Das Geheimnis der „wilden Küste“

Spanien Wer die Costa Brava einmal zu Fuß erkundet hat, lernt sie von ihrer angenehmsten Seite kennen. Urlauber können beim Wandern schöne Naturstrände und grandiose Ausblicke genießen.
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    Foto: Ulrike Wiebrecht
Es ist wirklich nicht sehr schwer, sich in Calella de Palafrugell zu verlieben. Reihen von weißen Häusern, die sich an eine türkisfarbene Bucht kuscheln. Oben schaut vorwitzig der Kirchturm heraus, unten liegen malerisch Fischerboote vor den Arkaden auf dem Sand. Da kommt schnell eine große Begeisterung für die Costa Brava auf.

Aber bei Lloret de Mar? Die Stadt bringen die meisten eher mit Junggesellenabschieden und lieblosen Bettenburgen in Verbindung. Mit Pubs und Clubs, wo Caipirinha und Sex on the Beach für 20 Euro je Liter verkauft werden. Es mag schon sein, dass dieses Klischee von dem Ort, den man nur mit viel Alkohol übersteht, in vielem zutrifft.

Malerische Buchten

Doch die Buchten ringsum sind mindestens so schön wie die von Calella. Man muss nur mal zehn Minuten in Richtung Süden laufen, schon ist man an der Cala Banys: Palmen stehen auf den terrassenartigen Klippen, über die Felsen verteilen sich die Sitzmöbel einer Bar und bieten einen grandiosen Ausblick auf das Meer. In Lloret mag es drunter und drüber gehen – es gibt kaum einen romantischeren Platz, um den Sonnenuntergang am Mittelmeer zu erleben, als diese Bucht.

Und noch ein Stück weiter wartet mit der Cala Boadella der nächste tolle Naturstrand: grober goldgelber Sand, eingerahmt von rotbraunen Felsbrocken und duftenden Pinien.

Spektakuläre Felsüberhänge

So lassen sich unzählige traumhafte Fleckchen entdecken – wenn man sich zu Fuß auf den Weg macht. Und genau darin liegt das Geheimnis der wilden Küste, wie die Costa Brava wörtlich übersetzt heißt. Wer sie einmal von ihrer schönen Seite erleben möchte, mit stillen Buchten, atemberaubender Steilküste, spektakulären Felsüberhängen und dem einen oder anderen Xiringuito – dem typischen Strandkiosk – dazwischen, der muss sie sich erwandern.

Dazu laden der Weitwanderweg GR 92, der mehr oder weniger nah am Mittelmeer entlangführt, sowie die Camins de Ronda ein, Küstenpfade, die meist noch näher am Wasser liegen. „Ursprünglich waren die Camins de Ronda Rettungswege für Schiffbrüchige. Im 19. Jahrhundert wurden sie auch noch von der Küstenpolizei benutzt, um Schmuggler fernzuhalten“, erklärt Daniel Punsetí. Die Carabineros drehten dann immer ihre Runde – katalanisch Ronda und daher der Name.

Spazierwege mit Aussicht

Ursprünglich waren die Camins de Ronda Rettungswege.

Daniel Punsetí
Kämpfer für die Küstenpfade

Punsetí setzt sich mit dafür ein, dass die Wege, die inzwischen oftmals verbaut, zerstört oder zugewuchert sind, wieder hergerichtet werden. Viele wurden schon in der Frühzeit des Tourismus zu bequemen Spazierwegen, mit Holzgeländer und mit markanten Aussichtspunkten. An einigen Stellen sind ihre Spuren jedoch kaum noch zu erkennen. Doch in Kombination mit den Weitwanderwegen lässt sich die Küste ablaufen. 220 Kilometer von Blanes, das eine gute Stunde Zugfahrt nördlich von Barcelona liegt und wo die Küste beginnt, wild zu werden, bis Portbou an der französischen Grenze.

Gewiss, man braucht etwa zwei Wochen Zeit und eine gewisse Kondition. Allein, um die 5000 bis 6000 Höhenmeter zu überwinden, die das Auf und Ab an der Steilküste mit sich bringt. Aber das Schöne im Vergleich zu anderen Trekkingstrecken ist, dass man immer wieder mit einem Bad im Mittelmeer belohnt wird. „Eine geniale Kombination von Wandern und Schwimmen“, findet eine Australierin, die es ausprobiert hat. „Eigentlich wollten wir den Jakobsweg begehen. Aber der ist so überlaufen. Und landschaftlich ist das hier viel reizvoller.“ Wenn es ihnen an einem Ort nicht gefällt, laufen sie einfach weiter. Und bleiben dafür dann länger in hübschen Ortschaften wie etwa in Tamariu, in Llafranch oder auch in Aiguablava.

Im Grunde ist es erstaunlich, dass sich in einem Teil Spaniens, in dem der Tourismus auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurückblickt mit allen Negativerscheinungen, so viel Schönheit erhalten hat.

Zahlreiche Traumstrände

So viele wilde Abschnitte, wo sich die Felsküste von keinem Hotel davon abhalten lässt, dramatisch ins wild schäumende Meer abzufallen. Und so viele Traumstrände, etwa zwischen Sant Feliu de Guíxols und Begur, wo eine Bucht immer noch schöner ist als die andere.

Geheimnisvolle Landschaft

Immerhin gibt es zwischendurch auch Abwechslung: den Parc Natural dels Aiguamolls zum Beispiel. Im Vogelparadies an der Flussmündung von Fluviá und Muga geht es ganz und gar nicht wild zu. Stattdessen wird man in eine geheimnisvolle Sumpflandschaft versetzt mit Kanälen, Lagunen und dichtem Grün. Häuschen laden dazu ein, die vielen Vögel zu beobachten, die hier leben, nisten oder saisonweise einfliegen – neben Störchen und Flamingos kann man mit etwas Glück so exotisches Gefieder wie Zwergrohrdommeln, Kuhreiher oder Tüpfelsumpfhühner erspähen.

Gleich danach wieder ein Szenenwechsel: die antiken Ausgrabungen von Empúries. Nur ein paar Meter vom Meer entfernt ruhen die Fundamente der ersten griechischen Handelsniederlassung auf iberischem Boden, die um 600 vor Christus entstand und später von den Römern zur Stadt ausgebaut wurde. Der landschaftliche Höhepunkt der Wanderung ist indes das Cap de Creus weiter nördlich an der östlichsten Spitze Spaniens, wo die Pyrenäen in einer bizarren, kargen Mondlandschaft enden. „Geologisches Delirium“ nannte sie Dalí und ließ sich von ihr im nahen Portlligat, wo sein Haus als Museum überdauert hat, zu seinen surrealistischen Bildern inspirieren.

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© Gmünder Tagespost 01.09.2017 12:52
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