Schöne Stadt im Schatten des Vulkans

Italien Die Bürger von Catania leben mit der ständigen Bedrohung durch einen Ausbruch. Die Bevölkerung profitiert allerdings auch vom Ätna – und von seinen steinernen Schätzen.
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    Foto: Maren Recken
Als gute Catanierin schaue ich jeden Morgen als Erstes in Richtung Ätna. Dieses Ritual ist Teil meiner DNA, so wie für andere das Morgengebet.“ Sara di Mauro hat den Respekt für den Ätna von ihren Eltern mitbekommen. Und die Liebe zu Catania ebenfalls. „Die Stadt im Osten Siziliens ist ganz speziell“, findet sie.

Der Ätna ist in Catania allgegenwärtig. Als dominanter Koloss hinter der Silhouette der Stadt, wenn man sich an klaren Tagen vom Meer aus nähert. Als schwarze Überreste erkalteter Lavaströme entlang der ehemaligen Stadtmauer oder am Castello Ursino. Am Lavastrand, der sich von der Piazza Europa aus nach Norden erstreckt. Oder aber als Baumaterial, dessen Lavaschwarz Catania einen unverwechselbaren Charme verleiht.

Auf der Piazza del Duomo – dem Herzstück der Stadt – wird der Charme in seinem schwarz-weißen, spätbarocken Prunk besonders deutlich. Was auf den ersten Blick eher wirkt wie verschmutzte Fassaden, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als catanesische Besonderheit. Lavaschwarz gefärbter Putz, der sich mit dekorativen Elementen aus weißem Kalkstein abwechselt. Die Handschrift Giovanni Battista Vaccarinis.

Vorliebe des Stadtbaumeisters

Als Catania Anfang des 18. Jahrhunderts nach seiner fast vollständigen Zerstörung durch ein Erdbeben 1693 wieder aufgebaut werden musste, war er als Stadtbaumeister verantwortlich. Den teils zerstörten Dom schmückte er einfach mit einer vorgebauten Barockfassade.

„Ich mag das Schwarz der Gebäude in Catania sehr“, erklärt Fremdenführerin Enza Licciardi und bemängelt, dass es Tendenzen in Catania gebe, im Zuge von Renovierungen Fassaden und Kuppeln einheitlich weiß zu gestalten. „Das zerstört das Typische der Stadt“, sagt sie.

Catania definiert sich durch seine Nähe zum Ätna und damit auch durch die Verwendung von Basalt als im Überfluss vorhandenes Baumaterial. So finden sich im historischen Stadtkern nahezu flächendeckend schwarze Basalt-Pflastersteine.

Ich mag das Schwarz der Gebäude sehr.

Enza Licciardi
Fremdenführerin

Wer sich in Catania auf die Suche nach dem Bezug zum Ätna, dem höchsten aktiven Vulkan Europas, macht, wird allenthalben fündig. Rund um die Via Plebiscito sind ganze Häuserzüge auf einem erkalteten Lavastrom erbaut. Der floss beim Ausbruch des Ätna von 1669 – dem einzigen, bei dem die Lava bis nach Catania kam – an der Stadtmauer vorbei bis ins Meer.

Das Castello Ursino, einst direkt am Meer gelegen, findet sich heute rund einen Kilometer weit im Landesinneren. Der ehemalige Burggraben ist zu Teilen mit Lava aufgefüllt. Ein Gemälde von Giacinto Platania, in der Sakristei des Doms von Catania, zeigt anschaulich den Verlauf des Lavastroms von 1669. Boris Behncke, Vulkanologe am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Catania, nimmt das Gemälde gerne als Beweis, um mit der verbreiteten Falschinformation aufzuräumen, beim Ausbruch von 1669 wäre Catania großräumig zerstört worden.

Wenn Behncke nicht über die historische Verbindung von Catania und dem Ätna informiert, beobachtet er vom Institut aus jede Regung am Ätna. Rund um die Uhr wird der Vulkan überwacht. Und gegebenenfalls wird eingeschritten. Wie beim nächtlichen Ausbruch Ende April, als der Wind Asche aufs Meer wehte und Behncke anordnete, den Flugkorridor zum Flughafen Catania zu sperren.

Eine Art Panoramatapete

Catania sei eng mit dem Ätna verbunden, findet Behncke, den seine Leidenschaft für Vulkane im Allgemeinen und für den Ätna im Besonderen nach Catania verschlug. Umso interessanter sei, dass viele Bürger den Vulkan trotzdem eher als eine Art Panoramatapete wahrnehmen würden. Eine Panoramatapete mit Wirkung allerdings, die das Erscheinungsbild Catanias nachhaltig verändert hat. So sei beispielsweise der beim Ausbruch des Ätna von 1669 ins Meer geflossene Lavastrom dafür verantwortlich, dass Catania heute über den längsten Sandstrand Siziliens verfügt, erklärt der Vulkanologe Salvo Giammanco. Der Lavastrom habe nämlich wie eine Art natürlicher Damm gewirkt, sodass sich südlich des heutigen Hafens der über 30 Kilometer lange Playa di Catania bilden konnte: Baden mit Vulkanblick.

Ebenfalls mit dem Ätna verbunden ist das Zitronensorbet „Granita di Limone“. Es stammt aus den Zeiten, als noch die Araber in den Höhlen auf dem Ätna Schnee speicherten. Den mischten sie im Sommer mit Zitrone und Zucker zu einer kühlen Erfrischung. Mit Brioche das typische Frühstück in Catania. Und so kommt der Ätna indirekt bis auf den Frühstückstisch.

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© Gmünder Tagespost 08.09.2017 18:15
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