Uhren aus Gmünd in aller Welt begehrt

Handwerk In den besten Jahren beschäftigte Bifora 1200 Mitarbeiter. Aus einer kleinen Gold- und Silberwerkstatt wurde Deutschlands größter Armbanduhrenhersteller. Die Marke gibt es noch. Von Kuno Staudenmaier
  • (Foto privat)
  • Technische Details im neuen Bifora-Museum (von links) Götz Schweitzer, Bruno Kunert und Jawahar Kandhari. (Fotos: kust)
  • Viele Besuchergruppen hinterlassen ihre Spuren im Gästebuch.
Eine digitale Uhr, lediglich schnöder Zeitmesser, lässt Götz Schweitzer links liegen. Seine Augen strahlen erst, wenn er auf eine mechanische Armbanduhr blickt. „Das Werk lebt“, sagt er, „das ist der Unterschied.“ Wenn dieses Werk auch noch aus der ehemaligen Produktion der bis 1984 existierenden Gmünder Uhrenfabrik Bifora stammt, ist er glücklich.
Götz Schweizer ist Triebfeder des Freundeskreises Bifora. Der kümmert sich seit Jahren um das geistige Erbe des Unternehmens, hat zur Landesgartenschau ein Bifora-Museum eingerichtet, das auf Dauer existieren soll. 30 Uhrenfreunde haben sich so gefunden, Bruno Kunert zählt ebenfalls dazu und ganz besonders Jawahar Kandhari, dessen Schwiegervater Hiranand Gajria nach dem Bifora-Konkurs 1977 dafür sorgte, dass der Uhrenhersteller nicht ganz in Vergessenheit gerät. Bis heute verwaltet Kandhari die früheren Bifora-Immobilien an der Lorcher Straße in Schwäbisch Gmünd.
Davor steht eine erfolgreiche Geschichte. Zentrale Figur ist Josef Bidlingmaier, 1870 in Straßdorf geboren. Er konnte bei der Firma Zieher seinen Traumberuf Goldschmied erlernen, dann aber gab es in Gmünd nicht genug Aufträge, um dauerhaft Arbeit zu erhalten. Bidlingmaier wanderte in die Schweiz aus, konnte auch dort nicht die erhofften finanziellen Rücklagen schaffen. Das gelang ihm erst später und nach vielen Hürden in den USA.

Spezialität Gold-Armbänder
Zurück in Schwäbisch Gmünd, eröffnete er eine erste Goldschmiedewerkstatt beim Spital, konnte genügend Aufträge ergattern und schon bald in der Charlottenstraße ein größeres Gebäude bauen. Seine Spezialität: die Fertigung von Gold-Armbändern. Doch irgendwann stockte der Absatz. Josef Bidlingmaier schrieb 1961 seine Erinnerungen nieder. „In schlaflosen Nächten dachte ich oft an den Ausspruch einiger Grossisten, was nützen uns nur Bänder, wir brauchen Uhren dazu. Ich vergaß den Ausspruch nicht und dachte daran, Uhrgehäuse zu fertigen. Die ersten Muster gelangen mir sehr gut. Jetzt fehlten mir die Uhrwerke dazu. Ich reiste in die Schweiz, um Uhrwerke zu erhalten. Aber durch die neue Industrie, Armbanduhren statt Taschenuhren, waren die Schweizer Fabrikanten alle voll beschäftigt und ich konnte nur um teures Geld Uhrwerke erhalten.“
Ich habe eine Uhrenaus-stellung vorgeschlagen, die wir ohnehin im Heimatmuseum Waldstetten machen wollten.

