Mit Insekten-Imitaten zur Fischjagd

Freizeittipp Im Nordschwarzwald wird die alte Kunst des Fliegenfischens neu kultiviert. Auch der aus Calw stammende Dichter Hermann Hesse hat diesen meditativen Sport geschätzt.
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    Foto: Joachim Haessler
Hier etwa muss es gewesen sein, da ist Hermann Hesse geschwommen, dort hat er vermutlich auch geangelt“, sagt Joachim Haessler und deutet auf das ruhige Wasser. In seiner Erzählung „Unterm Rad“ beschreibt der Dichter die weidenbestandenen Ufer vor den Mühlenwehren um Calw. Damals haben dort Gerber gearbeitet, die das Wasser zum Auswaschen ihrer Felle benötigten. Hesse liebte den Schatten der großen Weiden, liebte das Wasser, das dort „tief, grün und still wie ein See stand“. So steht es jedenfalls in der berühmten Erzählung geschrieben.

Plätzchen zum Baden

Tatsächlich ist das Wasser an dieser Stelle viel weniger bewegt, als es die Nagold sonst ist. „Im Sommer liegen hier oft viele Leute, genießen die Ruhe und springen ab und zu ins Wasser. Hier kann man gut schwimmen, es gibt keine Strömung, zudem ist das Wasser tief genug. Die Nagold ist meist zu flach dazu, man kann sich höchstens in ihr abkühlen“, weiß Haessler. Ob es denn erlaubt sei, hier zu schwimmen? „Ach“, sagt Haessler, „es ist nicht erlaubt, aber auch nicht verboten. Die Leute machen es halt einfach.“

Joachim Haessler ist ehrenamtlicher Gewässer- und Fischereiwart der Stadt Bad Liebenzell und leidenschaftlicher Fliegenfischer. Er kennt die Nagold in- und auswendig, seit vielen Jahren, und ist doch immer wieder aufs Neue begeistert von den Schönheiten der Landschaft und dem Spiel des Lichts. „Beim Fliegenfischen geht es nicht in erster Linie ums Fangen von Fischen, sondern ums Fischen mit selbst gebastelten künstlichen Fliegen“, erklärt Haessler. Das Fliegenfischen gilt als die intensivste Art, Flusslandschaften zu ergründen. „Unsere Gäste finden hier an der Nagold Ruhe und ein paar Stunden tiefe Erholung vom Alltag“, erzählt der Mann in seiner ruhigen und nachdenklichen Art.

Hobby zur Entspannung

„Bei dieser Art des Angelns kommt es nicht in erster Linie darauf an, möglichst viele Fische in kurzer Zeit zu fangen, sondern es geht eher um das Naturerlebnis an sich“, erzählt der Informatiker: Vor allem gestresste Geschäftsleute, viele auch aus dem Stuttgarter Raum, profitierten von der Freizeitbeschäftigung. Sie entspannen sich bereits nach wenigen Stunden total.

Im denkmalgeschützten Badhaus direkt an der Nagold kann man die Kunst des Fliegenbindens erlernen. Regelmäßig werden dort Kurse für angehende Fliegenfischer angeboten: Man lernt dort, wie man Imitate tatsächlich im Gewässer vorkommender Insekten herstellt, wie man die Gewässer „liest“ sowie wie und auch wann man mit der Rute einen Fisch fängt. „Die Entspannung beginnt schon beim Fliegenbinden, denn dafür braucht es Geduld und Naturverständnis.“

Lieferservice bis ans Ufer

Die Stadtverwaltung in Bad Liebenzell achtet streng darauf, dass immer nur eine bestimmte Anzahl an Fliegenfischern zur gleichen Zeit zugange ist und jeder ein schönes Plätzchen ganz für sich allein hat. Und nachdem die Angelrute wieder eingeholt ist, lässt sich an der Nagold prima picknicken: mit selbst gefangenen Fischen oder auch ohne. Die beiden engagierten Pächterinnen des Badhauses bringen auf Wunsch alles, was man zum Picknicken braucht, direkt ans Ufer: „British fly fisher picnic“ heißt dieser beliebte Lieferservice. Hermann Hesse hätte dieser Service bestimmt auch sehr gut gefallen.

Es geht in erster Linie nicht ums Fangen von Fischen.

Joachim Haessler
Gewässer- und Fischereiwart

Calw feiert in diesem Jahr den 140. Geburtstag des Dichters und den 175. Geburtstag seiner Mutter, Marie Hesse. Das sind zwar keine richtig runden Jubiläen, dennoch hat die Stadt im nördlichen Schwarzwald einiges auf die Beine gestellt. Bis weit in den Herbst hinein gibt es Lesungen und Konzerte, es werden Vorträge und thematische Stadtführungen angeboten. Auch eine neue Konzeption für das Hesse-Museum wurde beschlossen.
„Bis 2021 soll der Umbau fertiggestellt und auch eine neue Ausstellung eingerichtet sein“, erklärt Erika Schneider, die dort Führungen anbietet. Das 1990 eröffnete Museum zeigt die umfangreichste Sammlung über den Literaturnobelpreisträger von 1946 und den weltweit meistgelesenen deutschsprachigen Autor des 20. Jahrhunderts. Keine Frage, die Sammlung mit all ihren Manuskripten, Erstausgaben und Aquarellen des Dichters sowie den Fotos seiner Lebens-
stationen ist sehenswert und auch beeindruckend, dennoch ist das Museum etwas in die Jahre gekommen. Man ist damit befasst, sich eine zeitgemäßere Präsentation zu überlegen. Die Konzeption sieht vor, die Beziehung von Biografie und Werk in neun Themenräumen zu zeigen.

Verlässt man das Hesse-Museum, begegnet man dem 1877 geborenen Hesse weiterhin auf Schritt und Tritt. Der „Hermann-Hesse-Weg“ führt durch die malerische Innenstadt zu Orten, die mit dem Dichter und seiner Familie in Verbindung stehen. Zum Beispiel zu Hesses Geburtshaus am Marktplatz.

Das Haus, in dem sich heute unter anderem im Erdgeschoss

ein Modehaus
befindet, ist nicht öffentlich zugänglich. Dennoch hat der Besitzer Hermann Schaber ein weiches Herz und Verständnis für Hesse-Fans. „Wer bei uns klingelt und sagt, er sei ein großer Anhänger des Dichters, den lasse ich auch herein.“ Dass der kundige ältere Herr echte und falsche Hesse-Anhänger zu unterscheiden vermag, glaubt man sofort.

Das Geburtszimmer ist liebevoll hergerichtet und die Dachterrasse ein blumengeschmückter Traum! Im großen Hesse-Jahr 2002 haben Schaber und seine Familie die Dachterrasse auch öffentlich zugänglich gemacht: „Das Haus muss immer offene Türen haben“, sagt der freundliche Mann und fügt hinzu: „Hier herrscht der Geist über die Materie.“ Treffender hätte es Hesse selbst nicht sagen können.

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© Gmünder Tagespost 08.09.2017 18:29
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