Aufstieg zur Wanne der Götter

Südamerika Die Laguna 69 ist eines der schönsten Wanderziele in den peruanischen Anden. Die Tour erfordert aber auch einige Anstrengung.
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    Foto: Alamy/Mauritius
Gut 100 Stufen führen hoch hinauf zu der Christus-Statue auf dem Friedhof von Yungay. Der Jesus blickt in die Ferne auf das mächtige Huascarán-Massiv und breitet seine Arme aus wie zum Schutz: vielleicht vor den Naturgewalten. Die Statue ist ein Zeichen der tiefen Religiosität der Einwohner von Yungay und ein Symbol für ein Wunder mitten in der Katastrophe: Am 31. Mai 1970 begrub eine Lawine, die vom Huascarán herab donnerte, das alte Yungay unter sich. Rund 20 000 Menschen in der Region kamen dabei ums Leben – mit Ausnahme der 93 Einwohner, die an diesem Sonntag den Friedhof besucht hatten, und der Kinder, die im Zirkus waren.

Altes Yungay ist Gedenkstätte

Heute ist das alte Yungay unterhalb der Statue eine Gedenkstätte. Einer der Überlebenden von damals ist César Cruz Chauka. Der 63-Jährige betreibt einen Souvenir-Shop auf dem Areal. Er will die Gegend, in der seine gesamte Familie umgekommen ist, nicht verlassen, um ihren Gräbern nahe zu sein. „Die Lawine stürzte auf die Stadt, als wir auf dem Heimweg waren. Eine Woche mussten wir auf einem Hügel warten, bis wir gerettet werden konnten“, erinnert er sich.

Yungay, der Ort mit der tragischen Vergangenheit, liegt auf der Strecke zu einer der schönsten Wanderungen in den Anden Perus: zur Laguna 69 im Nationalpark Huascarán in der Cordillera Blanca. Blauer Himmel, morgens zehn, mittags um die 20 Grad. In der Ferne leuchten schneebedeckte Berggipfel. „Ein perfekter Tag“, sagt Astrid Därr. Die 39-jährige Diplom-Geografin und Globetrotterin ist erfahrene Bergführerin, hat den Aufstieg auf fünfzehn 5000er und drei 6000er in den Knochen und die Abenteuerlust in den Genen. Bereits ihre Eltern haben mit ihr Reisen in alle Welt unternommen. Die Anden faszinieren Därr „wegen ihrer enormen Höhe“.

Anstrengende Wandertour

Der Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus und der vierthöchste Berg Südamerikas. Die Tour zur Laguna 69 führt vom Basislager auf 3800 Metern hoch auf 4500 Meter. Der Montblanc ist nur rund 300 Meter höher. Eine knappe Stunde geht es gemütlich immer weiter rein in den Nationalpark: an einem Fluss entlang und vorbei an einem Wasserfall. „Nicht so schnell“, warnt Därr. Warum, wird klar, als der Weg steil wird. Wer zu schnell losstürmte, sitzt jetzt am Wegrand und japst nach Luft. Pro 100 Höhenmeter nimmt die Leistungsfähigkeit der Wanderer in dieser Höhe um etwa ein Prozent ab.

Je länger es hochgeht, umso kürzer werden die Schritte, umso schneller rast der Puls. Die Pausen werden länger, die Abstände dazwischen kürzer. Doch durch die vielen Stopps kann sich das Auge Zeit für die atemberaubenden Bilder nehmen, die nach jeder Biegung neue Perspektiven auf die Berge bieten. Vor dem Ziel, der Laguna 69, liegen zwei weitere Seen. Wer Lust hat, kann mit den Füßen im kalten Wasser plätschern. Beim Weitergehen rät Astrid Därr, möglichst viel Wasser zu trinken, weil das der Höhenkrankheit vorbeugt: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Atemnot.

Ein Stück Ewigkeit

Sobald es dunkel wird, kann man keinen Schritt weiter gehen.

Astrid Därr
Globetrotterin und Bergführerin

Und dann, nach vielen weiteren Verschnaufpausen, taucht sie endlich hinter einer Biegung auf: die Laguna 69. Glasklares Wasser, blauer als jeder Himmel, umgeben von den schimmernden Eiswänden der Gletscher wie dem Pisco und dem Chacraraju. Letzterer gilt als einer der schönsten, aber auch schwierigsten 6000er der Cordillera Blanca. An der Laguna kühlt sanfter Wind die von der Anstrengung feuchte Haut.

Der Ort: ein Badeplatz für die Götter, denen man dort oben ganz nah zu sein scheint – und der zudem ein Stück Ewigkeit in sich birgt.

Zu schnell muss nach einer Stunde der Rückweg angetreten werden. Aber Därr weiß: „Sobald es dunkel wird, kann man keinen Schritt weitergehen.“ Nachts fallen die Temperaturen so tief unter null, dass man ohne Schlafsack erfriert. Statt wie geplant sechs, hat die Wanderung nun acht Stunden gedauert.

Zurück in dem Hotel in Huaraz, dem Startpunkt für viele Touren in der Cordillera Blanca, werden die Rückkehrer von Hotelchef Mario Holenstein erwartet. Der 64-jährige Schweizer ist mit seiner Frau Lotti nach Peru ausgewandert. Was ihn an dem Land fasziniert: „Morgens bist du in den Bergen, in zwei Stunden am Meer und in fünf Stunden im Urwald.“ Der Hotelkaufmann macht selbst Bergführungen mit seinen Gästen. Die Tour zur Laguna 69 hat es seiner Meinung nach in sich. „Ihr habt da schon was geleistet“, lobt er.

Tourismus im Aufschwung

Die Tourismusbranche in der Cordillera Blanca erlebt seit einigen Jahren einen kräftigen Aufschwung. Holenstein berichtet: „Es kommen Profi-Bergsteiger, aber auch und Einsteiger in die Region.“

Einer seiner Pläne war es, in höchstens 3500 Metern Höhe ein Sportzentrum zu errichten und eine Seilbahn dorthin bauen zu lassen. Kontakte in die Schweiz, um ein preisgünstiges Angebot zu bekommen, hat er. „Die Behörden fanden die Idee toll und machten sie publik. Allerdings sollte die Seilbahn bis auf 5000 Meter Höhe gehen“, sagt Holenstein. Das Problem: „Auf 5000 Meter Höhe bräuchten wir kein Sportzentrum, sondern eine Klinik.“ Warum, ist allen klar, die auf 4500 Meter Höhe zur Laguna 69 gewandert sind. Und bis heute gibt es keine Seilbahn auf die Gipfel. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so.

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© Gmünder Tagespost 08.09.2017 18:15
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