren und Augen überall. Macht eins nach dem anderen. Hat noch einen Tipp parat, bevor sie wieder ans Telefon geht. „Ja, sie müssen sie von Anfang an an die Hand nehmen“, sagt sie der Frau am anderen Ende der Leitung. Geduldig, herzlich, interessiert. Wenn die Sozialpädagogin sagt: „Hier bin ich richtig“, dann glaubt man ihr aufs Wort. Wenn man sie im Umgang mit den Flüchtlingen erlebt, wie freundlich sie die Delegation des Hüttlinger Kindergartens St. Martin empfängt, die für die Kinder der LEA gesammelt haben.

Umbruch als Neustart
Vor allem mit ihrer Biografie ist sie an diesem Ort die Richtige. Irene Pravilov wurde 1970 in Kasachstan geboren. Sie hat Mathematik und Physik studiert und arbeitete als Lehrerin. Doch nach dem Ende der Sowjetunion stellte sich für sie und ihre Geschwister die Frage, ob sie dort bleiben sollten. Sie sind Russlanddeutsche. Und sie entschlossen sich, den Umbruch als Neustart zu nutzen und um endgültig richtig anzukommen. „Die Identitätssuche war für uns schwierig“, beschreibt sie. Sie stellten 1992 einen Antrag auf Ausreise als Spätaussiedler. Sie hat erlebt, wie es ist in einem Aufnahmelager zu sein, wenn auch nur zwei Wochen. In der Anschlussunterkunft (ein Zimmer in einer Baracke) blieb sie mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn neun Monate, bevor sie eine eigene Wohnung erhielten. Sie leben in Sachsen-Anhalt. Ihre Tochter kommt zur Welt. Als diese zwei Jahre alt ist, kümmert Irene Pravilov sich in einer Senioren-Begegnungsstätte um Spätaussiedler. Als die Familie 2001 nach Heidenheim zieht, wo ihr Mann eine Festanstellung als Trockenbauer erhält, kümmert sie sich ebenfalls um Spätaussiedler in Integrationsprojekten.
Egal bei welcher Station, Irene Pravilov ist immer Menschen begegnet, die sie weitergebracht haben. Eine Deutschlehrerin, die sich dafür engagiert hat, dass ihr Erstes Staatsexamen anerkannt wird. Eine Frau in der Seniorenbegegnungsstätte, die zu ihr steht. Die sie „beim Reinrutschen“ in die soziale Schiene an die Hand genommen hat. Es sind auch in Heidenheim persönliche Begegnungen, die ihr Perspektiven ermöglichen. „Ich hatte nie das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ich habe mich willkommen und gebraucht gefühlt“, sagt sie.

Über die Jugendarbeit in die LEA
Ihr Chef bei der Caritas war es, der sie zu einem Studium motiviert. So wird aus der pädagogischen Fachkraft eine Sozialpädagogin. Sie studiert an der Berufsakademie drei Jahre lang. Unterstützt von ihrer Familie. Nach dem Studium, es ist Oktober 2006, macht sie Jugendarbeit in Oberkochen. Sie begleitet Jugendliche bei allem, wo es nötig ist. Mit noch 20 Prozent wirkt sie dort. Doch 80 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt sie seit April 2015 in der LEA in Ellwangen.
Sie betreut vornehmlich die Ehrenamtliche in der Kleiderkammer und im Kinder- und Familienbereich. Rund 170 Ehrenamtliche sind es insgesamt, die sich für die Bewohner der LEA engagieren. Die Sprachkurse geben, die mit den Kindern spielen, backen und basteln, die Sportangebote beisteuern. In der Kleiderkammer helfen auch Flüchtlinge mit. Zum Beispiel Yasmin aus Kamerun und ihr einjähriger Sohn, der durch die Kleiderkammer tanzte. Es gibt viele schöne Begegnungen.
Irene Pravilov schließt Menschen in ihr Herz. Sie erkennt sie. So die 29-jährige Shirin AlBoush aus Syrien. „Sie macht jeden Sprachkurs, der sich anbietet“, sagt Pravilov. Shirin war 35 Tage in der LEA. Sie hat ihr Heimatland verlassen, weil es ihre Stadt nicht mehr gibt. „No save, no home“, erzählt sie. Ihre großen braunen, traurigen Augen lassen einen nicht kalt. Und auch ihre Geschichte: ihr Bruder, der im Krieg starb, der schwere Weg nach Deutschland, die Schlauchbootfahrt auf die griechische Insel, das Festsitzen in Budapest. Hier in Deutschland fühlt sie sich sicher. Menschen wie Irene Pravilov verstärken dieses Gefühl. „Egal welche Nationalität, Religion, Alter, ich gebe meine guten Erfahrungen zurück“, sagt Irene Pravilov. In Kasachstan lebten viele Nationalitäten zusammen: Tataren, Chinesen, Koreaner, Russen, Deutsche… Es komme auf die Menschlichkeit an. Nicht mehr und nicht weniger. Egal ob die Ehrenamtlichen oder die Flüchtlinge - so anstrengend die Arbeit sei, sie ist bereichernd und mit vielen Glücksmomenten verbunden.

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© Gmünder Tagespost 01.04.2016 19:09
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