Eine Stadt, wie ein Feuertopf

Taiwan Wenn Hightech-Kapitalismus auf traditionelle Kultur trifft, kommt dabei eines der faszinierendsten Reiseziele in Fernost heraus – Taipeh
  • d018806c-42d7-47ac-a89b-a5a8664efd29.jpg
    Foto: Thomas Schneider-bildbaendiger.de
Nur noch ein einziges Räucherstäbchen für jeden. Bedauerlich, aber die Rationierung werde sicher keine religiöse Revolution auslösen, glaubt Huang Shu-wei, stellvertretender Leiter des LongshanTempels in Taipeh. Seit Mai können die Gläubigen im bekanntesten Tempel der Stadt keine Räucherstäbchen mehr im Dutzend kaufen. Weil Gefahr für die Gesundheit droht, müssen Taiwans Götter sich nun bescheiden. In einigen Tempeln werden bereits heute Räucherstäbchen durch essbare Teigstangen ersetzt.

Eine sehr erfolgsversprechende Strategie, denn größer als der Glaube ist in Taiwan zweifelsfrei der Appetit. Essen ist hier eine nationale Obsession. Vertilgt wird alles, was sich bewegt. So gibt es auf Taipehs Nachtmärkten frittierte Fledermäuse am Spieß oder gebratene Tintenfischstückchen im Becher.

Schräge Flötenfassung

Je ekliger der Gestank, desto köstlicher der Geschmack, lautet zudem die goldene Regel der Stinky-Tofu-Freunde. Eingelegt gärt der Tofu wochenlang vor sich hin. Das Ergebnis ist so unangemessen, wie Taipehs Müllabfuhr-Melodie als Musik zu bezeichnen. Allabendlich fahren die Kehrichtsammler durch die Stadt und spielen in Endlosschleife eine rattenfängerwürdige Flötenfassung von Beethovens „Für Elise“, damit die Leute dazu animiert werden, ihren Abfall zu bringen.

Heute reisen vor allem Chinesen gern nach Taipeh, um sich in einer der wohlhabendsten Metropolen in Ostasien anzuschauen, wie ihr Land aussehen würde, wenn Mao Zedongs Kommunisten den Bürgerkrieg 1949 nicht gewonnen hätten. In der Folge flohen 1,5 Millionen Festlandchinesen unter der Führung des nationalistischen Parteichefs Chiang Kai-shek nach Taiwan, und die bittere Saga der „zwei Chinas“ begann – der kommunistischen Volksrepublik China auf dem Festland und der Republik China auf der Insel im Pazifik. Allerdings betrachtet die Regierung in Peking Taiwan bis heute als abtrünnige Provinz.

Doch blieb dem kleinen Taiwan ein Triumph. Die Bürgerkriegsflüchtlinge nahmen die komplette Kunstsammlung, die Chinas Kaiser über Jahrtausende gehortet hatten, mit in ihr Exil. Seitdem muss die Volksrepublik nicht nur mit dem Verlust ihres nationalen Erbes leben, sondern auch die Schmach ertragen, dass die rund 700 000 Artefakte zu Taipehs größter Touristenattraktion geworden sind. Nur ein Bruchteil der weltweit größten Sammlung chinesischer Kunst kann heute im National Palace Museum gezeigt werden – Malerei, Keramik, Porzellan, Lack- und Kalligrafiearbeiten.

Kohlkopf gilt als Prunkstück

Stundenlang stehen Besucher sich die Beine in den Bauch, um das Prunkstück des National Palace Museum zu sehen – einen Kohlkopf. Der aus weiß-grüner Jade geschnitzte Chinakohl, an dem einige Heuschrecken nagen, gilt gewissermaßen als „Mona Lisa“ des Museums.

Vor einem überdimensional großen Bronzestandbild von Chiang Kai-shek schwingen Soldaten zu jeder vollen Stunde in einem theatralisch choreografierten Wachablöse-Ballett ihre Gewehre durch die Luft, derweil im Park der Gedenkstätte eine Seniorengruppe mit Atemübungen kosmische Lebensenergie einfängt. Das Orchester der nahen Konzerthalle nutzt den Garten für seine Proben.

Abends nehmen Hip-Hopper und Skateboarder den Platz ein, und überall wird die Neonreklame angeknipst, die über die Fassaden pulst. Dafür gibt es keine bessere Metapher als „Hu guó“, den Feuertopf, der mit Gemüse, Fleisch und beliebig anderen Zutaten für jeden etwas bietet.

zurück
© Gmünder Tagespost 01.09.2017 12:24
Ist dieser Artikel lesenswert?
201 Leser
Kommentar schreiben
nach oben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.