Armbanduhren selbst herstellen
Der Bifora-Gründer machte gute Geschäfte, die hätten noch besser gehen können, hätte er genügend Uhrwerke gehabt. Dann kam der Entschluss, sie selbst zu produzieren. Das Unternehmen florierte. Ende der 1950er-Jahre und zu Beginn des folgenden Jahrzehnts beschäftigte Bifora 1200 Mitarbeiter, war zweitgrößter Arbeitgeber in Schwäbisch Gmünd. „Zeitweise war das Unternehmen sogar der größte Armbanduhrenhersteller Deutschlands“, weiß Götz Schweitzer. Exporte gingen in 42 Länder. Grund für diese Entwicklung: Bidlingmaier entwickelte eine Innovation nach der anderen. (Siehe Kasten unten rechts).
Und warum musste Bifora Konkurs anmelden? „Die Japan-Schwemme“, nennt es Götz Schweitzer. Ganz Europa wandte sich Mitte der 1970er-Jahre von den Zeiger-Uhren ab, wollte die Digitaluhren aus dem Fernen Osten haben.“ Auf einen Schlag habe es das Aus für rund 50 Prozent der Uhrenhersteller auf dem Kontinent bedeutet. Bifora habe zuvor hohe Summen in die Eigenentwicklung der Quartz-Uhren gesteckt, habe genau zu diesem kritischen Zeitpunkt zu wenig finanzielle Reserven besessen. Hiranand Gajria versuchte, das Unternehmen weiterzuführen, bis 1984 wurde mit einem kleineren Mitarbeiterstab mit 146 Beschäftigten weiter gearbeitet. Viele Uhrwerke konnten danach nicht mehr weiter verarbeitet werden. Ein Umstand, von dem der Freundeskreis heute profitiert.
Uhren ausstellen, gar ein Museum einrichten und die Firmengeschichte dokumentieren? Nicht im Traum haben Götz Schweitzer und Bruno Kunert daran gedacht. Klar hat Schweitzer zu Hause seine Erinnerungen aufbewahrt. „In einem Schaukasten habe ich 20 Uhren ausgestellt, das war alles.“ Zunächst. Dann meldete sich eine Fachzeitschrift, wollte mehr über die Bifora-Vergangenheit wissen. „Die häusliche Uhrensammlung und Präsentation wurde größer“, erinnert er sich.
Götz Schweitzer
Dann kam das Jahr 2009. In Gmünd trat Oberbürgermeister Richard Arnold sein Amt an. Zu den ersten Initiativen zählte die Aufforderung an Gmünder, sie sollten auf einer speziell vorbereiteten Karte eintragen, was sie für die Stadt beitragen können. „Ich habe eine Uhrenausstellung vorgeschlagen, die wir ohnehin im Heimatmuseum Waldstetten machen wollten.“ Schneller als gedacht sei der OB in seinem Wohnzimmer gestanden, habe ihn gleich zu einer Ausstellung im Gmünder Rathaus „verpflichtet“. Zur Landesgartenschau sollten die Bifora-Kenner aktiv werden. Der Rest ist bekannt: Auf dem alten Bifora-Areal in der Lorcher Straße steht das Museum, tausende Besucher haben die Aktiven des Freundeskreises schon durchgeführt. Zu sehen gibt es jede Menge Erinnerungen an die Erfolgsgeschichte, die ganze Entwicklung der Zeitmesser ist aufbereitet.
Und besonders freut sich Götz Schweitzer über die Einträge ins Gästebuch. Schulklassen, Altersgenossenvereine, Uhrenfreunde aus aller Welt, haben dort ihre Spuren hinterlassen. Möglich ist dieses Bifora-Museum nur, weil Kandhari die Räume zur Verfügung stellt. Der schätzt das Engagement: „Ich bin dem Verein dankbar, dass so viele Ehrenamtliche helfen, den Namen Bifora am Leben zu halten.“
Bifora-Uhren gibt es nach wie vor. Die Rechte am Markennamen liegen bei Jawahar Kandhari. Und mit noch nicht verarbeiteten Uhrwerken aus den letzten Produktionsjahren werden heute neue Uhren gefertigt. Dazu wird jedes einzelne Werk komplett zerlegt und neu aufgebaut. So entstanden auch Uhren zu besonderen Anlässen, eine Staufer-Uhr, eine Landesgartenschau-Uhr, eine für den Freundeskreis Salvator. Dass es sich lohnt, hochwertige Bifora-Uhren weiter auf den Markt zu bringen, macht Jawahar Kandhari an dieser Tatsache fest: „Jede Woche rufen mehrere Besitzer von Bifora-Uhren an, die ihr kostbares Stück repariert oder gewartet haben wollen. Wir können ihnen helfen.“
Das Bifora-Uhrenmuseum ist immer am Mittwoch und Samstag 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen nach Vereinbarung. Infos unter www.bifora-ev.de.

Innovationen aus dem Haus Bifora

Im Jahr 1900 eröffnet Josef Bidlingmaier eine kleine Werkstatt in der Fischergasse. Er fertigt zusammen mit seinem Bruder Bernhard silberne Ringe. 1910 zieht er allein in die Charlottenstraße.
1928 Eigenentwicklung des ersten deutschen serienmäßig gefertigten Form-Uhrwerkes: Kaliber 2025.
1951 Entwicklung und Serieneinführung des ersten deutschen Automatik-Uhrwerkes Kaliber SA 103 unter der Handelsmarke „Bimag“.
1955 Einführung des Kaliber 120, unter dem Namen „unima“ auch als Chronometer.
1962 Positionierung der ersten deutschen Damen- Automatik-Uhr.
1973 Beginn der Serienproduktion der selbst entwickelten elektromechanischen Werke B10/11 und des Quartzwerkes B12.
1978 Einführung der superflachen Quartzuhr „Flat-Line“.
© Gmünder Tagespost 12.08.2016 16:56
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