Hommage an eine große Schriftstellerin

England Mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung würdigt das Seebad Brighton Jane Austen. Die britische Autorin starb vor 200 Jahren im Alter von nur 41 Jahren in Winchester.
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    Foto: Christiane Neubauer
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    Jane Austen liebte das Meer und die Musik. Foto: C. Neubauer
Eine Sonderausstellung über Jane Austen in seinem Lust-Schloss! Dem englischen König Georg IV. hätte das ganz sicher gefallen. Der Monarch, den man heute einen Party-Prinzen nennen würde, hat als junger Mann viele wilde Jahre im Royal Pavilion in Brighton verbracht. Und Georg IV. war ein glühender Anhänger der Schriftstellerin. „Wir wissen, dass er die meisten ihrer Romane mehrmals gelesen hat“, sagt Alexandra Loske, die deutsche Kuratorin des Royal Pavilion. „Er soll in jeder seiner Residenzen Ausgaben aller ihrer Bücher gehortet haben.“

Widmung mit Zähneknirschen

Jane Austen konnte den Monarchen nicht ausstehen, weil er außereheliche Beziehungen pflegte, seiner Gattin Caroline von Braunschweig jedoch die gleichen Freiheiten verweigerte. In einem Brief an eine Freundin schreibt Austen über Caroline: „Die arme Frau! Ich werde sie unterstützen, solange ich kann, weil sie eine Frau ist und ich ihren Ehemann hasse.“ Als Austens Verleger sie 1815 dazu überredete, ihren Roman „Emma“ Georg IV. zu widmen, weil dieser sich das gewünscht hatte, tat sie es nur zähneknirschend.

Des Königs ganz persönliche Ausgabe von „Emma“ ist im Royal Pavilion übrigens erstmals öffentlich zu sehen – als Leihgabe Ihrer Majestät, der Queen. Das Buch ist aber nur eines von vielen außergewöhnlichen Exponaten, die Alexandra Loske und ihr Team in mühevoller Kleinarbeit aus dem ganzen Land zusammengetragen haben.

„Als Jane Austen vor 200 Jahren starb, hinterließ sie einen unvollendeten Roman, den sie nur wenige Monate vor ihrem Tod begonnen hatte. Wir sind begeistert, dass wir in unserer Ausstellung eine Abschrift des Manuskripts aus der Hand von Janes Schwester Cassandra präsentieren können“, schwärmt die Kuratorin.

Porträts und seltene Ansichten

Weitere Höhepunkte der Ausstellung mit dem Titel „Jane Austen by the Sea“ sind Porträts der Schriftstellerin, eine Locke ihres Haares, Briefe, seltene Ansichten von Brighton aus dem frühen 19. Jahrhundert sowie zeitgenössische Kleidung und Instrumente aus der sogenannten Regency-Periode. „Unsere Intention ist, das Leben, wie es zu Jane Austens Zeit war, wieder zum Leben zu erwecken“, erklärt die Kuratorin. „Wir wissen, dass sie das Meer liebte und häufig Badeorte besuchte, zum Beispiel Teignmouth, Charmouth oder Lyme Regis.“

Ob Jane Austen jemals in Brighton war, ist nicht bewiesen. Was aber nicht heißt, dass die Autorin, deren Romane zur Weltliteratur gezählt werden, nicht doch in dem populären Seebad an der englischen Südküste weilte.

Als sie vor 200 Jahren starb, hinterließ sie einen unvollendeten Roman.

Alexandra Loske
deutsche Kuratorin des Royal Pavilion

So viel aber ist sicher: Sie hätte es gemocht – zumindest das Brighton von heute. Denn die Stadt steht für so vieles, was Jane Austen wichtig war: Freiheit und Toleranz, Kultur und Kulinarik, Tradition und Moderne. Und man kann hier all die Dinge tun, die Jane Austen selbst liebte: am Strand spazieren gehen, Musik hören, feiern und tanzen, einkaufen gehen und Menschen beobachten, die so bunt und vielfältig sind wie die Stadt selbst.

Auch der pompöse Royal Pavilion, den Georg IV. von 1786 bis 1823 in einem wunderschönen Park unweit der Strandpromenade errichten ließ, hätte Jane Austen mit Sicherheit in Staunen versetzt. Denn große Augen machen auch heute noch alle, die vor ihm stehen oder durch seine Hallen flanieren.

Wie eine Weltreise durch Asien

Mit seinen cremefarbenen Zwiebeltürmchen und Säulengängen erinnert das Lustschloss von außen an ein indisches Heiligtum, wie der Akshardham-Tempel in Delhi – wenn auch nicht ganz so groß. Ein Rundgang durch die das Schloss ist wie eine Weltreise durch Asien. Die Wände sind mit Seide in Pastellgrün, Currygelb oder Zartrosa tapeziert. Die Möbel und Treppengeländer ließ Georg IV. mit Bambus- und Kirschblütenornamenten verzieren. Pompöse Kristall-Lüster und Vasen aus chinesischem Porzellan, Bananenblätter aus vergoldetem Stuck – der Anblick von so viel Prunk und Luxus hätte wohl selbst den Märchenkönig, Ludwig II., Erbauer von Schloss Neuschwanstein, vor Neid erblassen lassen.

Labyrinth aus Gassen

Vom Royal Pavilion aus lohnt sich ein Abstecher durch die verwinkelten Sträßchen des Viertels The Lanes, einem Labyrinth aus Gassen, in denen es unzählige kleine Läden und ausgefallene Boutiquen gibt – eins verkauft ausschließlich quietschgelbe Bade-Enten. An den Schaufenstern der Juweliergeschäfte drücken sich indessen verliebte Brighton-Besucher auf der Suche nach Verlobungs- oder Eheringen die Nasen platt. Überhaupt lässt sich Brighton wunderbar zu Fuß erkunden. Und so viel ist sicher: Wäre Jane Austen hier gewesen, sie hätte sich nach einem Schaufensterbummel in eines der Cafés an der Strandpromenade gesetzt, einen Cream Tea bestellt und einfach zugesehen, wie die sogenannten Brightonians das Leben genießen.

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© Gmünder Tagespost 08.09.2017 18:25
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